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Mason Currey – Musenküsse

mason currey

Wer sich schon immer einmal fragte, wie berühmte Dichter und Denker, Musiker und Maler eigentlich ihren Tag bestreiten und wie sie sich Kreativität und Inspiration erhalten, wird mit diesem Buch des amerikanischen Autors und Journalisten Mason Currey ein herrliches Universum der künstlerischen Eigenheiten betreten. Erschienen im Kein & Aber Verlag führt es den Leser in die Tagesabläufe 88 berühmter Personen aus Kunst, Film, Literatur und Musik – mit so manch überraschender Anekdote.

Es liegt etwas Geheimnisvolles in künstlerischer Tätigkeit. Wie es nun eigentlich genau dazu kommt, dass jemand einen Roman schreibt, ein Musikstück kompiniert oder ein Bild malt, – weiß man nicht. Die wahrscheinlich häufigste Interviewfrage seit Jahr und Tag ist wohl noch immer – ,Wie kommen Sie eigentlich auf Ihre Ideen?‘ Manch ein Künstler mag dann antworten, sie flögen ihm einfach zu, sie passierten ihm mehr so zufällig, ganz ohne sein Zutun. Für andere ist das tägliche kreative Pensum wiederum harte Arbeit und nur in der Einbettung stetiger Routine überhaupt möglich. Wie die Idee den Künstler nun erreichen, ob durch göttliche Fügung oder Zufall, wird dieses höchst unterhaltsame Buch nicht beantworten – mit welchen Hilfsmitteln der Künstler allerdings versucht, seine Muse bei Laune zu halten, ist hier bestens dargestellt.

Von Schostakowitschs Zeitgenossen kann sich niemand entsinnen, ihn jemals arbeiten gesehen zu haben. Der russische Komponist entwarf neue Werke vollständig in seinem Kopf und notierte sie dann in Höchstgeschwindigkeit. Wenn er nicht gestört wurde, schaffte er zwischen zwanzig und dreißig Partituren pro Tag, eine Korrektur war selten nötig.

Es konnte schonmal passieren, dass Schostakowitsch einfach für einige Stunden in sein Arbeitszimmer verschwand und eine Idee notierte. Stets ruhelos, rastlos, immer elektrisiert von der eigenen Schaffenskraft. Strawinski schloss hingegen, bevor er zu komponieren begann, stets die Fenster. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, dass ihn jemand dabei hörte. Gustav Mahler schottete sich unweit seiner Villa am Wörthersee in einem Komponierhäuschen von der Welt ab – und weil er, bevor er zu arbeiten begann, niemanden sehen wollte, nötigte er seine Köchin, halsbrecherische Umwege zu laufen, um ihm nur nicht zu begegnen. Richard Strauss hingegen war überzeugt, ‚er müsse eben komponieren, wie eine Kuh gemolken werden müsse.‘

curreycollage

Viele Künstler – so zum Beispiel James Joyce, Samuel Beckett, Jean-Paul Sartre, Francis Bacon oder Fitzgerald – hielten den gelegentlichen Rausch offensichtlich für unerlässlich für ihre künstlerische Arbeit. Literweise Rotwein, Aufputschmittel, Beruhigungstabletten, Kaffee und Zigaretten wurden da konsumiert, die Meinungen darüber, wie förderlich das tatsächlich war, gehen auseinander. Liest man, was gelegentlich Eingang in Sartres Organismus fand, wird einem unversehens ein bisschen blümerant.

Die Biografin Annie Cohen-Solal berichtet: Innerhalb von vierundzwanzig Stunden ernährte er sich von zwei Päckchen Zigaretten, mehreren Pfeifen mit starkem Tabak, über einem Liter Alkohol – Wein, Bier, Wodka, Whiskey und so weiter -, zweihundert Milligramm Amphetaminen, fünfzehn Gramm Aspirin, einigen Gramm Barbituraten und dazu von Kaffee, Tee und schweren Mahlzeiten.

Daneben erscheint Proust, der ,Auf der Suche nach der verlorenen Zeit‚ fast ausschließlich in seinem Bett bei Café au lait und Croissants schrieb wie ein kränklicher und weinerlicher Waisenknabe. Manch ein Künstler schwört auf seine tägliche Routine. Jeden Tag zur selben Zeit dasselbe zu tun – am besten auch jeden Tag dasselbe zu essen – spare das Nachdenken darüber, diese lästigen Alltagstätigkeiten gingen einfach irgendwann in Fleisch und Blut über, wenn man sie nicht willkürlich und gemeingefährlich variierte.

Ich stehe morgens auf, gehe in mein Büro und schreibe. Und dann zerreiße ich alles. Das ist meine einzige Gewohnheit.

…,gibt Arthur Miller zu Protokoll. Wer nun also wissen möchte, weshalb Patricia Highsmith dreihundert Schnecken in ihrem Garten Obdach bot, wer vor dem Einschlafen Volkslieder sang,um seine Lunge zu kräftigen, wen interessiert, weshalb Beethovens Waschrituale ihn zu einem höchst ungebetenen Mieter machten und weshalb Schiller stets einen fauligen Apfel in seinem Schreibtisch aufbewahrte, der wird um dieses liebevoll zusammengestellte Potpourri menschlicher Absonderlichkeiten nicht herumkommen. Es macht die Künstler plötzlich wieder so menschlich und die eigenen Spleens plötzlich zu etwas besonderem. Ein wunderbares Geschenk, eine anregende Lektüre!

Mason Currey: Musenküsse, Kein & Aber Verlag, Aus dem Amerikanischen von Anna-Christin Kramer, 256 Seiten, 978-3036956947, 14,90 €

8 Kommentare

  1. Liebe Sophie,
    zwar bin ich gerade nicht wirklich bei künstlerischen Arbeiten, eher bei beurteilenden, aber Du zeigst mir in Deiner schönen Buchbesprechung gleich eine ganze Liste an Möglichkeiten, wie ich meine Befindlichkeit in angenehmere Bereich transformieren kann. Werde es jetzt am frühen Morgen erst einmal mit Rotwein zum Rotstift versuchen (hicks) :-).
    Viele Grüße, Claudia

  2. Pingback: Sonntagsleser: Blog-Presseschau 13.04.2014 (KW15) | buecherrezension

  3. Hallo liebe Sophie, dass klingt nach einem unterhaltsamen, interessanten Buch. Wobei sich mir bei solchen Büchern (Biographien uä) immer gleich die Frage stellt, wie fundiert die Aussagen sind, wie wahr und ob sie sich tatsächlich so zugetragen haben…. Oder ist das eigentlich egal? Ich schwanke immer zwischen dem Bedürfnis, versichert zu bekommen, dass etwas „wahr ist“ und sich tatsächlich so zugetragen hat (doch wer kann das schon mit Bestimmtheit wissen 😉 und dem Gedanken, dass es doch eigentlich garnicht darauf ankommt, sondern vielmehr auf den Inspirations- Wert, der Gechichten.
    Was meinst du/ihr dazu?
    Liebe Grüße xxx

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