Kultur
Kommentare 25

Die vermeintliche Ewiggestrigkeit

Sie ist derzeit das Sorgenkind des deutschen Feuilletons. Eingerostet, bewegungsunfähig, steril und lebensfern. Von WELT und ZEIT gescholten, müsste sie nun eigentlich auf die stille Treppe – die deutsche Gegenwartsliteratur. Der eine sieht das Problem in einer homogenen Gruppe von Wohlstandskindern ohne jede Lebenserfahrung, der andere vermisst die fremdartigen Stimmen und die Vielfalt in der deutschtümelnden Heimeligkeit. Zwischen Schrankwand und falschem Parkett fehlt das pulsierende Leben. Dieser journalistische Aufschrei zeigt abseits von der Frage, wie es denn nun tatsächlich um die kränkelnde deutsche Literatur bestellt ist, vorallendingen eines: Man ist unzufrieden mit ihr und ihren Themen.

Trotzdem sie sich ,Gegenwartsliteratur‘ schimpft, enthalte sie, nach landläufiger Auffassung, viel zu wenig Gegenwart. Lieber ziehe man sich auf historische Stoffe zurück oder lasse einen Protagonisten geschichtlich relevante und politische Themen der Vergangenheit in der Gegenwart aufarbeiten. Familiengeschichten der Nazi-Zeit, Familiengeschichten in der DDR stehen hier hoch im Kurs. Das zu leugnen, wäre eine Aufgabe, der auch ich mich nicht gewachsen fühle. Damit gleichzeitig zu behaupten, es gäbe nichts anderes mehr auf dem Buchmarkt, wäre wiederum eine Verallgemeinerung, an der ich mich nicht beteiligen möchte.

Während wir noch an der deutschen Gegenwartsliteratur herumzerren, einer hält sie links am Arm gepackt, der andere rechts, stellt sich implizit die Frage: Was soll Literatur überhaupt bewirken? Darüber kann man bekanntlich geteilter Ansicht sein, dem einen soll der Roman bloß Unterhaltung nach bester Popcornmanier sein, der andere will sich in seiner Wahrnehmung erschüttert, in seiner Realität verändert finden. Was erwarten wir von der deutschen Literatur? Und an welchen ausländischen Beispielen orientieren wir uns? Davon wird überraschend wenig gesprochen. Wo wir denn die Lebendigkeit finden, die wir in der deutschen Literatur so vermissen.

Autoren wie David Wagner, Katharina Hartwell, Olga Grjasnowa (auch sie mischte sich jüngst in die Debatte um die deutsche Gegenwartsliteratur ein, zu lesen hier), Vea Kaiser, Michael Weins, Lisa Kränzler, Abbas Khider und so einige andere bereichern durchaus unsere deutsche Literaturlandschaft – jedoch werden sie zugunsten dieses Rundumschlags oft an den Rand der Debatte gedrängt. Großmütige „Jaja, die gibts schon auch, aber…‘-Sätze ersticken jedes weitere Gespräch über literarische Alternativen zum vermeintlichen Einheitsstil deutscher Autoren, gut ausgebildet an renommierten Literaturinstituten, handwerklich perfekt, inhaltlich ein Kartenhaus. Sagt man.

romantausch2

Ich glaube nicht, dass wir uns ernstlich Sorgen um deutsche Nachwuchsautoren machen müssen. Es gibt sie, die interessanten Neuerscheinungen, die erfrischenden Perspektiven, man muss sie bisweilen bloß etwas länger suchen (und das (!) war schon früher nicht anders). In kleinen und experimentierfreudigen Verlagen, die neue Wege abseits der Straße beschreiten. Es mangelt nicht an guten deutschen Literaten, vielfach fehlt es im gesamten Kulturbetrieb – jedenfalls so er ein breiteres Publikum zu bedienen versucht – an der Freude Neues auszuprobieren. Da geht es der Literatur wie dem Fernsehen, dem Radio und sämtlichen Printmedien. Vielfach werden Projekte nicht in Angriff genommen, weil man sie dem Publikum nicht zumuten kann und will. Ähnlich wie in der Debatte um den Einheitsbrei in Buchhandlungen geht es hier nicht nur darum, wie dröge die deutsche Literatur geworden ist, sondern für wie dröge man ihre Leserschaft hält. Und manches Mal basiert diese Annahme auf einem gefährlichen Fehlurteil.

Höchstwahrscheinlich gab es auch früher nur eine handvoll Autoren, die dem Feuilleton schmeichelten. Hochgebildete Feingeister, die für hochgebildete Feingeister schrieben. Genau das also, was jetzt plötzlich als zu anämisch und langweilig gilt. Jahrzehntelang ist es hauptsächlich diese Literatur gewesen, die sich der guten Presse in einschlägigen Zeitungen gewiss sein konnte. Selten fand mal ein Ausbruch in etwas experimentellere Gefilde statt und wenn doch, wurde das von der Leserschaft sofort abgestraft. (zuletzt gesehen bei ,Die letzte Amerikanerin‚ von Elizabeth Ellen, eine auf ZEIT Online veröffentlichte Erzählung rief dort nicht gerade freundliche Kommentatoren auf den Plan, die ihren intellektuellen Elfenbeinturm prompt durch den ein oder anderen Fäkalausdruck beschmutzt sahen) Kann es nicht sein, liebes Feuilleton, dass es euch nun ein bisschen wie Goethes Zauberlehrling ergeht? Schließlich seid doch auch ihr es, die die deutsche Literaturlandschaft entscheidend mitgestaltet. Da beschwört ihr, neben Verlagen und Preiskomitees, also jahrelang flussauf- wie -abwärts eine Landschaft voller Quasi-Buddenbrooks in unterschiedlichen Epochen – und nun ist sie langweilig geworden.

Es ist sicherlich richtig, die junge deutsche Gegenwartsliteratur hin und wieder auf ihre Kinderkrankheiten zu untersuchen. Sie auch ein bisschen mit ausländischer Literatur spielen zu lassen, damit deren schlimmste Gebrechen möglichst schnell über sie hinwegfegen. Man kennt sie ja noch, diese Masern-Partys, zu denen möglichst viele Kinder geschleppt wurden, damit sie es hinter sich hatten. Geholfen ist aber wahrscheinlich niemandem mit der bloßen Feststellung, dass alles immer schlimmer werde. Ob es nun an der Uckermark liegt, den Arztvätern, Rosamunde Pilcher oder dem Tatort – es liegt in unser aller Hand, dieses verkrustete Wohlstandsgefühl hier und da mal abzukratzen und einen Blick auf deutsche Literatur zu gewähren, wie sie auch sein kann. So zum Beispiel:

Kathrin Aehnlich – Wenn die Wale an Land gehen
Björn Bicker – Was wir erben
Jan Christophersen – Schneetage
Daniela Dröscher – Pola
Ralph Dutli – Soutines letzte Fahrt
Milena Michiko Flašar – Ich nannte ihn Krawatte
Katharina Hartwell – Das fremde Meer
Martin Kordic – Wie ich mir das Glück vorstelle
Jonas Lüscher – Frühling der Barbaren
Inger-Maria Mahlke – Rechnung offen
Frédéric Valin – In kleinen Städten
Tilman Rammstedt – Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters
David Wonschewski – Geliebter Schmerz

25 Kommentare

  1. Liebe Sophie,
    was für ein wohltuender Beitrag zu einer Diskussion, die ich eigentlich nicht so nachvollziehen kann. Klar fehlen mir auch die Erzählungen, die sich mit dem aktuellen Themen beschäftigen, für mich sind das auch die Auswirkungen einer in alle gesellschaftlichen Bereiche hineinwachsenden Ökonomiemisierung. Aber wenn man mal ganz genau hinschaut, nicht zuletzt auch auf deine Liste, dann sind sie ja zu finden, die aktuellen Themen – und auch der ganz neue, ganz innovative Blick. Lüscher ist hier zu nennen (und da habe ich dann auch meine Ökonomie), genau wie Philipp Schönthaler immer wieder einen Blick auf die von mir so gesuchten gesellschaftlichen Folgen für das Individium wirft. Und Krodics Roman ist sowohl inhaltlich als auch stilistisch neu und aufregend, dass er als Roman über den Krieg auch sehr lange aktuell bleiben wird, unabhängig vom tatsächlichen Krieg, der Grundlage der Geschichte gewesen ist. So kann ich alleine mit Blick auf diese drei Romane das feuilletonistische Gejammere wirklich nicht verstehen – oder geht es etwa um reißerische Texte zur Empörung und Erhöhung der Auflage?
    Viele Grüße, Claudia

    • Liebe Claudia,

      ich muss auch sagen, dass es mir schwerfällt, dieses Genörgel nachzuvollziehen, kenne es allerdings auch im Bereich der Musik – und auch da muss ich sagen, dass es hervorragende deutsche Musik gibt, die eben bloß der breiteren Öffentlichkeit meistens nicht zugänglich gemacht wird. Man muss sie in den Nischen suchen, in die sie sich zurückgezogen hat. Und so ist es bei der Literatur eben auch. Und ich finde ja, dass es gerade Aufgabe des Feuilletons ist, in diesen Nischen zu suchen, dafür sind sie die „professionellen“ Literaturkritiker, die mit dem geisteswissenschaftlichen Studium im Rücken. Stattdessen wird das genutzt, um endlose Debatten darüber zu führen, wie langweilig die deutsche Literatur ist. Das ist für mich Selbstbespiegelung, zumal ja in nahezu jeder Zeitung irgendein Redakteur sich genötigt sah, seine Sicht der Dinge dar – und einen anderen zu widerlegen.
      Liebe Grüße

      • …und es hört ja auch nach Deinem Artikel nicht auf. Gleich am nächsten Tag schaltete die SZ sich ein… Vielleicht gibt es gerade kein anderes Schwein, das unbedingt durchs Dorf getrieben werden muss!

  2. Ich habe diese Debatte bislang auch gemieden, da ich das ewige „was früher alles besser war“ prinzipiell ganz grauenvoll finde – und bei der aktuellen Literatur auch nicht verstehe. Dass sich das Feuilleton auch mal hübsch selbst an die Nase fassen sollte, wenn es den gegenwärtigen Literaturbetrieb so langweilig findet, finde ich daher herrlich erfrischend! Was Bücher mit aktuellen ökonomischen und weltgeschichtlichen Bezügen betrifft: die Romane von Christiane Neudecker sind beides. Und die Sprache ist auch geschliffen. Liebe Grüße, Doro

    • Christiane Neudecker kenne ich nicht, werde mir den Namen mal merken. 😉 ..Der Gedanke, dass das Feuilleton selbst nicht ganz unschuldig an der beklagten Misere ist, kam mir beim Schreiben und ich fand ihn sehr passend. Liebe Grüße, Sophie

  3. Ich schließe mich dem Lob für diesen wunderbaren Artikel an. Schöne Tipps am Ende, um die man, wenn man manche Blogs verfolgt, nicht herum kommt 😉

  4. Auch mir gefällt dein Text. Als Gegenstück zur Diskussion in der ZEIT ist er wertfrei und offen. Und es stimmt ja auch, es gibt unzählige großartige deutsche Autoren. Viele von ihnen habe ich nicht im Feuilleton sondern in tollen Blog-Rezensionen entdeckt, wo mit Leidenschaft und Begeisterung empfohlen wird. Ich denke an Stricker, Aehnlich, Grjasnowa, Dübgen, Khider…..

    • Freut mich, dass er dir gefällt. 😉 In der Tat tut sich, wie ich finde, im Internet mittlerweile so ein kleines literarisches Paralleluniversum auf, das möglicherweise zukünftig noch an Bedeutung gewinnen wird. Liebe Grüße

  5. Brava! Wer sucht, findet auch, man kann sich natürlich fragen, warum die angeblich ja so unabhängige professionelle Kritik (s. Maras Interview mit S. Löffler) uns die Suche nicht erleichtert. Aber dafür gibt’s ja Blogs ; )

    • Ja, als mir beim Schreiben der Gedanke kam, dass auch das Feuilleton schließlich eine gewisse „Verantwortung“ hat, dachte ich auch, dass man vielleicht weniger auf seinem Throne sitzen und den Intellekt pflegen sollte (der ja fraglos eine feine Sache ist!), sondern den Blick erweitern und die Perspektive auf Literatur ein bisschen verändern. Aber ..ja, mittlerweile gibts Blogs, was ein Glück 😉

  6. Es gibt zwei Feinde der Literatur, doch sie sind nicht mehr in einer autoritären Staatsführung zu finden. Sie sitzen im Literaturbetrieb selbst. Einerseits die Liberisten, die aus dem Buch einen von vielen zu verkaufenden Artikel machen. Sie produzieren Marktliteratur und versuchen die subversive, kritische Literatur zu ersticken. Andererseits die politisch korrekten Besserwisser, die nach stalinistischem Muster Zensur ausüben, die nicht auf den ersten Blick nachweisbar ist, denn die Beurteilung bleibt nach wie vor, wie es auch in jeder Ablehnung steht, subjektiv. Mit ihrem eigenen Kopf schreibende Autoren haben es schwer in dieser Zwickmühle. Einen Ausweg bietet das Internet, bisher nur von Trivial-Literaten genutzt. Renitente Seiten wie http://www.misfritz.com sollten sich durchsetzen, den anspruchsvollen Leser gewinnen.

  7. Liebe Sophie,
    danke, dass Du das Thema hier aufgreifst. Um mit der Tür ins Haus zu fallen: ich finde die momentane Literaturdebatte in den Feuilletons sehr wichtig! Ich bin auch gelangweilt von einem Großteil der deutschen Gegenwartsliteratur. Seit einigen Jahren wird der Roman des 19. Jahrhunderts zum Nonplusultra erklärt – und junge Autorinnen und Autoren schreiben entsprechend. Das finde ich einseitig und öde. Die, die aus einem anderen Background kommen, die experimentieren, die neue Wege suchen, gibt es immer – einige stehen auf Deiner Liste, auch mir fallen ein paar ein: Philipp Schönthaler, Dorothee Elmiger, Benjamin Stein, Ann Cotten etc. Allzuviel Aufmerksamkeit bekommen sie nicht.
    Ich hatte letzthin ein Aha-Erlebnis, beim Lesen von Albertine Sarrazins Roman „Astragalus“. Sie war jung, vorlaut, vorbestraft, Adoptivkind. Ihr Buch liest sich immer noch frisch und hat eine wilde Energie. Bekäme sie im Literaturbetrieb von heute eine Chance?
    Herzliche Grüße, Tobias

    • Lieber Tobias,
      ich will auch nicht behaupten, dass die Debatte überflüssig ist, ich finde nur, dass sie so wenig zielführend verläuft und zum Teil eben auch unbegründet ist. Denn, wie du selbst schreibst, es gibt diese widerständige, diese frische und experimentelle Literatur – „allzu viel Aufmerksamkeit bekommt sie nicht.“, sagst du. Dann liegt das Problem ja aber offenbar nicht in ihrem Nichtvorhandensein, sondern darin, dass ihr nicht die entsprechende Beachtung geschenkt wird. Und daran kann ja nicht die Literatur selbst die Schuld tragen – oder gar der Leser, weil er sie nicht in die Hände nimmt, ..wer nimmt jemandem wie Albertine Sarrazin denn, deiner Meinung nach, die Chance, im Literaturbetrieb Beachtung zu finden? Liebe Grüße

      • Liebe Sophie,
        der Ausgangspunkt der Debatte war ja auch, dass ein bürgerlich-gepflegtes Feuilleton eine bürgerlich-gepflegte Literatur bevorzugt. Damit ist für mich die Frage beantwortet, warum anders „klingende“ Stimmen weniger Aufmerksamkeit bekommen. Deshalb sind wir Bloggerinnen und Blogger gefragt, die ganze literarische Vielfalt abzubilden und vielleicht einen Kehlmann und einen Mosebach, die eh schon hofiert werden, links liegen zu lassen.
        Ich habe jetzt auch den Artikel von Maxim Biller gelesen. Ich kann ihm in vielen Punkten zustimmen, der deutsche Kulturbetrieb kennt häufig nur Vereinnahmung oder die Lust am Exotischen. Ihm geht es um die Eigenständigkeit migrantischer Autorinnen und Autoren und darum, wie sehr sie die Literaturszene hierzulande bereichern (könnten). Ich bin froh, dass darüber diskutiert wird, selbst wenn manche Argumente etwas ins Kraut schießen.
        Liebe Grüße
        Tobias

  8. Ich glaube nicht, dass das Problem bei den Literaten und auch nicht bei den Literaturkritikern gesucht werden kann. Vielmehr glaube ich, das die Leserschaft sich das Problem selbst schafft. Das kann viele Gründe haben. Die zunehmende Ökonomisierung, der technische Fortschritt, oder die spät kapitalistische Gesellschaft an sich, kann schuld dafür sein.
    Ein interessantes Thema.
    Auf auf die „entscheidende Epochenwende“ des 21.Jahrhunderts warte ich aber noch.

  9. Die deutsche Gegenwartsliteratur wird von Feuilletonjournalisten doch schon seit Jahren zu Grabe getragen. Das scheint einer dieser Artikel zu sein, der in ereignisarmen Wochen aus der Archivschublade des Chefredakteurs geholt wird 😉
    Gut, dass sich anhand Deiner Liste ganz sachlich feststellen lässt, dass sie damit Unrecht haben. Und da lassen sich sicher noch einige talentierte, deutsche Autoren hinzufügen.

    Hab ein schönes Wochenende,
    Katarina 🙂

  10. Pingback: (Die Sonntagsleserin) KW #09 – März 2014 | Bücherphilosophin.

  11. Pingback: Sonntagsleser: Blog-Presseschau 02.03.2014 (KW9) | buecherrezension

  12. Pingback: [Die Sonntagsleserin] KW #09 – März 2014 | Phantásienreisen

  13. Pingback: Sonntagsleserin #KW9 | Wörterkatze

  14. Pingback: Leben und Lieben in Berlin (the afropolitan way) | libroskop

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.