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Stefan Bachmann – Die Seltsamen

Stefan Bachmann ist ein Schweizer Autor. Geboren 1993 in Boulder/Colorado gilt er als neues literarisches Wunderkind. Bachmann lebt seit seinem 11. Lebensjahr in Zürich und studiert dort am Konservatorium mittlerweile Orgel und Komposition. Seinen Fantasyroman ,Die Seltsamen‘ schrieb er auf Englisch. Bachmann träumt davon, Filmkomponist zu werden und hat sogar die Trailermusik zu seinem Roman selbst komponiert. ,Die Seltsamen‘ – eine Fortsetzung ist für den Herbst geplant – erscheint in der Übersetzung von Hannes Riffel im Diogenes Verlag.

Wer heute noch einen Fantasyroman veröffentlicht, ist entweder sehr mutig oder sehr wahnsinnig. Oder beides. Kein literarisches Genre wurde seit Herr der Ringe und Harry Potter so konsequent vermarktet, so gänzlich ausgehöhlt wie dieses. In kaum einem anderen Bereich strömen noch immer derart viele Neuerscheinungen, Prequels und Sequels und mehr oder weniger gute Kopien (von Kopien), auf den Markt, – ja, man könnte meinen, der Leser sei übersättigt. Habe sich sattgefressen an Hexen, Zauberern, Zauberschulen, Orks und diesen Schlachten, die über den Fortbestand der Welt entscheiden. Vielleicht ist das so. Vielleicht gibt es aber auch dennoch Gründe dafür, sich Stefan Bachmanns Debüt näher anzusehen.

Federn fielen vom Himmel.
Gleich schwarzem Schnee schwebten sie auf eine alte Stadt namens Bath hinab, taumelten über Dächer und sammelten sich in den Ecken und Winkeln der Gassen, bis alles dunkel und still war wie ein Wintertag.

Stefan Bachmanns Geschichte spielt im viktorianischen London, in dem Feen und Mischlinge strikt separiert vom Rest der Gesellschaft leben, geächtet, ins Abseits gedrängt werden sie von den normalen Menschen verachtet. Besonders die ,Seltsamen‚, das heißt, die Mischwesen zwischen Feen und Menschen, von äußerst unansehnlicher Gestalt, lassen sich lieber nicht außerhalb ihrer vier Wände sehen. Ja, manch einer baut seine Existenz im Verborgenen auf. So wie der junge Bartholomew Kettle, seine Schwester Hettie und deren Mutter. Den Kindern ist das Spielen mit anderen untersagt, sie fristen ihr Dasein in den kümmerlichen Räumen des kleinen Bather Hauses. Anders Arthur Jelliby, ein angesehener, wenn auch höchst unscheinbarer Gentleman, dessen Mitgliedschaft im Staatsrat ihm eine gewisse gesellschaftliche Stellung sichert. Beide, der Junge und der gestandene Mann, werden, obwohl sie sich nie zuvor begegnet sind, schon bald eine eingeschworene Gemeinschaft bilden müssen, um gegen die dunklen Mächte zu bestehen, die sich über London zusammenbrauen.

Arthur Jelliby war ein ausgesprochen netter junger Mann, was vielleicht erklärt, weshalb er es als Politiker nie weit gebracht hatte. Er war nicht etwa deswegen Parlamentsabgeordneter, weil er besonders klug gewesen wäre oder sonst über irgendwelche Talente verfügt hätte, sondern weil seine Mutter eine hessische Prinzessin mit guten Verbindungen war und mit dem Herzog von Norfolk Krocket gespielt hatte.

Ausgerechnet Justizminister Lickerish führt Grausiges im Schilde. Nicht nur, dass er Mischlingskinder ermorden lässt, er plant auch, ganz den Allmachtsphantasien der richtig Bösen würdig, jenes Portal zur Welt der Feen wieder zu öffnen, das vor langer Zeit schon einmal für furchtbare Kriege und letztlich auch den Verbleib der Feen in dieser Londoner Welt verantwortlich war. Als Bartholomews Schwester Hettie schließlich entführt wird und sein Weg den Arthur Jellibys kreuzt, nimmt der Roman Fahrt auf, gewinnt er an Liebenswürdigkeit, denn Bachmann lässt sich viel Zeit, seine Figuren getrennt voneinander zu entwickeln, bevor sie zum ersten Mal zusammentreffen.

Nun kann sich natürlich auch ein Roman wie dieser nicht gänzlich von den vorherigen Einflüssen seines Genres freimachen. Hin und wieder entdeckt man Ideen und Bilder, die einem bekannt vorkommen, sieht man den Hogwartsexpress durch die Lande tuckern oder die belebte Winkelgasse auferstehen. Bachmanns Qualitäten bestehen aber ohne Zweifel darin, dass er aus diesen Versatzstücken eine ganz andere Welt konstruiert. Eine Welt, in der der Leser zwar dieses oder jenes wiederzuerkennen glaubt, sich aber letztlich doch in einem eigenen Universum wiederfindet.

Er stieg aus dem Eisenbahnwaggon in die Dampfschwaden auf dem Bahnsteig hinab. Er hatte viel von dieser lotrechten, schmutzigen Stadt gehört, war jedoch noch nie dort gewesen. Hierher kam man nur, wenn einem keine andere Wahl blieb.

Nicht viele Fantasyromane spielen im viktorianischen London, nicht viele verbinden Steampunk und klassische Fantasykreaturen. Bachmann schreibt flüssig und griffig, auch wenn sich manch ein Zusammenhang erst im Laufe der Lektüre erschließt. In Amerika wurde Stefan Bachmann durch diesen Roman erst achtzehnjährig zum Star der jungen Literatur. ,Geistreich und hochbegabt‚ nennt die Los Angeles Times dieses Debüt – und selbst als Leser, der die Fantasy-Literatur sonst meidet, findet man hier Anknüpfungspunkte. Wer gern in diesem Genre unterwegs ist, dem sei dringend dazu geraten, ,Die Seltsamen‚ unter die Lupe zu nehmen. Eigenwillig, phantsievoll und höchst kreativ – so lasse auch ich mir mal einen Fantasyroman „schmecken“.

3 Kommentare

  1. Liebe Sophie,
    hier ist die Besprechung für mich interessanter als das besprochene Buch, weil ich etwas über SF lerne. Trotzdem ist das ein Genre, was mir völlig fremd ist. Die Zitate und der beschriebene Inhalt erinnern entfernt an Charles Dickens, schön – und an Harry Potter, uhuhuh.
    Die Besprechung finde ich klasse, weil man als Leser eine sehr gute Vorstellung davon bekommt, was einen erwartet. Das krieg ich leider nicht immer so gut hin, wie Du.
    Liebe Grüße, Kai

  2. Pingback: [Die Sonntagsleserin] KW #13 – März 2014 | Phantásienreisen

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