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Lisa Kreißler – Blitzbirke

blitzbirke

Lisa Kreißler ist eine deutsche Autorin. Sie studierte Theater – und Medienwissenschaften, Psychologie und Nordische Philologie. Sie arbeitete als Journalistin in Berlin und gewann 2009 den Publikumspreis beim KulturSPIEGEL Nachwuchsautorenwettbewerb. Seit Oktober 2010 studiert sie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und war 2011 Finalistin des 19. open mike. Blitzbirke ist ihr Romandebüt und erscheint im mairisch Verlag.

Es war vermutlich eines der meistgekauften Bücher am diesjährigen Indiebookday. Sei es nun wegen der höchst ansprechenden Gestaltung, des interessanten Titels oder der irgendwie geheimnisvoll anmutenden Handlung – dieses märchenhafte Debüt ist in vielerlei Hinsicht ein Hingucker, gespickt mit sprachlichen Perlen und atmosphärischen Besonderheiten. Das kleine Dorf Odinsgrund, in dem Erzählerin Edda aufgewachsen ist und in dem ihre Eltern noch immer leben, verwandelt sich in eine Art Parallelwelt, in der Vergangenheit und Gegenwart miteinander ringen. Mit gemischten Gefühlen steigt Edda mit ihrem Freund Hans in den Zug, der sie nach Odinsgrund bringt.

LAUTSPRECHER: (knackt) Liebe Fahrgäste! So was Schönes! Gucken Sie sich das mal an! So was kriegt man nicht alle Tage zu sehen. Das ist der schönste Regenbogen, den ich seit 1996 gesehen habe. (Lachen) Unglaublich! (Es knackt)

Eddas Vater, den alle nur Oskar nennen, ist bei dem Versuch, eines der Lieblingspferde seiner Töchter doch noch zu reiten, schwer gestürzt. Mehrere Rippen sind gebrochen, riesige Hämatome kriechen vom Steißbein den Rücken hinauf. Und so kommt die Familie im verschlafenen Odinsgrund wieder zusammen, Edda und Hans, Eddas Schwester Skadi und ihr Ehemann Leif und deren Mutter Emma. Emma, die immer müde und traurig aussieht, Emma, die den Brustkrebs überwunden hat, Emma in Gesundheitsschuhen, um die ihre Töchter sich noch immer sorgen. Jede Minute. Oskar wird überraschend früh aus dem Krankenhaus entlassen und so findet das geplante Familienfest zum 30. Hochzeitstag doch noch statt.

Ich schlafe nicht gut in diesem Haus. Da macht es womöglich keinen Unterschied, mit welchen Gespenstern man sich das Bett teilt.

Wie das stete Blinken einer Warnleuchte blitzt immer wieder die Vergangenheit in der Gegenwart auf. Besuche im Krankenhaus, Skadis Selbstmordversuch, – dieser Ort vereint zwei Zeitebenen, macht das Verschwiegene, das Verdrängte in der Familie greifbar. Unter der Blitzbirke – Eddas Lebensbaum, den ihr Vater pflanzte, als sie das Licht der Welt erblickte und der, widerständig, wie er war, sogar einen Blitzeinschlag unbeschadet überstand – essen sie, plaudern sie und über allem liegt dieser Hauch Traumartigkeit, eine wattige Distanz.

Vom Feld her kommt der Abend über unser Haus. Lodernd beschienen von der halbmondförmigen Sonne, die sich hinter dem Schweinestall  dickflüssig auf den Horizont ergießt, weht der feine Sand geschnittenen Strohs in den Garten.

In einem schier surrealen Finale versucht Hans – der abgesehen von seinen Zeichnungen des Dorfes überraschend wenig in Erscheinung getreten ist – Edda von der reinen Gegenwart zu überzeugen. Nicht der Blick in die Vergangenheit, sondern die volle Wahrnehmung des Hier und Jetzt setzt Kräfte frei, schafft Ruhe und Einklang. Lisa Kreißler überzeugt mit wunderbar poetischen Naturschilderungen und einem Gespür für eben jene Zwischentöne der Vergangenheit, mit ihrem Roman aber nur teilweise. Die größtenteils unverbundenen Episoden in Odinsgrund wirken zu lose, der rote Erzählfaden fehlt. So hat ,Blitzbirke‚ zwar märchenhafte Züge – den Familienhund Füchschen, der ganz genau spürt, wenn etwas im Argen liegt – , krankt aber etwas an den Erwartungen, die es heraufbeschwört. So ist die angekündigte Kraft der Liebe zwischen Edda und Hans allenfalls am Ende zu spüen, die Charaktere bleiben überwiegend unerreichbar und blass, wie hinter Milchglas.

Lisa Kreißler kann schreiben, fraglos, nur bleibt dieses Debüt zu fragmentarisch, vielleicht auch zu artifiziell und zu fixiert auf seine eigene Poesie. Der Leser stürzt durch die Löcher, die beim Verweben der einzelnen Erzählsituationen entstehen und findet nur schwer wieder zurück nach Odinsgrund. Wo es Äffchen gibt und Riesen. Vulkangestein, Vergangenheit, Vergänglichkeit. Vielleicht macht aber auch das einen ganz bestimmten Reiz aus, diese traumwandlerische Reise in ein Dorf, das schon so klingt wie ein Märchenwald voller Geschichten.

Lisa Kreißler: Blitzbirke, mairisch Verlag, 185 Seiten, 17,90 €, 9783938539309

5 Kommentare

  1. Wie sieht es denn bei dem Roman mit dem Bezug zur nordischen Mythologie aus? Die Namen allein geben ja schon einiges her…
    Liebe Grüße
    Kef

    • Liebe Kef,
      vielleicht sind Anspielungen enthalten. Dafür kenne ich mich aber mit nordischer Mythologie viel zu wenig aus. Die Namen sind mir wohl aufgefallen, sonst aber nicht viel dazu. Anderen, die da kundiger sind, mag sich vielleicht noch eine Ebene erschließen, die mir verborgen geblieben ist.
      Liebe Grüße

      • Leider kenne ich mich da auch nicht gut genug aus, aber vielleicht findet sich ja noch jemand, der daraus etwas ableiten kann. Ich kann mir kaum vorstellen, dass man derart gewichtige Namen einfach nur so nutzt, zumal du ja auch schreibst, dass sie nordische Philologie studiert hat. Ich bleibe also weiterhin gespannt, lasse aber erst einmal die Finger von der Lektüre…
        Liebe Grüße
        Kef

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