Rezensionen, Romane
Kommentare 4

Gyde Callesen – Angst hat die Quersumme 5

gyde-callesen

Gyde Callesen ist eine deutsche Autorin. 1975 in Flensburg geboren studierte sie nach dem Abitur Literatur – und Sprachwissenschaft, Philosophie, Pädagogik und Biologie. Sie lebt seit 2000 als freie Autorin in Hannover, seit 2007 betreibt sie eine eigene Schreibschule. Seit 2005 leitet sie auch beim Frauennotruf Hannover Schreibwerkstätten, um den traumatisierten Frauen eine Möglichkeit des Umgangs an die Hand zu geben. ,Angst hat die Quersumme 5‚ ist Callesens zweiter Roman und erschien im Herbst 2013 im Wiesenburg Verlag.

Anna Svendheim ist erfolgreiche Reisefotografin. An nahezu jeden entlegenen Winkel der Welt hat es sie schon verschlagen, sie führt ein Leben auf der Überholspur. Nicht stehenbleiben, nicht innehalten. Niemals wäre ihr in den Sinn gekommen, dass diese Fassade selbstbestimmter Lebensführung einmal bröckeln, ja gar tiefe Risse offenbaren könnte. Als sie jedoch allein auf eine Insel am Meer fährt, um dort Fotos zu machen, beginnt plötzlich die Welt aus den Fugen zu geraten. Unter ihren Füßen zu schwanken.

Plötzlich hatte etwas unter ihr geschwankt, vielleicht war es der Boden, vielleicht die Selbstverständlichkeit, auf der sie bis dahin ihre Tage gebaut hatte. Dieser Satz: Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war – sie hatte ihn immer etwas übertrieben und pathetisch gefunden. Nun war nichts mehr so, wie es war.

Überstürzt verlässt Anna die Insel,ohne sich erklären zu können, was da passiert ist. Ein Engegefühl in der Brust, ein Kloß im Hals, Schwindel, ein kaum zu bezwingender Fluchtreflex. Was ihr Freund Hendrik zuhause noch als Inselkoller abtut, entwickelt sich in den Wochen darauf zu einer Qual. Jede Erledigung außerhalb der Wohnung wird zum nahezu unüberwindbaren Hindernis, das Betreten öffentlicher Verkehrsmittel, das Besuchen eines Kinos, jederzeit können Anna diese Zustände überfallen, von denen sie nicht einmal genau weiß, was sie sind. Ist sie ernsthaft krank? Ist sie verrückt?

Ich schrieb das Wort Selbstverständlichkeit auf einen Zettel. Kein schönes Wort. Es stolpert durch seine Buchstaben. Selbstverständlich, selbst und verständlich, ich verstand mich selbst nicht mehr, verstand meinen Körper nicht mehr, nicht meine Gefühle, nicht meine Gedanken. Ich war mir selbst nicht mehr selbstverständlich.

Anna leidet unter Panikattacken. Panikattacken, die die Welt zu einem unsicheren Ort gemacht haben, in dem jederzeit furchtbare Dinge geschehen können. Ihren Job als Reisefotografin muss sie aufgeben, sie schafft es ja nur mit Müh und Not zum Supermarkt um die Ecke. Als sie schließlich auf Anraten eines Freundes eine Psychiaterin besucht, verordnet die ihr nur Valium und ein Antidepressivum. Anna entscheidet, nach der Konsultation eines anderen Arztes, einem stationären Aufenthalt zuzustimmen. Mindestens acht Wochen, aus dem Verkehr gezogen, auf sich selbst zurückgeworfen.

gyde-callesen-cover

Dort, wo Enge und Dunkelheit sich gepaart haben, ist die Angst geboren worden.

Mit viel Einfühlungsvermögen und einem beinahe intuitiven Gespür für das Empfinden von Angstpatienten beschreibt Gyde Callesen den Weg einer Frau, die lernen muss, sich ihr Leben zurückzuerobern. Die begreifen muss, dass die Angst ihr zwar als Feind erscheint, ihr jedoch im Grunde freundschaftlich gesinnt ist. Annas stetiges Reisen, ihr immer-unterwegs-sein glich viel mehr einer Flucht als einer Leidenschaft. Flucht davor, dass die Mutter sie verließ und der Familie von einem Tag auf den anderen den Rücken kehrte. Flucht vor dem Zerfall ihrer Familie. Flucht vor sich selbst. Die Angst allerdings wirft sie radikal auf sich selbst zurück, indem sie ihr alle Möglichkeiten verwehrt, sich von sich selbst abzulenken.

Gyde Callesen hat einen Roman über Angst und Panik geschrieben, in dem sich jeder Betroffene, vermutlich jeder wiederfinden kann, der einmal wie wahnsinnig vor einer Sache geflohen ist. Angst ist wenig anerkannt unter denen, die sie nie gespürt haben. Viele sind der Ansicht, man müsse sich nur zusammenreißen, man müsse sie einfach ignorieren. Callesen zeigt mit ihrem Roman einen anderen Weg auf, macht die Angst gewissermaßen zu einem Verbündeten im Kampf gegen etwas Tieferliegendes. Man kann sie immer wieder bekämpfen oder man kann ihr zuhören, hier prallen womöglich auch verhaltenstherapeutische und tiefenpsychologische Ansätze aufeinander.

Scham ist die schwarze Wand, die verhindert, dass ich dir erzähle, was geschehen ist. Sie ist der weiße Nebel, der alle Geräusche verschluckt. Keine Worte dringen durch die Mauer der Scham. Was geschah, passierte nicht.

Gyde Callesen schreibt enorm bildhaft und poetisch. So wie Anna Svendheim versucht, Gefühle mittels Fotografie fassbar zu machen, versucht Callesen, mit sprachlichen Bildern Gefühle abzubilden. Das gelingt ihr, wenn sie sich mitunter auch ein wenig in ihren Metaphern zu verlieren scheint, manches Mal wiederholen sie sich gar. Immer wieder besucht Anna eine alte Frau namens Asgard, manchmal auch eine Frau namens Laureen. Personen, die Geduld und Ungeduld im Umgang mit der Angst symbolisieren. Wo sie sie trifft oder inwieweit sich diese Gespräche nur in Annas Kopf abspielen, bleibt unklar, ja, wird sogar ernstlich verwirrend, als eine alte Dame auch in der Realität mehrfach auf Anna trifft und mystische Erklärungen von sich gibt. Hier driftet Callesen in eine fast esoterische und übersinnliche Ecke, die in Verbindung mit dem Rest der Geschichte deplatziert wirkt. Angesichts eines so wichtigen Themas ist man aber geneigt, diese Ausflüge ins Metaphysische zu ignorieren. (manch einer mag sie vielleicht sogar tröstlich finden)

4 Kommentare

  1. Wow, hört sich sehr spannend an. Psychoroman-spannend vielleicht sogar? Muss zugeben, dass spontan auf deinen Beitrag geklickt habe, weil meine Lieblingszahl 5 ist ; ) Deshalb bleibt natürlich die dringende Frage offen, was es denn mit dem Titel auf sich hat?

    Buchstabenbunte Grüße
    das A&O

    • Also, spannend im klassischen Sinne ist es nicht. Natürlich fesselnd insofern als man darauf brennt zu erfahren, wie diese junge Frau wieder zurück ins Leben findet. Mit demTitel ist es so eine Frage- die Protagonistin hat, neben so synästhetischen Anwandlungen, die Angewohnheit, die Quersummen von Worten zu errechnen. Angst hat fünf Buchstaben, also Quersumme 5, die 5 begegnet ihr immer wieder, nicht zuletzt auch in Zusammenhang mit der älteren Frau.
      Liebe Grüße

  2. Pingback: Sonntagsleserin KW #7 – 2014 | buchpost

  3. Pingback: Sonntagsleserin #KW7 | Wörterkatze

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.