Rezensionen, Romane
Kommentare 3

Thomas Klugkist – Hanna und Sebastian

Thomas Klugkist ist ein deutscher Autor. 1965 in Lübeck geboren, schrieb er seine Dissertation über Thomas Manns ,Doktor Faustus‘ und veröffentlichte den Essayband ,49 Fragen und Antworten zu Thomas Mann‘. Er war Ressortleiter und stellvertretender Chefredakteur im Rundfunk und lebt heute als freier Autor und Unternehmer im kulturellen Bereich in Berlin. ,Hanna und Sebastian‚ ist sein Romandebüt und erscheint im Verlag C.H. Beck.

Das Briefeschreiben hat sich im Zeitalter der SMS und E-Mails, der Facebookposts und What’s App Nachrichten zu einer romantischen Tätigkeit entwickelt, zu einer Reminiszenz an vergangene Zeiten, in denen man angesichts besonders schönen Briefpapiers oder eben des lang ersehnten Briefes an sich in Verzückung geraten konnte. Thomas Klugkist schreibt mit ,Hanna und Sebastian‘ sowas wie einen modernen Briefroman, der zwar manches Mal ein bisschen die Bodenhaftung zu verlieren droht, insgesamt aber von einer Beziehung zweier Menschen zeugt, wie jeder sie sich wünscht. Ideell und gedanklich über räumliche Grenzen hinweg spürbar.

Was meinst du? War es denn nicht das, was die Tage so reich, so frei gemacht hat, dass wir uns, von den Bedingungen unseres Treffens einmal abgesehen, ausnahmslos alles sagen konnten? Dass wir sonst gar nicht befürchten mussten, Entscheidendes im Geplapper an die Luft zu setzen, sondern sicher sein konnten, dass es weiterhin gut und sogar besser aufgehoben war, weil jetzt zwei darauf aufpassten?

Hanna und Sebastian treffen sich in Rom und verleben intensive Tage miteinander. Trotzdem das Leben sie in unterschiedliche Richtungen treibt, verlieren sie sich nicht aus den Augen und beginnen eine Art „Beziehungsexperiment“. Künftig wollen sie sich in Briefen mit dieser entwaffnenden Offenheit und Ehrlichkeit begegnen, die sie bereits in Rom so aneinander band, sie auf so kluge Weise voneinander lernen und aneinander wachsen ließ. Hanna arbeitet als Ärztin in München, Sebastian lebt als Redakteur beim Rundfunk in Berlin, doch beide sind immer auf postalischem und emotionalem Wege miteinander verbunden. Beide haben sie Partner und schaffen in ihren Briefen dennoch einen völlig abgetrennten Raum, ein Hintertürchen aus der Alltagsroutine.

Ich glaube, man liebt das Leben,wenn man dieses ewige Déjà-Vu liebt, wahrscheinlich ist das sogar der Prüfstein, ob man in der Lage ist, jeden Zopf und jede Nase achselzuckend zu begrüßen: Das hatten wir schon? Umso besser,noch einmal! Nur das Briefeschreiben fällt glücklicherweise heraus und bleibt außen vor …

In diese sprachliche, wörtliche Intimität hinein brechen Schicksalsschläge auf beiden Seiten. So leidet Hanna mit ihrer magersüchtigen Schwester, die, vom Freund der Mutter missbraucht, keinen Halt im Leben findet. Auch sie selbst wurde, wie ihre Schwester Rebecca, Opfer sexueller Gewalt seitens des Partners ihrer Mutter und ist fortan nahezu außerstande, Kontrolle in ihrem Leben abzugeben. Nachdem sie sich von ihrem Freund Markus trennt, nimmt der sich das Leben. Sebastian findet Sibylle, einen herzensguten, ja nahezu schmerzhaft perfekten Menschen, der in diesem Wohlwollen anderen gegenüber stets auch eine gewisse Distanz pflegt. Er bekommt mit ihr ein Kind und als das zweite unterwegs und die Freude groß ist, wird bei Sibylle Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert. Sie verliert das ungeborene Kind und verweigert im Glauben an das Schicksal jede Behandlung.

Es gab schon viele, die sich auf ihrem letzten Laken gegrämt haben, dass sie zu wenig Zeit mit ihrer Frau oder ihrem Mann oder ihren alten Eltern oder ihren Kindern verbracht haben, aber ich wette, es gab verschwindend wenige, die meinten, sie hätten noch mehr Akten abarbeiten, mehr Meetings organisieren, mehr Umsatz machen sollen.

Jeder von beiden, Hanna wie Sebastian, kämpft mit seinen Dämonen, begibt sich in ungünstige Beziehungen, in allzu fordernde und kräftezehrende Situationen. Beiden gemein ist der Hang zum Philosophieren und Hinterfragen dieser Dinge und so begegnen sie sich stets mit dem Anspruch, wahr zu schreiben, auch wenn sie bereits, ganz dem modernen Zeitalter gemäß, auf SMS und E-Mails umgestiegen sind. Zwischendurch gibt es Jahre und Monate der Funkstille, dann nehmen sie ihre Korrespondenz wieder auf, vertiefen sie, spenden Trost, – und all das, obwohl sie nie mehr ein persönliches Treffen zustandebringen.

In Hanna und Sebastian spiegelt sich unser aller Bedürfnis nach einem Menschen, dem wir uneingeschränkt vertrauen, an den wir uns in schweren Zeiten anlehnen und vor dem wir kein Blatt vor den Mund nehmen müssen. Einem Menschen, dem wir uns verletzlich zeigen, den wir auch zu unseren Abgründen nehmen und ihn an seine begleiten können, in der Gewissheit, vor dem Hineinstürzen bewahrt zu sein. Hin und wieder ergehen sich beide in Debatten über Transzendenz und Körperlichkeit, über Geschlechterrollen und ihre Gültigkeit. Debatten, die ein wenig zu konstruiert und wohlformuliert wirken, fast künstlich dadurch, obwohl sie doch durchaus wichtige Punkte umreißen. Das allerdings tut der Intensität, in der Klugkist diese besondere Beziehung zweier Menschen in Sprache fasst, keinen Abbruch. Hanna und Sebastian bleiben, trotz aller Ausflüge ins Überirdische und Metaphysische, auch über ihr Zerwürfnis hinaus ein wohhltuender Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die mit ihren Beziehungen vielfach so pfleglich umgeht wie mit ihren Produkten.

Thomas Klugkist – Hanna und Sebastian, C.H. Beck, 432 Seiten, 9783406659607

3 Kommentare

  1. Pingback: [Die Sonntagsleserin] KW #11 – März 2014 | Phantásienreisen

  2. Hallo,
    ich habe das Buch gerade eben bestellt. Deine Besprechung ist daran schuld, denn ich konnte sie einfach nicht vergessen. Jetzt müssen mein Partner und ich uns darum streiten, wer „Hanna und Sebastian“ zuerst lesen darf, weil deine Zeilen auch ihn sehr neugierig gestimmt haben. Mal gucken wer gewinnt!

    Es grüßen,
    Oliver und Tanja

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.