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David Wonschewski – Geliebter Schmerz

David Wonschewski ist ein deutscher Autor und Journalist. Über zehn Jahre lang war er als leitender Musikredakteur für einige der größten Sender Deutschlands tätig. Mit seinem ersten Roman ,Schwarzer Frost‚ sezierte er vor dem Hintergrund der Medienbranche unsere zutiefst nihilistische und desillusionierte Gesellschaft. Sein neuer Erzählband ,Geliebter Schmerz‚ ist, genau wie sein Vorgänger, im Periplaneta Verlag erschienen und vereint neunzehn kurze bis mittellange Geschichten rund um Schmerz, Elend und das Glück darin. Wonschewski betreibt das Kleinkunst – und Liedermachermagazin Ein Achtel Lorbeerblatt. Er lebt und arbeitet in Berlin.

,Geliebter Schmerz‚ scheint auf den ersten Blick ein unauflösliches Paradoxon zu sein. Wer liebt schon den Schmerz, abgesehen von am Leben scheiternden, ja zerschellenden Künstlern, Literaten und Musikern, denen er Katalysator für ihre künstlerische Tätigkeit ist? Die meisten von uns versuchen doch täglich, diesem ominösen Schmerz aus dem Wege zu gehen. Dem, der auf der Hand liegt, aber erst recht dem, der tiefer in uns sitzt. Damit ist jetzt Schluss. Das muss ein Ende haben.

Und ich frage euch: Was hat euch eigentlich so kaputtgemacht, dass die ganze Welt dauernd erfahren soll, wie glücklich ihr seid, aber niemand wie traurig? Warum könnt ihr öffentlich euer Lachen zeigen, niemals aber euren Kummer? Wenn ihr euch selbst so liebt und so furchtbar gut klarkommt mit eurer Menschlichkeit – warum versteckt ihr eure Tränen dann hinter Gardinen und eure Ängste hinter Fassaden? Warum tauscht ihr eure sexuellen Intimitäten in aller Öffentlichkeit aus, aber schließt euch zum Onanieren noch immer verschämt im Bad ein?

Wonschewskis Erzählungen schwanken zwischen Bösartigkeit und tief empfundenen Mitgefühl, zwischen Tragik und Komik. So kann man sich einerseits hervorragend über den lebensechten Zynismus amüsieren, der mal zwischen den Zeilen und mal äußerst offen zutage tritt, aber auch ehrlich erschüttert über einem Absatz brüten, der so treffsicher menschliche Gefühle und Abgründe auslotet, dass es einem die Sprache verschlägt. Glücklicherweise verfügt David Wonschewski über Sprachgewalt für zwei, wenn er von dem Mann erzählt, der in seinem kleinen Kiosk langsam der Welt entgleitet – oder sie ihm.

Führt ein unauffälliger Mann mittleren Alters, also ein Mann wie ich, einen Kiosk, so läuft er beständig Gefahr, unsichtbar zu werden. Denn ein jeder Moment seines Lebens wird von der gar nicht so abstrusen Möglichkeit getragen, bis zur Unkenntlichkeit zu zerbröseln zwischen all den Zeitschriften und den Tabakdosen, den Kaugummis und den Schokoladentafeln, in deren Mitte er sich tagein, tagaus befindet.

Wonschewski schreibt von Menschen, die an eine Grenze des Lebens gelangt sind, an der es keine eindeutigen Kategorien mehr gibt. Kein Gut und Böse, kein Recht und Unrecht, Situationen, in denen bewährte Beurteilungsmuster den Dienst versagen. Da ist Alison, die junge und toughe Galeristin, die ihre Einsamkeit, ihre innere Heimatlosigkeit mit dutzenden Männern zu kaschieren versucht. Da ist der Startenor Don Josef Krämer, der seinem Agenten erschrocken und außer sich mitteilt, einen Mord begangen zu haben, – wenn er auch nicht genau weiß, an wem und wann. Wir erblicken den jungen Mann, der sich in der Schlaflosigkeit der Nacht vorstellt, lebendig begraben zu sein und begegnen einem Erzähler, der es aufrichtig bedauert, den Tod seines Nachbarn fünf Wochen lang nicht bemerkt zu haben. Nicht vorrangig wegen des Nachbarn – es ist die verpasste Chance, die ihn quält.

Wir packen uns in Watte und schmieren und Augen, Ohren und Münder zu, damit wir nur noch quietschbunte Wohlfühlmasse fressen müssen. Nur der Tod lässt sich nicht in dieses butterweiche Idiotenschema pressen, der Tod macht mit uns, was er will und wann er es will. Da können wir wegsehen, so oft wir wollen, aus dem Weg gehen werden wir ihm nie können. Wo wir ihm begegnen, sollten wir also innehalten, stehenbleiben und ihm genau zuschauen bei seinem morbiden Werk, denn bist du einmal dem Tode eines anderen begegnet, so ändert sich dein Leben. Zum Besseren. Immer nur zum Besseren.

Man kann das morbide finden, misanthropisch, zerstörerisch. Andererseits aber auch tröstlich, menschlich und heilsam auf eine Art wie es nur das Abgründige sein kann. An seinem Schmerz und dem Kampf mit seinen eigenen Dämonen kann man wachsen, das Leben erst in vollem Umfang schätzen, wenn man einmal seiner Zerbrechlichkeit begegnet und seiner Endlichkeit ins Auge gesehen hat. David Wonschewskis Erzählungen sind vielseitig, mal raue und derbe Beschreibungen von Zerrissenheit und Grenzerfahrungen am ,Point Of No Return‚. Aber auch zarte und poetische Wunderwerke, in die man sich hüllen, in denen man versinken möchte. Mit diesen Geschichten und diesen Menschen geht man freiwillig unter – um gestärkt daraus hervorzugehen.

Du warst der, der gegangen ist, Manuel. Doch als du gingst, hast du mich nicht einfach verlassen. Du gingst und nahmst unsere Sommer mit dir. Und mit diesen Sommern die Ausgelassenheit und das Lachen jener Tage. Unserer Tage. Mir, der ich immer hiergeblieben bin, hast du lediglich die Winter gelassen.

Hier entlang zu einem hochinteressanten Interview mit David Wonschewski.

7 Kommentare

  1. laura sagt

    Ich werd den Eindruck nicht los, dass ich um diesen Autor nicht mehr lang drumrum komme. Alles, was ich über ihn lese, macht mich neugierig 🙂 Da ich immer auf der Suche bin nach dem Abgründigen, Skurrilen, Absurden, Irritierenden, nach Grenzerfahrungen und Extremen in der Literatur (und der Kunst) sind diese Erzählungen wohl was für mich. Danke also fürs Vorstellen!
    LG Laura

    • Liebe Laura,

      absolut, – wenn du so etwas suchst, bist du bei Wonschewski wirklich richtig. Und egal, wie abgründig es wird, wie bösartig, man ist danach niemals ernstlich niedergeschlagen, ..man sieht die Dinge nur ein bisschen anders.
      Liebe Grüße

  2. Pingback: Sonntagsleser: Blog-Presseschau 23.02.2014 | buecherrezension

  3. Pingback: Die vermeintliche Ewiggestrigkeit | Literaturen

  4. Pingback: Bitte übernehmen Sie, David Wonschewski! | Literaturen

  5. Hat dies auf reingelesen rebloggt und kommentierte:
    Das klingt für mich ziemlich einmalig und sehr interessant, abgesehen davon das ich auch Kurzgeschichten sehr gern lese. Und da ich das wohl nicht so schnell in der Bücherei finden werde möchte ich es gern hiermit rebloggen. DANKE an Literaturen fürs Aufmerksammachen.

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