Rezensionen, Romane
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Jean Echenoz – 14

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Jean Echenoz ist ein französischer Autor. Er studierte Soziologie und Bauwesen und wurde einem größeren Publikum mit seinem Roman ,Ich gehe jetzt‚ bekannt, für den er 1999 den Prix Goncourt erhielt. Er erzählt von einem Mann, der aus Lebensüberdruss entscheidet, seine Frau zu verlassen und, ganz dem klassischen Abenteuerroman gemäß, das Besondere zu suchen. ,14‘ erscheint, zum Gedenkjahr 2014, in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel im Hanser Verlag.

Viel wurde geschrieben über den Ersten Weltkrieg, gerade in diesem Jahr drängen viele Neuerscheinungen auf den Markt, die neue Perspektiven auf diese Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts eröffnen sollen. Vowiegend im Sachbuchbereich zwar, aber auch in der Belletristik lässt sich die ein oder andere Entdeckung machen, wie hier vorliegendes schmales Bändchen Erzählkunst eindrücklich unter Beweis stellt.

Da das Wetter sich ganz ausgezeichnet dafür eignete und es Samstag war, ein Tag, an dem seine Tätigkeit ihm erlaubte, nicht arbeiten zu müssen, war Anthime nach dem Mittagessen zu einer Radtour aufgebrochen. Seine Pläne: die pralle Augustsonne genießen, sich ein wenig ertüchtigen und die Landluft tief einatmen, wahrscheinlich auch, im Gras liegend, lesen, denn er hatte an seinem Fahrzeug mit einem Gummispanner ein Buch befestigt, das für den Drahtgepäckträger zu voluminös war.

Es ist der Sommer 1914, der Tag der Mobilmachung, die durch laut ertönendes Glockengeheul unmissverständlich verkündet wird. Man hatte damit gerechnet, wenn man sie auch nicht so schnell erwartete. Anthime und sein Bruder Charles sowie deren Kaffeehausfreunde Arcenel, Padioleau und Bossis werden zügig einberufen und in die Ardennen an die Front geschickt. Die Stimmung ist gut und man rechnet mit einer schnellen Heimkehr, spätestens Weihnachten. Das Bewusstsein für das Folgende wird überschattet von einer mehr oder weniger großen, durch Patriotismus gespeisten Begeisterung, der Krieg, wie er tatsächlich ist, übersteigt alle Vorstellungskraft der jungen Männer.

Hüte, Schals, Blumensträuße und Taschentücher wurden in alle Richtungen gewedelt, Körbe mit Wegzehrung durch die Fenster gereicht, man drückte kleine Kinder und Greise, Paare umarmten einander, Tränen platschten auf die Trittbretter – wie man es heute auf dem großen Fresko von Albert Herter im Elsass-Saal der Gare de l’Est sehen kann.

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Le Départ des poilus, août 1914 (1926), Albert Herter

Jean Echenoz zeichnet nun im Folgenden, brilliant verknappt und in schnörkelloser Sprache, die Erlebnisse der fünf Männer nach, an denen der Leser exemplarisch die Gräuel des Krieges erlebt. Was beschwingt und hochmotiviert begann, wird zu einem zermürbenden Stellungskrieg, der letztlich drei der fünf Männer auf ganz unterschiedliche Weise das Leben kostet. So stürzt Charles, dessen schwangere Frau Blanche zuhause seiner baldigen Rückkehr harrt, schon kurz nach der Ankunft mit einem Beobachterflugzeug ab. Bossis stirbt durch Granatfeuer im Schützengraben. Arcenel, der sich seinerseits nach einer Typhusimpfung nur die Beine vertreten will, wird als Deserteur zum Tode verurteilt und erschossen.

Alles riecht ungelüftet, sogar man selbst und auch noch in sich, in seinem eigenen Inneren, hinter den Stacheldrahtverhauen, an denen sich zersetzende und zerfallende Leichname aufgehakt sind und an denen die Pioniere manchmal die Drähte ihrer Funkgeräte befestigen – keine leichte Aufgabe für sie, die Pioniere schwitzen vor Erschöpfung und Angst, ziehen ihren Mantel aus, um bequemer arbeiten zu können, hängen ihn über einen Arm, der aus der umgepflügten Erde ragt und ihnen als Kleiderständer dient.

Echenoz spart nicht mit grausigen Details, so wie einst schon Remarque, ohne sich jedoch in voyeuristischer Manier lange daran aufzuhalten. Vielmehr sind es in ihrer Kürze eindrückliche Moment – und Bestandsaufnahmen, die in ihrer Allgemeingültigkeit ein nüchternes Bild des Krieges zeichnen. Entmenschlichung, den Verlust aller Kultur, einzig zurückgeworfen auf den archaischen Kampf um’s Überleben. Die Männer fallen in mancher Schlacht wie die Fliegen, die Fliegen wiederum ernähren sich von den Gefallenen. Auf 124 Seiten finden sich vier Jahre Krieg komprimiert, gespiegelt in fünf Schicksalen und einer zurückgebliebenen Frau.

Nun entgeht man dem Krieg nicht einfach so. Die Lage ist simpel, man sitzt fest: Vor’n der Feind, hier Ratten und Flöhe, hinter einem die Feldgendarmerie. Die einzige Lösung besteht darin, untauglich zu werden, also wartet man mangels besserer Möglichkeiten auf eine passende Verwundung, ja ersehnt sie irgendwann, denn sie verschafft einem den Passierschein in die Heimat (siehe Anthime), nur ist das Problem eben, dass sie nicht von einem selbst abhängt. Manche versuchen folglich, sich diese hochwillkommene Verwundung unauffällig selbst zuzufügen, zum Beispiel, indem sie sich in die Hand schossen, aber meist funktionierte das nicht: Sie wurden überführt, verurteilt und wegen Hochverrats erschossen.

Anthime verliert im Gefecht seinen rechten Arm, den er selbst Monate nach der Rückkehr noch immer so spürt als säße er dort, wo er immer war. Padioleau, durch einen Giftgasangriff erblindet, vermag sich mit seiner Versehrung, die ihm jede früher gern verrichtete Tätigkeit versagt, kaum zu arrangieren. Nun darf und kann man zu Recht die Frage stellen, was Echenoz‘ Roman eklatant von anderen seiner Art unterscheidet. Welchen neuen und besonderen Ansatzpunkt er im Erinnern an den Ersten Weltkrieg liefert. Seine Stärke liegt unbestritten in der absoluten Verknappung, dem Herunterbrechen auf einzelne, für sich stehende Szenen und Erlebnisse. Keine stilistischen Schnörkel, kein überflüssiger Satz, kaum ein Wort über das Notwendige hinaus. So entwickelt der Roman eine Kraft, die ihn von anderen, weit ausschweifenderen Artgenossen wohltuend abhebt. Mehr gibt es nicht zu sagen, genug ist gesagt worden. Bloß selten in einer so erschütternden Klarheit und Schärfe.

5 Kommentare

  1. Habe das Buch auch vor wenigen Tagen gelesen. Echenoz ist ein Meister der Verknappung, da stimme ich dir zu. Absolut lesenswert!

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