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Diskussionskulturen in der Petrischale

Sibylle Lewitscharoff macht von sich reden. Diesmal nicht, weil sie ihrer beachtlichen Sammlung an renommierten Literaturpreisen (Büchner-Preis, Kleist-Preis, Preis der Leipziger Buchmesse, Bachmannpreis) einen neuen hinzuzufügen hätte. Auch nicht, weil sie sich über den Online-Giganten Amazon auslässt – für den dort zu verortenden Imageschaden kann sie nicht verantwortlich gemacht werden. Wohl einer der Gründe, weshalb ihre Schmährede auf das Unternehmen, das sie als ,widerlich‘ bezeichnete, größtenteils wohlwollend bis gleichgültig aufgenommen wurde. Irgendwie hat sie ja Recht, sagte man.

Nein, diesmal reicht ihr rhetorischer Fauxpas wesentlich weiter. Kann man es, angesichts weithin bekannter Geschäftsmethoden, noch plausibel bis notwendig finden, ein Unternehmen, das seine Mitarbeiter zu Billiglöhnen unter denkbar schlechten Arbeitsbedingungen beschäftigt, widerlich zu heißen, ist es bedenklich, bestimmten Menschen ihre Menschlichkeit abzusprechen. Am 02. März hielt Sybille Lewitscharoff im Dresdner Schauspielhaus eine Rede, in der sie künstliche Befruchtung aufs Schärfste kritisierte. Menschen, die aus einer künstlichen Befruchtung hervorgingen, seien für sie ,Halbwesen‘ und, obwohl diese für ihre Herkunft wohl am wenigsten könnten, werde sie hier von ihrer Abscheu übermannt. Wider die Vernunft.

Sie zog Vergleiche zu ,nationalsozialistischen Kopulationsheimen‚ und ließ in diese Rede offensichtlich so einige krude Ressentiments einfließen, so manch schiefes Gedankengebäude wurde dargeboten. Hier ist die ganze Rede der Sibylle L. nachzulesen, die wohl künftig an dieser jener Entgleisung gemessen werden wird, die sie sich In Dresden erlaubte. Sowohl der Chefdramaturg des Dresdner Schauspielhauses Robert Koall als auch der Suhrkamp Verlag, in dem Lewitscharoffs Bücher erscheinen, distanzierten sich ausdrücklich von dieser Tirade. Menschenfeindlich sei sie, menschenverachtend, widerlich, so Koall.

Erst langsam beginnt die Welle der medialen Resonanz sich zu ihrer vollen Größe aufzurichten, – viel spannender als Lewitscharoffs Fehltritt aber sind die Diskussionen, die ganz am Rande geführt werden und ein interessantes Stimmungsbild unserer Gesellschaft widergeben. Es ist vermutlich völlig unstrittig, dass Bezeichnungen wie ,halbkünstliche Weißnichtwas‘ und die Idee eines Onanieverbots indiskutabel sind, nah am Rande der Absurdität. Abseits der Debatte aber wird einmal wieder die Diskussion um Meinungsfreiheit entfacht. Was darf man sagen? Und was nicht? Darf man alles sagen, was einem – egal in welchem Zustand – so durch die Gehirnwindungen poltert?

Ganz grundsätzlich darf ja erstmal jeder alles sagen. Sagen die meisten. Eine der größten Errungenschaften unserer Kultur sei doch das Recht auf freie Meinungsäußerung. Häufig und gern eingeleitet mit der Floskel ,Man wird doch wohl noch sagen dürfen ..‚ Ultra-orthodoxe Meinungsliberalisten sind indessen allerdings gleichzeitig der Ansicht, jede noch so abseitige Meinung müsse auch kommentarlos hingenommen werden. Jeden kräftigen Rückenwind verstehen sie als Versuch, Zensur zu üben und Rechte zu beschneiden. Gemäß dieser Argumentation wäre auch jede halbwegs diplomatisch dargebrachte Beleidigung eben bloß eine Meinung.

Andere forden einen journalistischen Aufschrei auf allen Kanälen (sowas wie ein reinigendes Gewitter?), so etwas könne man doch nicht so stehenlassen, widerwärtig, eine abartige Person, ihre Bücher waren sowieso schon immer doof. Plötzlich kanalisiert sich alle Abneigung, aller Frust, alle Fassungslosigkeit angesichts der weltlichen Ungerechtigkeiten und entlädt sich geballt über dem Haupte Sibylle Lewitscharoffs, die zwar fraglos mit dieser Rede in die Annalen des schlechten Geschmacks eingehen dürfte, aber doch in diesem Falle bloß wieder Stellvertreter ist. Stellvertreterfigur für eine Gesellschaft, die sich gern strohfeuerartig empört, um ebenso schnell wieder zur Tagesordnung überzugehen.

tu gutes

Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart geboren und im Schwäbischen aufgewachsen, mutmaßlich zu dieser Gruppe von Menschen, die qua ihrer vergleichsweise fundamentalistischen Einstellung alles abseits des natürlichen Zeugungsaktes für widerlich und abscheulich halten. Das ist engstirnig, ohne Frage – und darüber zu berichten, ist Aufgabe der Medien. Viel wichtiger wäre aber ganz offenbar angesichts all der aufgebracht durcheinanderbrüllenden Massen: das Erlernen einer Diskussionskultur, die mehr kennt als schwarz oder weiß. Einer Kultur, in der die Mistgabeln und Fackeln getrost im Schrank verbleiben können. Einer Kultur, in der man sich keinem herbeiorakelten Schreckgespenst einer „Sittenpolizei“ gegenübersehen muss (verbreitet Tugendterror), die unliebsame Meinungen gnadenlos ausmerzt.

Das, liebe „Opfer“ der Tugendterrorzellen, ist eine dramatische Verkennung der Sachlage, die auch im Falle Lewitscharoff wieder einmal zu beobachten ist. Frau Lewitscharoff steht es völlig frei, verschwurbelte Thesen von vorvorgestern in den Äther zu blasen, genauso, wie es anderen überlassen ist, diese Schwurbelei hanebüchen zu finden und dem Ausdruck zu verleihen. Diskussion entsteht nicht etwa dadurch, dass jede Meinung unangetastet wie ein teures Deko-Objekt im Raume steht. Wir müssen wieder lernen, zu diskutieren. Nicht, uns zu empören oder Stillschweigen zu wahren – Diskussion ist anders. Vielleicht ist genau dafür die Lewitscharoff-Debatte gut, – eine Debatte, die innerhalb kürzester Zeit schon zum Eklat aufgestiegen ist.

Foto: Das blaue Sofa/Club Bertelsmann

18 Kommentare

  1. „Wir müssen wieder lernen, zu diskutieren. Nicht, uns zu empören oder Stillschweigen zu wahren – Diskussion ist anders.“ Ja, das ist wahr. Eine Kleinigkeit ganz am Rande, der ich widersprechen möchte, ist der Zusammenhang zwischen dem Studienfach Religionswissenschaften und einer „vergleichweisen fundamentalen Einstellung“, den du kurz andeutest. Religionswissenschaften sind nicht Theologie (und selbst wenn sie es wären, würde ich hinter solch einen Schluss ein Fragezeichen setzen – und das sage ich als jemand, der jeder Theologie ferne steht). Sondern sie behandeln Religionen wie jeden anderen Ausdruck menschlicher Kultur – konfessionsfrei, ideologiekritisch, mit einem methodischen Agnostizismus. Vielleicht ist dieser Unterschied an jenen Universitäten nicht ganz so augenscheinlich, wo die Religionswissenschaften mangels struktureller Alternativen unter dem Dach der Theologien mitabgewickelt wird. Aber die Religionswissenschaften sind nicht glaubensgebunden, sondern glaubensfrei. Nun ja, das waren jetzt doch viele Worte für eine „Kleinigkeit ganz am Rande“.

    • Da hast du natürlich Recht, das ist doof formuliert. Vermutlich habe ich mich aber dennoch nicht gänzlich geirrt, denn Lewitscharoff sagt selbst: „denn das ist ja ein traditionelles Menschenbild, das ich verfechte, das stark aus dem Christentum kommt und das den Menschen in seiner ganzen Unbehüflichkeit annimmt. Dass ich einen Abscheu predige vor dem Menschen, ist absurd. Allerdings bin ich skeptisch gegenüber bestimmten medizinischen Machinationen und zwar, was den Tod und das Leben betrifft. Ich finde, es geht zu weit, wenn man so stark eingreift in Fragen der Fortpflanzung und auch des Todes.“ ..danke aber für die Richtigstellung einer von mir sehr wackelig formulierten Sache. 😉 Auf Frau Lewitscharoff mag sie also zutreffen, zufällig. Aber sonst freilich nicht! (habe den Nebensatz demnach rausgenommen!)

  2. Ich habe das mit sehr großer Zustimmung gelesen! Es irritiert mich in der letzten Zeit sehr, wie „die Empörung“ in ganz unterschiedlichen „Fällen“ durch die Gesellschaft und die Medien rollt, als sei sie selbst schon etwas, das in irgendeiner Weise zur Aufklärung, zur Auseinandersetzung, ja sogar zu Verbesserung der Lage beitrüge. Tut sie nicht. Im Gegenteil.

    • Liebe Jutta,

      ja, ich sehe da vielfach auch bloß noch entweder ein Aufschreien („Wie widerwärtig! Wie eklig! Was füreine perverse Person!“) oder Stillschweigen. Ich habe ja befürchtet, man würde mich so verstehen, dass Frau Lewitscharoffs Meinung, die sie ja nun auch schon wieder relativiert hat, diskussionsbedürftig wäre. Dass diese Äußerungen unmöglich waren, stand für mich eigentlich zu jeder Zeit außer Frage. Nur diese Fackel-und-Mistgabel-Debatten, wenn sich jemand so einen Fehltritt leistet, nehmen einfach Überhand. Und die Leute verlieren da auch irgendwie jedes Maß. Frau Lewitscharoff wird durch jede namhafte Zeitung getrieben, damit jeder einmal sagen kann, wie abartig er sie findet und dass ihre Bücher schon immer doof waren und dann ist die Debatte wieder erledigt. Das fand und finde ich kritikbedürftig ..bin mir aber mittlerweile nicht mehr so sicher, ob es rübergekommen ist.
      Liebe Grüße

  3. Pingback: Samstag | Kulturbuchhandlung Jastram in Ulm

  4. Ic h habe mit den Äußerungen von Frau L. auch meine Schwierigkeiten, das erste Mal hörte ich etwas derartiges, was mich befremdete als sie auf dem blauen Sofa in Frankfurt saß und es um ihr „Löwenbuch“ ging. Über wen sie sich da mokierte, habe ich verdrängt, vielleicht ist es noch auf meinen Blog zu finden, aber das mit dem „Amazon“, ich war auf der Buch-Wien Eröffnung war mir auch zu stark. Denn ich hasse niemanden, auch keinen der mir vielleicht gerade den Büchner-Preis weggeschnappt hat, den ich doch so gerne hätte und freue mich über niemandes Tod. Das mit den Arbeitsbedingungen und das man seine Bücher vielleicht bei der kleinen Buchhändlerin kaufen soll, stimmt schon, aber ich ziehe die meisten auch aus den offenen Bücherschränken oder frage bei den Verlagen an. Das mit der künstlichen Befruchtung kann man ebenfall sehr kritisch sehen, ich bin auch dagegen, aber solche Aüßerungen „widern“ vielleicht mich an, obwohl ich diese Sprache sonst nicht verwende und ich daenke, daß es wichtig ist, hier aufzuschreien und „So nicht Frau Lewitscharoff, überlegen Sie Ihre Wortwahl, Sie sind ja eine Meinungsleaderin und sprachgewandt!“

  5. Leider muss ich Deinem Beitrag widersprechen. Wir haben hierzulande sehr wohl eine Diskussionskultur und zwar eine, in der wirklich jeder alles sagen darf. Sonst hätten wir nicht Thilo Sarrazin wochenlang auf allen Kanälen (und sein Buch auf Platz 1 der Bestsellerliste) gehabt. In den Fernsehtalkshows wird immer peinlich darauf geachtet, dass sich progressive und konservative Stimmen die Waage halten. Es ist eine Masche der konservativen und rechtspopulistischen Stimmen, sich andauernd darüber zu mokieren, dass ihnen der Mund verboten werde. Sie stilisieren sich dadurch zu „Tabubrechern“ und zu denjenigen, „die die Wahrheit sagen“ hoch, das ist übrigens inzwischen europaweit so und Parteien wie die AfD gehen damit erfolgreich auf Wählerfang.
    Für mich ist in diesem Fall, also in der Rede von Sibylle Lewitscharoff nicht von der Öffentlichkeit, sondern von der Schriftstellerin selbst die Diskussion für beendet erklärt worden, denn sie spricht Menschen, die nicht auf „konventionelle“ Weise gezeugt wurden, schlicht das Menschsein ab! Wo ist denn da noch Diskussionsspielraum? An einer differenzierteren Form, über das Thema zu sprechen, war ihr scheinbar nicht gelegen, sprachlich wäre sie ja dazu fähig gewesen. Ich finde es in diesem Zusammenhang besonders enttäuschend, dass abermals eine Autorin den Georg-Büchner-Preis bekommen hat, die mit dem progressiven Geist Georg Büchners nichts zu tun hat (siehe auch Martin Mosebach).
    Der deutsche Literaturbetrieb bzw. das Feuilleton ist übrigens zu Schriftstellerinnen und Schriftstellern immer besonders gnädig. Da kann man sich noch so im Ton vergreifen, das nächste Buch wird trotzdem brav gelobt. Weltanschauung und Werk werden voneinander getrennt, wenn jemand gegen die Regel verstößt (wie etwa Georg Diez bei Christian Krachts „Imperieum“) wird er als Gesinnungsfanatiker gegeißelt. Ich bin aber überzeugt, dass von der Ideologie einer Autorin oder eines Autors auch immer etwas in die Literatur einfließt, was eine kritische Lektüre erfordert. Das sind Fragen, die erlaubt sein müssen – so viel zum Thema Diskussionskultur im Literaturbetrieb.
    Übrigens habe ich bei Sibylle Lewitscharoff das Gefühl, dass einige, die ihre Bücher mochten, jetzt enttäuscht sind, dass sich „die Medien“ auf sie stürzen. Dabei ist der Aufschrei – wie der Perlentaucher diese Woche schon diagnostizierte – gar nicht so groß und wird wahrscheinlich schnell vergessen sein. Wie ich finde: leider!

    • Lieber Tobias,

      ich befürchte, du hast mich da etwas missverstanden. Ich stelle überhaupt nicht in Frage, dass jeder alles sagen darf, ich gehöre nicht zu den Menschen, die glauben, es gäbe eine „Sittenpolizei“, die irgendwo deeskalierend eingreift. Es ging mir darum, WIE diese Diskussion geführt wird. In einem Kommentar weiter oben habe ich auch geschrieben, dass inhaltlich überhaupt nicht über Lewitscharoffs Äußerungen diskutiert werden muss. Die waren hanebüchen, schwachsinnig und engstirnig. Das stand für mich von Anfang an außer Frage. Ich fand es spannend, wie sich die Menschen am Rande dieser Debatte in Kommentarboxen gegenseitig zerfleischt haben, sich die Meinungsfreiheit zu – und wieder abgesprochen haben. Auch ich bin der Ansicht, dass Meinungsfreiheit nicht bedeutet, einfach alles sagen zu können,ohne Gegenwind zu befürchten, – das, denke ich, ging aber relativ klar aus meinem Text hervor, als ich schrieb: „Gemäß dieser Argumentation wäre auch jede halbwegs diplomatisch dargebrachte Beleidigung eben bloß eine Meinung.“ ..und das ist ja nicht so! Ich hasse den Leersatz: ,Man wird ja wohl noch sagen dürfen.‘ ..

      Alles, was ich kritisieren wollte und kritisiert habe, ist die Art und Weise, mit einem solchen Thema umzugehen. Die Frau hat Quatsch erzählt. Ob man sie jetzt deshalb wie die sprichwörtliche Sau durch’s Dorf durch jedes Feuilleton treiben muss, damit jeder seine Abscheu zum Besten geben kann, weiß ich nicht. Denn wie du selbst schreibst – es wird schnell wieder zur Tagesordnung übergegangen. Es ist ein kurzes Aufbäumen, ein empörter Aufschrei und damit hat es sich in der Regel. Würde mich nicht wundern, wenn demnächst irgendwer dazu aufriefe, ihre Bücher nicht mehr zu kaufen oder gar drüber zu sprechen. So auf eine – unbestrittenerweise – völlig bräsige und altvordere Rede zu reagieren, scheint mir wenig zielführend. Nicht weniger oder mehr als das wollte ich sagen. Die Menschen sind in solchen Debatten, gerade im Internet, heute auch sehr schnell mit Worten bei der Hand, die ich nicht gebrauchen würde – und wenn jemand noch so viel Mist redet, den ich persönlich verurteile. Du sagst, der Aufschrei wird kurz sein, „leider“. Was würde man sich denn von einem längeren Aufschrei erhoffen? …

      • Liebe Sophie,

        nun, was würde ich mir von einem längeren Aufschrei erhoffen? Ich würde mir erhoffen, dass endlich mal darüber diskutiert wird, wie religiöser christlicher Fanatismus unsere Alltagskultur beeinflußt (dazu zählen für mich die Aussagen von Lewitscharoff, aber auch in der Vergangenheit schon die von Mosebach), dass Ideologien, die Menschen das Menschsein oder ihre Daseinsberechtigung absprechen, nicht einfach Quatsch, sondern tiefstes 13. Jahrhundert sind. Dass es vielleicht nötig wäre, statt des ständigen Stillstandes, in dem wir uns momentan kulturell und sozial befinden, einen Schritt weiter in die Zukunft zu kommen und eben nicht die Thesen von vorgestern rauszuholen. Das finden wir ja bei islamistischen religiösen Eiferern auch nicht so prickelnd und freuen uns, wenn die Gegenwind bekommen. Mit denen hat auch selten jemand Mitleid, wenn sie einem „Shitstorm“ ausgesetzt sind.

        Ich bin auf einen Begriff in Deinem Beitrag besonders allergisch: „Tugendterrorzellen“. Ich finde den Begriff „Tugend“ schon schwierig, „Tugendterroristen“ ist aber ein Wort, dass Rechtskonservative sich für kritische Medien ausgedacht haben (siehe auch „Gutmenschen“ – das verwenden alle inzwischen total unkritisch, dabei haben den Begriff Neonazis für ihre politischen Gegner eingeführt).

        Ich glaube nicht, dass die Art der Diskussionen verkehrt ist, sondern das, was die Leute daraus mitnehmen (wollen). Das Interesse, eine zukunftsgewandte gesellschaftliche oder politische Entwicklung zuzulassen, ist in Deutschland seit Jahren sehr begrenzt. Medienberichterstattung ist für viele nur noch Entertainment. Deswegen wird schnell die nächste Sau durch’s Dorf getrieben, weil die Leute sich nicht eingehend damit beschäftigen wollen – sie wollen, wie es Medienwissenschaftler beschreiben, nur das Gefühl haben, sich an etwas kritisch zu beteiligen oder Bescheid zu wissen. Und übrigens schreiben viele Zeitungen – auch die Feuilletons – gar nicht so kritisch, sie stellen häufig nur die Sachverhalte und Positionen dar. Im Netz kulminiert das ganze natürlich zu seltsamen Hassdebatten, aber ich selbst lese keine Kommentarspalten oder Foren mehr, das ist Zeitverschwendung – außer bei Literaturblogs 😉

        Bitte verzeih, vielleicht habe ich Deinen Beitrag wirklich ein Stück weit falsch verstanden, ich kann nur wenig schlechtes daran finden, wie der Fall Lewitscharoff diskutiert wird. Solche Debatten gab es schon im 19. Jahrhundert – damals mit weniger Medien und daher weniger Stimmen, die sich in diesen Debatten bemerkbar machten. Sind wir durch die Vielfalt und die Möglichkeiten der Beteiligung – mit all ihren Nachteilen – nicht trotzdem einen Schritt weiter gekommen?

        • Lieber Tobias,

          das, was du dir offensichtlich von einem längeren Aufschrei erhoffst, ist für mich eine sinnvolle Diskussion, eine tatsächliche Debatte. Im Grunde also das, was ich mir auch wünschen würde. Vielleicht sollte ich auch dazu sagen, dass es mir weniger um das Thematisieren im Feuilleton geht, weniger um die Menschen, die von Berufs wegen darüber schreiben, sondern um die zahlreichen Kommentatoren. Der Artikel ist aus einer etwas langwierigen Lektüre von Kommentaren auf ZEITOnline entstanden, die ich so unnütz und deprimierend fand. Und speist sich natürlich auch aus Erfahrungen, die ich seit Jahren in Diskussionen mit Menschen mache. Dass sie vielfach gar nicht mehr dazu in der Lage sind, zu diskutieren, sondern nur noch reflexartig aufschreien. So, wie du es schreibst, ist es ein Betrachten des Themas über den Tellerrand hinaus, über diese unselige Tatsache, dass Frau Lewitscharoff Dinge gesagt hat, von denen sie besser geschwiegen hätte.

          Was die Tugendterrorzellen anbelangt, so meinte ich das ironisch und bezogen auf Sarrazins neues Buch! Ich sehe keinen Tugendterror in unserem Land, um Himmels willen, ich habe aber gesehen bei meinem „Kommentarstudium“, dass sehr viele im Zusammenhang mit dieser Lewitscharoff-Debatte dieselben Argumente aus dem Hut gezaubert haben wie Herr Sarrazin. Was sehr deutlich erkennen lässt, weshalb die Bücher dieses Mannes gegen jede Vernunft so erfolgreich sind. Da hast du mich also offensichtlich an einer Stelle im Text ernst genommen, die mitnichten so gemeint war, sondern nur Parallelen zwischen beiden Debatten aufzeigen sollte. Sarrazin findet sich auch bei Lewitscharoff. Nicht nur bei ihrer Vorvorgestrigkeit,sondern auch bei den Reaktionen darauf.

          Wir sind sicherlich einen Schritt weitergekommen, was die Beteiligung an Debatten betrifft. Wenn ich aber manchmal so lese, wie die Menschen sich beteiligen und Anteil nehmen, finde ich das wieder weniger erfreulich. Ich glaube, nachdem du mir nun erläutert hast, wie du dir das Vorgehen vorstellst, dass wir im Grunde ähnliche Vorstellungen haben. Ich finde es auch falsch und erschreckend, was Frau Lewitscharoff von sich gegeben hat und ich bin auch der Auffassung, dass man seine Stimme gegen solche Thesen erheben sollte. Aber – nachdem man das getan hat – die Diskussion eben auf eine andere Ebene als die bloße Empörung heben.

          Liebe Grüße

  6. Hallo Sophie,

    Ich finde die Empörung über die sog. Empörungskultur verständlich, aber selbst ein klein wenig zu einfach, zumindest als Reaktion auf einen Kommentarstrang eines Onlineartikels. Wenn ich wollte, könnte ich dort selbst mehrere völlig verschiedene Kommentare hinterlassen, um irgendwelche Thesen zu untermauern. Das brauche ich nicht, denn es gibt sie ohnehin. Immer. In jede Richtung. Differenziert, undifferenziert, gemäßigt, scharf, vom Moderator gelöscht usw. Ich werde in den Kommentaren unter jedem Artikel – er braucht noch nicht mal polarisieren – immer diese Art von Einwürfen finden. Manchmal sind jedoch einzelne Kommentare auch besser als ein Artikel. Das ist einfach so. Die Sache mit der Quantität („jedes Feuilleton“) ist halt auch so ein Ding der Digitalisierung. Früher hast Du Deine Zeitung gekauft und gelesen, meinetwegen auch ein paar. Heute schaust Du bei Zeit, Spiegel, Welt, FAZ, SZ, NZZ, Guardian usw. Da ist natürlich jeden Tag was dabei, was Dich zur Weißglut bringen kann. Die Nachrichten wiederholen sich, bis man nur noch die Überschriften liest, oder das Gefühl hat, da ist ein Hype, eine Mücke wird zum Elefanten usw. – Selbstgewählter Überdruss! Natürlich haben alle ungefähr die gleichen Themen. Warum sollte auch die Zeit auf ein Thema verzichten, bloß weil es der Spiegel schon so schön breitgetreten hat. Außerdem muss man Online- und Print unterscheiden. Qualitativ schenkt sich das manchmal nichts, aber die mit etwas zeitlichem Abstand verfassten Artikel sind in der Regel doch besser.

    Es ist mühsam, sich dauerhaft durch die Flut an Kommentaren zu kämpfen. Jeder hält seine Meinung für wichtig und mitteilenswert, selbst wenn er keinen blassen Schimmer vom Thema hat. Ich habe den Eindruck, dass Kommentare oft als Ventil genutzt werden, um persönlichen Frust abzubauen oder sich anderen überlegen zu fühlen. „Die nächste Sau durchs Dorf treiben“ ist mindestens so alt wie das Internet. Sehr wahrscheinlich noch viel älter. Glaubt wirklich jemand ernsthaft, dass sich das irgendwann ändern wird? Solange alles in Echtzeit übermittelt werden kann, wird das auch geschehen. Es liegt an jedem von uns, wie wir darauf reagieren. Ob wir dem entgegenwirken oder uns dem zumindest teilweise entziehen, ist jedermanns persönliche Entscheidung.

    Vielleicht sollte man sich auch mal Gedanken darüber machen, was da so als repräsentativ verkauft wird. Ein paar gesammelte Tweets und Facebooknachrichten mögen zwar ein nettes Stimmungsbild abgeben, sind aber nichts als Meinungsmache.

    Ich wollte eigentlich nichts zu dem Thema schreiben, frage mich allerdings schon, aus welchem Grund sich Frau Lewitscharoff so geäußert hat? Ein „rhetorischer Fauxpas“ oder ein Versehen/Versprecher ist das für mich nicht. Was also wollte sie damit bezwecken? Es schien ihr jedenfalls so wichtig gewesen zu sein, dass sie die Konsequenzen, die in unserer Zeit nun wirklich absehbar sind (das, worüber Du Dich in Deinem Artikel aufregst), in Kauf nimmt. Ich schließe mich dem vorigen Kommentator an, Spielraum zur Differenzierung sehe ich in den Aussagen auch nicht.

    Einen weiteren, sehr interessanten Punkt spricht Tobias Lindemann in seinem Kommentar an, nämlich „das Gefühl [zu] haben, sich an etwas kritisch zu beteiligen oder Bescheid zu wissen“. Den Eindruck habe ich auch oft, will mich davon selbst nicht freisprechen, finde es aber manchmal schon absurd, wie über Sachen gestritten wird, von denen keiner der Diskutanten auch nur annähernd wirklich Ahnung hat. Das sind dann Scheindiskussionen, die von Angesicht zu Angesicht nicht funktionieren würden, da auf die jeweiligen Antworten mit recherchiertem Wissen erwidert wird. Wikipediawissen. Auch so eine seltsame Blüte des Internets.

    Viele Grüße!

    • Liebe wortlandschaften,

      gut möglich, dass mich Dinge stören, die eben einfach Ergebnis der Wandlung von Medien ist. Und ich lese nun auch nicht bei jedem Online-Artikel seitenlang die Kommentare, das ist mir auch zu anstrengend (diese Art von unreflektiertem Durcheinanderbrüllen gibts allerdings bisweilen auch außerhalb von Internetkommentaren). Ich finde es eben bloß manchmal schade, das zu sehen. Ich empöre mich darüber hinaus ja nicht über die Empörung, jedenfalls nicht ausschließlich, sondern eben über die Art, zu diskutieren. Du schreibst, man müsste sich ja auch fragen, weshalb Frau Lewitscharoff sowas gesagt hat und was sie damit erreichen wollte. Auch das gehörte für mich zu einer richtigen Diskussion über die Sache. Eben, wie ich schon Tobias vor dir sagte, der Blick über den Tellerrand. Dass man inhaltlich über Frau Lewitscharoff in diesem Punkt nicht diskutieren muss, habe ich ja schon mehrfach gesagt. 😉 Ich will jetzt nicht erwägen, ob sie vielleicht Recht hat, darum ging es nicht.

      Das war und ist eben der Grundgedanke: Dass Diskussion nicht meint, dass zwei Leute ihre Meinung sagen und darüber dann – wegen der Meinungsfreiheit – nicht mehr gesprochen werden darf. Diskussion bedeutet auch einen respektvollen Umgang miteinander,selbst wenn man unterschiedlicher Ansicht ist – auch das vermisse ich oft.Und, zu guter Letzt, meint es für mich eben, sich näher mit einem Thema auseinanderzusetzen. Statt jetzt, wie in diesem Falle, diese fehlgeleiteten Lewitscharoff-Sätze zu lesen, kurz auszubrechen wie ein Vulkan und dann alles wieder zu vergessen.

      Liebe Grüße.

      • Liebe Sophie,

        Wie schon angemerkt wurde, hatte Frau L. ja kein Interesse an einer Debatte, die natürlich nicht neu gewesen wäre. Das mangelnde Interesse dahingehend, ist ein Kritikpunkt, der mir häufiger auffällt. Es wird sich zu einem Thema geäußert, aber kein Widerspruch geduldet oder dieser einfach ignoriert. Die eigene Meinung wird abgeladen wie schwerer Ballast. Das allein ist die Hauptsache. Wie sie aufgenommen wird, ob es Einwände gibt, spielt allenfalls am Rande eine Rolle.

        Sibylle Berg kritisiert u.a., warum man durch solchen Stuss wieder über Dinge diskutiert, die wir längst hinter uns gelassen haben sollten. Mir geht es mit den grundsätzlichen Dingen, die Du ansprichst, ähnlich. Respektvoller Umgang und die Toleranz anderer Meinungen sind einfach Dinge, über die man nicht mehr zu verhandeln haben sollte. (Das erinnert mich an eine Diskussion, die recht schnell nur noch die Umgangsformen zum Thema hatte, die eigentlichen Thesen bedauerlicherweise komplett ignorierte.) Natürlich hat die Toleranz auch seine Grenzen, können Worte gefährlich sein.

        Der wichtigste Punkt ist auch für mich, die Auseinandersetzung mit dem Thema. Dazu gehört, so banal es klingt, der Austausch von Argumenten. Die andere Meinung zu hören und darauf einzugehen. Das vermisse ich, wie Du, sehr oft. Bei diesen Dingen bin ich voll Deiner Meinung, wie ich überhaupt Deine Auseinandersetzung mit Themen begrüße, die Dich auf die eine oder andere Weise bewegen.

        Schönen Sonntag!

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