Kultur
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Keine Angst vor’m Buch

Buchkampagne_Motiv_Bodybuilder

34 % der Deutschen lesen seltener als einmal im Monat ein Buch. Zu anstrengend, zu langweilig, zu wenig Zeit – die Begründungen sind vielfältig. Erst kürzlich bewies ein Artikel auf WELT Online, dass die Weigerung Bücher zu lesen, nicht automatisch mit Banausentum oder mangelnder Bildung gleichzusetzen ist. Die Erforschung des Nichtlesers also erfreut sich großer Beliebtheit und beschäftigt nicht nur die klugen Köpfe der Buchbranche, sondern künftig wohl auch immer mehr Werbefachleute. Um Nichtleser von der „Coolness“ des Lesens zu überzeugen, hat man schon letztes Jahr in Zusammenarbeit mit dem Börsenverein des deutschen Buchhandels eine Imagekampagne für das Lesen gestartet. ,Vorsicht Buch‚ lautete das Motto, ausgetüftelt von der Werbeagentur Zum Goldenen Hirsch und der PR-Agentur Z-PR.

Nun ist es vermutlich mindestens strittig, etwas cool aussehen zu lassen, indem ich ihm einen Anstrich des Abenteuerlichen und Gefährlichen verpasse. Im Lieferumfang für Buchhandlungen waren unter anderem Absperrbänder enthalten, die wohl an die berühmten ,Crime Scene – Do Not Cross‚- Bänder erinnern sollten. Außerdem zahlreiche Aufkleber mit der  nämlichen Warnung vor gedrucktem Wort. Vielleicht wollte man sich umgekehrte Pädagogik zunutze machen – bekanntlich wird das meiste ja interessanter, wenn man eindringlich davor warnt. Alkohol, Nikotin, lange wachbleiben und im Winter ohne Jacke rausgehen. So cool ist das Buch. Als problematisch gestaltete sich indessen eher, diese Botschaft an den Mann – oder: den Kunden – zu bringen. Die meisten taten sich schwer mit dem Verständnis dieser Kampagne. Um nun ein für alle Mal klarzustellen, dass Bücher lesen verdammt lässig ist, hat sich die Stiftung Lesen eingeschaltet und jemanden an die Seite gestellt, der wissen muss, was cool und zeitgemäß ist: RTL.

Peter Kloeppel, Frauke Ludowig, Bülent Ceylan, Steffen Hallschka – alle erklären sie, weshalb man lesen sollte. Abgesehen davon, dass es ein kultureller Widerspruch in sich ist, einen Sender wie RTL, der wie kein anderer für hirnlähmende Sendeformate im deutschen Fernsehen steht, für eine solche Kampagne zu verpflichten, stellt sich die Frage: Braucht das Buch solche Missionierungsarbeit? Die, die gern und mit Leidenschaft lesen, werden ignorieren, was sie ohnehin schon wissen. Ihnen muss niemand erklären, weshalb die Lektüre von Büchern bereichernd ist – undzwar weit über den bloßen Wissenserwerb und die schnöde Unterhaltung hinaus.

Und die, die nicht lesen? Die werden vielleicht auch weiterhin nicht lesen. Die Dinge werden nicht dadurch cooler, dass man „Prominenz“ sagen lässt, dass es so ist. Selbst wenn die Dschungelcampinsassen morgen überraschend einen Lesekreis veranstalteten, würden nicht etwa mehr Menschen zu Büchern greifen als sonst. Bücher sind keine Markenjeans, die man sich kauft, weil sie bei berühmten Popsängern so gut sitzt und eine schlanke Hüfte macht. Die meisten haben schlussendlich mit dem Lesen begonnen, weil es Teil ihrer Sozialisation war, weil sie mit Büchern aufgewachsen sind, nicht, weil ihnen jemand gesagt hat, sie müssten jetzt aber wirklich dringend mit dem Lesen beginnen. (Ausnahmen bestätigen die Regel, einige sollen auch durch diverse Fantasy-Hypes zum Buch gekommen sein)

,Lesen macht sexy‚, sagt Bülent Ceylan. Alles muss heute sexy sein. Nicht aushaltbar, wenn es anders wäre, niemand traute sich mehr, ein Buch in die Hand zu nehmen, wenn es ihn nicht gleichzeitig ungeheuer schmückte. Aber vielleicht wird man noch träumen dürfen und sich für einen kurzen Augenblick an der Vorstellung erfreuen, dass alle, die nun durch RTL-Gesichter animiert zu lesen beginnen, künftig dem Sender den Rücken zudrehten. Lesen schärft den Verstand. Im Idealfalle.

Würdet ihr einen Nichtleser zu überzeugen versuchen? Und wenn ja, womit?

41 Kommentare

  1. schifferw sagt

    Nichtleser überzeugen? Nun, die Schrebergärtennutzer und sonstigen Gartenliebhaber unter ihnen vielleicht mit dem, ich glaube, orientalischen Sprichwort: „Ein Buch ist ein Garten, den man in der Tasche trägt.“

  2. Ich denke schon, dass gerade ein Sender wie RTL, der ja v.a. ein sogenanntes „bildungsfernes“ Publikum bedient, gut daran tut, für das Lesen zu werben, schließlich ist es für eben dieses Publikum ein Massenmedium. Will man diese Leute erreichen, muss man ihr Medium nutzen. Und für eben dieses Publikum sind auch die Werbeträger/Prominenten natürlich genau richtig gewählt, denn es besteht ja immerhin minimal die Chance, dass sich das Publikum an diesen Prominenten orientiert. Sicher, eine Garantie auf Erfolg hat man nicht, aber besser als „das bringt doch sowieso nichts“ sagen ist es allemal. „Sozialisation“ ist ja nichts, was irgendwann aufhört.

    • Sozialisation hört nicht auf, das stimmt, aber ab einem bestimmten Zeitpunkt bedarf es „hartnäckigerer“ Einwirkung. Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass man jemandem, der viel Zeit vor dem Fernseher mit eben diesen Programmen verbringt, nur zu sagen braucht, er müsse lesen und dann tut er es. Da sind doch viel mehr Menschen leichter zu überzeugen, bei denen ohnehin schon so ein grundsätzliches kulturelles Interesse vorhanden ist. Aber davon mal ganz abgesehen: Muss man denn Menschen mit immer neuen Werbekampagnen zum Lesen überreden? Ich habe noch von niemandem gehört, der gesagt hätte: „Ich habe zu lesen begonnen, weil mir meine Eltern/die im Fernsehen/meine Lehrer unaufhörlich gesagt haben, ich solle das tun.“ Ich will solche Kampagnen nicht grundsätzlich schlechtreden, aber ihre Sinnhaftigkeit wenigstens zur Debatte stellen.

      • Ne, Sozialisation is, wenn man macht, was die meisten machen, die man cool findet. Natürlich muss man nicht „nur“ das sagen, aber es ist ein Schritt. Es gar nicht erst zu versuchen, wäre ja Quatsch, damit würde man eine ganze Menge Menschen einfach aufgeben, „kulturelles Interesse“ ist ja nicht angeboren, sondern eben Folge von Sozialisation, und an der kann man was ändern. Und eben gerade deswegen muss man die Leute vom Lesen zu überzeugen versuchen, auch das ist ja nicht angeboren, sondern die meisten lesen gerne, weil es ihnen leicht fällt, dem geht eine ganze Menge Leseförderung voraus. Das sind alles Dinge, auf die man einwirken kann – Fernsehwerbung kann ein Bestandteil davon sein. Leute, die sowieso lieber ard, 3sat oder gar arte sehen, braucht man nicht für Kultur zu gewinnen, Leute, die RTL schauen aber zum Teil wohl schon. Nur weil irgendetwas anderes „leichter“ ist, ist das andere ja nicht umso mehr notwendig.
        Tatsächlich gibt es eine ganze Menge junger Menschen die nur deswegen lesen, weil sie dazu von Eltern oder LEhrern gezwungen werden. Und irgendwann, Jahre später, merken sie, dass es ganz gut so war und lesen weiter.

        • Das ist eben meine Frage – MUSS man die Menschen vom Lesen überzeugen? Kennst du wirklich Menschen, die lesen, weil sie lange genug dazu genötigt worden sind? Das fänd ich bedauerlich irgendwie. Und wie kann man zum Lesen zwingen? Im Zimmer einsperren, bis das Kapitel ausgelesen ist? Da verstehe ich ja schon eher, wie man zum Klavierunterricht geschleppt werden kann. Ich habe auch immer wieder Kunden, die Bücher verschenken und einleitend sagen: „Er liest nicht gern, was kann ich ihm schenken?“ Und ich frage mich dann immer: Warum schenkt ihr dann Bücher? Kulturelles Interesse beschränkt sich ja, wie der Artikel bei WELT Online zeigt, beileibe nicht nur auf Literatur, Kultur ist ja viel mehr. Ist Musik, ist Kunst, ist Theater. Ich sehe schon, wir haben unterschiedliche Meinungen zu diesem Spot.;) Oder zu „Lesewerbung“ allgemein. Ich sage nichts gegen Leseförderung im Übrigen. Die ist aber eben vielleicht doch noch was anderes als Lesewerbung.

          • Man muss vom Lesen überzeugen bzw. zum Lesen zwingen, weil es eine Schlüsselkompetenz ist und tatsächlich viele das schlicht und ergreifend nicht ausreichend beherrschen. Hier geht es ja nicht allein um kulturelle Genussfähigkeit, sondern mehr um gesellschaftliche Teilhabe, und dazu gehört in mittleren und oberen GEsellschaftsschichten auch ein gewisses literarisches Grundwissen. Dazu überzeugen muss man die Leute, weil sie oft von alleine nicht auf die Idee kommen, das zu tun. Und dazu zwingt man gerade junge Menschen vor allem durch die Schule. Mit Recht und häufig letztlich doch mit Erfolg. Lesen muss man ja lernen, auch ein Buch so zu rezipieren, dass man es überhaupt genießen kann, muss man lernen, man muss viel lesen, bis überhaupt beim Lesen Bilder im Kopf entstehen. Viele können das nicht einfach so. Und eben die muss man immer wieder ins Boot holen. Wenn sies schon nicht zum Hobby machen, dann schon deswegen, weil sie sich, wenn sie gut lesen können, in allen Lebensbereichen leichter tun werden.

          • Naja, MIR musst du nicht erklären, warum man lesen sollte oder warum lesen eine gute Sache ist. Das Lesen in der Schule ist indessen auch für die meisten Leute abschreckend, so sie nicht ohnehin schon literarisch interessiert sind. Ja, den meisten verleidet sogar die Art, wie in der Schule mit Literatur umgegangen wird, langfristig den Spaß am Lesen. Das passiert, wenn man zum vermeintlichen Glück zwingt. Dass man lesen erlernen muss, dass man lernen muss, mit Büchern und literarischen Texten umzugehen – alles gar keine Frage. Aber ob es eben dafür solche Kampagnen braucht, _das_ ist die Frage. Dazu auch noch von Leuten, die ansonsten ja nicht gerade der Inbegriff von Bildung und Kultur sind. Ich finde ja, dass Netzwerke, die das gemeinsame Lesen fördern, auch Literaturblogs, einen wesentlich größeren Anteil daran haben, das Image des Lesens zu verbessern als Moderatoren, die ansonsten Promisternchen hofieren und jetzt sagen: „Lesen ist cool.“

          • Ach ja, dass die Schule das Lesen verleidet ist ja so ein hartnäckiges Jammer-Gerücht. Als ob Leute, die sich auf sowas rausreden, zu Leseratten geworden wären, wenns in der Schule anders gelaufen wär. Vermutlich kommt ein nicht Teil der Schüler auch überhaupt erst über die Schullektüre zum Lesen.
            Du wirst das RTL-Publikum nicht davon überzeugen, dass Lesen eine nette Freizeitbeschäftigung ist, indem du ihnen Leute vorsetzt, die „Inbegriff von Bildung und Kultur“ sind, einfach deswegen, weil das nicht ihre Welt ist (vielmehr haben sie von vornherein das GEfühl, dass das Leute sind, mit denen sie nichts zu tun haben können und wollen), liest dagegen eine von ihnen positiv konnotierte Figur gerne, also jemand, den sie „cool“ finden, vielleicht sogar als Vorbild sehen, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie „lesen“ nicht mit „komische Tätigkeit von schwafelnden alten Männern“ sondern mit „cooles Hobby“ assoziieren. Und, pardon, Literaturblogs interessieren ja noch nichtmal einen Bruchteil der Leute, die ernsthaft lesen, das liegt denen, die nicht lesen, so nahe wie einem Ochsen das Klavierspielen. Das hat auch bislang nichts mit Imageverbesserung zu tun, dazu ist „Lesen“ einfach zu wenig öffentlichkeitswirksam. Und um das zu verändern (wenn man denn will, und ich halte das durchaus für erstrebenswert), braucht man halt weder dich und mich, noch Denis Scheck (Sendezeit ab 23 Uhr), sondern die, die eben das Abendprogramm gestalten, weil sie die Massenwirksamkeit haben können, die sonst eben keiner hat.

          • Ich sehe schon, wir kommen da auf keinen grünen Zweig. 😉
            Du findest die Kampagne gut, ich finde sie fragwürdig bis verbesserungsbedürftig. Leute, die sich darauf rausreden, dass man ihnen in der Schule das Lesen verleidet hat, sind womöglich die, die heute Stammpublikum von RTL sind. Und die sollen durch RTL plötzlich zu Lesern werden? Ich weiß auch nicht, ob Frauke Ludowig und Peter Kloeppel so positiv konnotierte RTL-Gesichter sind, da ist Bülent Ceylan noch am ehesten in einer „Vorbildposition“ für das Zielpublikum. Ich gebe dir Recht darin, dass Literatur nicht mehr nur von älteren Herren in grauen Anzügen präsentiert werden sollte, das nützt wenig. Lesen ist wenig öffentlichkeitswirksam, das stimmt, es ist eben auch kein Event-Hobby, bei dem man total viel erlebt und so. Das wird auch so ein RTL Spot nicht ändern. Mich würde ja wirklich mal die Meinung von Leuten interessieren, die tatsächlich nicht lesen und lieber ,Famillien im Brennpunkt‘ gucken ..im Übrigen sagen die Personen in den Werbespots ja nicht etwa, dass sie selbst lesen. Sondern dass sie lesen eben für ne gute Sache halten. Wie spenden bei Katastrophen oder Salat essen.

          • Die würde mich auch interessieren, aber ich fürchte, die werden sich nicht auf unsere Blogs verirren, da hat Kulturgeschwätz schon Recht. Selbst Leserinnen und Leser, die gern und viel lesen, können nicht alle etwas mit Blogs anfangen. Ich denke, es gibt auch verschiedene Arten von Leserinnen und Lesern, also beispielsweise Leute, die gern lesen, und Leute, die sich außerdem gern und ausführlich über Literatur austauschen. Da ist die Schnittmenge nicht so groß.

          • Ja, das kommt wahrscheinlich nochmal erschwerend hinzu. Ich wollte auch nicht behaupten, das Literaturblogs jetzt das Lesen revolutionieren, aber durch solche Plattformen wie LOVELYBOOKS ist es, meiner Einschätzung nach, auch für viele junge Leute bedeutend attraktiver geworden. (auch wenn ich persönlich zum Beispiel damit gar nicht warm werde)

  3. Guter Beitrag, guter Anstoß! Eigentlich finde ich die Idee, Leute zum Lesen zu bewegen, prinzipiell gut. Wobei ich den Spruch „Schockt eure Eltern, lest ein Buch!“ (oder so ähnlich) cooler fand als „Vorsicht Buch!“, aber das nur nebenbei. Ich gehöre ja auch nicht zur Zielgruppe. Aber vielleicht gehören die Leute zur Zielgruppe, die abends – ermattet von Arbeit, Sport und Haushalt – vor der Mattscheibe und bei RTL landen. Menschen, die die genannten Testimonials vielleicht sogar cool finden. Ich weiß es nicht, da haben sich hoffentlich die Marketingmenschen Gedanken zu gemacht.
    Es gab mal vor einigen Jahren einen Film mit Daniel Brühl (glaube ich), in dem der Niedergang der Fernsehkultur recht spaßig thematisisert wurde. Die Aktionen führten jedenfalls dazu, dass in einer Szene haufenweise Leute im Park saßen und Reclambändchen lasen oder sich vorlasen. Das ist natürlich reizend, aber vermutlich wenig realistisch. Wer Prioritäten anders setzt, also nicht aufs Lesen, wird sie möglicherweise ein bisschen überdenken. Inzwischen gibt es ja auch ganz hervorragende Buchtrailer, ich könnte mir vorstellen, dass sie, in den Werbepausen eingeblendet, Lust aufs Lesen machen. Die von dir angesprochene Vorbildfunktion ist sicher auch ein wichtiger Faktor. Wer die Eltern abends immer nur vor dem Fernseher sieht, kommt eventuell nicht so ohne weiteres auf die Idee, dass sich das Abendprogramm auch anders gestalten lässt.
    Das Missionieren von passionierten Nichtlesern ist wahrscheinlich ebenso schwer, wie der Versuch, passionierte Leser vom Lesen abzuhalten ; )

    • Grundsätzlich, klar, ist das lobenswert. Ich freue mich über jeden, der das Buch entdeckt. Ich glaube nur nicht, dass man es so entdeckt. Im Rahmen der Berufsschule mussten wir als Buchhändler in einer Klasse, die gerade ihren Hauptschulabschluss nachholt, Bücher empfehlen, die daraufhin im Deutschunterricht gelesen werden sollten. Dem voraus ging eine Umfrage, was die Schüler gern lesen. Die meisten antworteten, sie läsen gar nicht, weil es ihnen viel zu langweilig sei. Daran vermag wahrscheinlich auch ein Peter Kloeppel nichts zu verändern. Wenn ein Buch in einem Film eine bestimmte Rolle spielt, mag das schon wieder eine ganz andere Kiste sein, aber gezielte Werbefilme für das Lesen – da fühle ich mich auch ein bisschen an den Bibelclip erinnert, der abends gern mal auf RTL läuft. In deinem letzten Satz steckt wahrscheinlich sehr viel Wahrheit .. und für mich eben auch die Frage: muss ich missionieren? Oder kann ich nicht auch akzeptieren, dass manche das Lesen für eine stinklangweilige Tätigkeit halten? (wenn es von unserer Warte aus auch vollkommen unverständlich ist)

      • Es gibt einen Bibleclip? Sieh an, Ich hab ja keinen Fernseher, da bleibt einem natürlich viel erspart. Und man hat viel Zeit zum Lesen ; )
        Ich denke, als Buchhändlerin fühlst du dich vielleicht verpflichtet, Leute zum Lesen zu bringen. Ich würde das auch gern können. Aber es hat nichts mit persönlichem Versagen zu tun, wenn es nicht gelingt, sondern einfach mit unterschiedlichen Lebensweisen, Prioritäten etc. Niemand sollte sich für seine Interessen rechtfertigen müssen. Wer lesen will, soll lesen, wer lieber etwas anderes macht, soll eben etwas anderes machen.

        • Genau der Ansicht bin ich ja eigentlich auch. Ich glaube auch nicht, dass ein von außen aufdiktiertes Lesen ein bereicherndes sein kann. Entweder man entdeckt es aus sich selbst heraus zu einem bestimmten Zeitpunkt, – oder eben auch nicht. Mal abgesehen davon, dass diese ,Das macht dich sexy und cool‘-Attitüde der Werbespots mich stört. Aber heute ist ja sowieso immer alles ein Erlebnis, vom Deodorant zum Raumerfrischer, vom der Küchenrolle zum Kaugummmi ..

          • Ja! Was heutzutage alles sexy ist, schnarch … Kann ja sein, dass ein Leser oder eine Leserin sexy ist, aber das Lesen an sich, hm …

  4. Ehrlich gesagt, ich kann mir auch nicht vorstellen, dass so etwas irgendeinen der entsprechenden TV-Konsumenten zum Lesen bringt.
    Ich denke, es hängt einfach (einfach, haha) ganz viel mit Bildung zusammen. Mit Schulbildung, mit der Bildung, die man im Elternhaus vorgelebt bekommt, und mit Chancengleichheit. Und speziell in letzterem ist Deutschland einfach unterentwickelt.
    Im übrigen finde ich auch: die einen lesen, die anderen nicht. Man ist deshalb kein besserer oder schlechterer Mensch. Man verlernt bloß gegebenenfalls eine am Ende doch ganz wichtige Kulturtechnik. Schade.
    Liebe Grüße, Kai

    • Lieber Kai,
      ich habe mich auch schon öfter gefragt, ob das nicht auch irgendwie eine Form von Überheblichkeit ist, zu sagen: „Was,du liest nicht? Dann musst zu gezwungen werden!“ ..ich habe noch nie einen Musiker gesehen, der sich hinstellt und sagt: „Was, du spielst kein Instrument? Das muss man jetzt sofort ÄNDERN.“ Ich glaube auch nicht, dass das Lesen einen besseren oder schlechteren Ruf hat als noch vor einigen Jahren ..also, dass es einen großen „Imageschaden“ erlitten hätte,den man jetzt reparieren muss.
      LG

  5. „Aber vielleicht wird man noch träumen dürfen und sich für einen kurzen Augenblick an der Vorstellung erfreuen, dass alle, die nun durch RTL-Gesichter animiert zu lesen beginnen, künftig dem Sender den Rücken zudrehten.“ => Das wäre in der Tat ein wünschenswerter Effekt. 🙂
    Grundsätzlich habe ich die Befürchtung, dass die Stiftung Lesen hier Geld für etwas herausgeworfen hat, was in erster Linie der Image-Politur von RTL dient („Schaut her, unsere RTL-Moderatoren lesen!“). Richtig schlimm finde ich allerdings diese „Der Zweck heiligt die Mittel“-Haltung, wie es – nach meiner Ansicht – auch die Buch-Kooperation von Stiftung Lesen mit McDonald’s ist…

  6. Ich komme gleich mal auf deine Frage am Ende des Artikels zu sprechen, um das davor geschriebene mit einzubeziehen: Ich würde einen Nichtleser nur überzeugen, zum Buch zu greifen, wenn ich merke, dass es überhaupt etwas bringen würde. Es macht keinen Sinn, jemanden zu etwas zu bringen, was er nicht will. Das man nicht liest hat nicht unbedingt nur etwas mit Bildung, sondern mit einer Einstellung zum geschriebenen Wort zu tun (die natürlich proportional zur Bildung ansteigt). Ich hatte auch mal eine Phase, da hatte ich keine Lust zu einem Buch zu greifen beziehungsweise waren andere Dinge einfach interessanter und die Zeit, auch noch zu einem Buch zu greifen, einfach zu knapp. Hätte mich in dieser Phase jemand zum Lesen überreden können? Dazu kann ich ein eindeutiges Jein geben, aber die Motivation zu einem Buch zu greifen, war zu dieser Zeit einfach nicht da. Ich kenne viele, denen es da ähnlich geht und die auch eine Buchempfehlung annehmen würden, aber denen schwirren tausend andere Sachen durch den Kopf und lesen wäre für sie in diesem Moment zu anstrengend, zu zeitraubend, zu … (kann beliebig weitergeführt werden). Im Prinzip ähnlich dem, wie es der verlinkte Artikel beschreibt.
    Solche Kampagnen bringen somit meiner Meinung nach nicht viele Menschen zum Lesen und erst recht nicht mit solchen Aussagen, dass Lesen sexy ist. Lesen soll Spaß machen und soll sich nicht mit Büchern schmücken, nur um des Lesens willen. Daraus zieht man keinen Gewinn für sich und man wird eigentlich nur zum Lesen „gezwungen“. Ich finde, der Drang zu lesen, muss aus einem selbst heraus kommen, entweder, weil man es vorgelebt bekommt oder einfach, weil man es selbst will. Alles andere macht keinen Sinn und wird den Menschen das geschriebene Wort in Form eines Romans oder anderer schriftstellerischer Werke nicht näher bringen.

  7. Liebe Sophie,

    natürlich mag die Kampagne verbesserungswürdig sein, ich schließe mich aber Kulturgeschwätz an, dass sie zumindest ein Schritt dahin ist, etwas zu bewegen. Mich spricht weder die Kampagne an, noch könnten mich Peter Kloeppel oder Frauke Ludewig überzeugen, ich falle aber auch nicht in das angesprochene Zielpublikum. Ich finde, dass es immer leicht ist, etwas schlecht oder verbesserungswürdig zu finden und darüber zu debattieren, schwer wird es wahrscheinlich, wenn man wirklich versucht etwas umzusetzen.

    Im dazugehörigen Text steht übrigens, dass es bei diesen Spots vor allem um Analphabeten geht und ich bezweifel, dass diese nicht nicht lesen, weil lesen uncool ist, sondern weil es im Bereich Analphabetismus ganz viel Hemmungen und Scham gibt. Ob diesen Analphabeten nun durch diesen Spot wirklich geholfen werden kann, ist natürlich noch einmal eine andere Frage …

    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara,

      ich behaupte jetzt einfach mal, nicht völlig unreflektiert etwas schlechtgemacht zu haben – um des Schlechtmachens willen. 😉 Und ich finde, man kann über solche Kampagnen durchaus debattieren. Natürlich mag es schwierig sein, sowas umzusetzen – wenn der Spot sich an Analphabeten richten soll, hat er meines Erachtens irgendwie noch weniger Zugkraft. Da fand ich ,Schreib dich nicht ab – lern lesen und schreiben‘ noch wesentlich eindrücklicher. Die Grundidee dahinter mag ja eine löbliche sein. Ich frage eben nur – immernoch – ob es in dieser Art und Weise notwendig ist.
      Liebe Grüße

      • Liebe Sophie,

        „Lesen zu können ist in Deutschland keine Selbstverständlichkeit: Rund 7,5 Millionen Erwachsene hierzulande sind funktionale Analphabeten, das heißt, sie sind nicht in der Lage, Texte zu verstehen und richtig zu schreiben. Damit fehlt ihnen eine wichtige Schlüsselkompetenz für die persönliche Entwicklung, für Bildung und für beruflichen Erfolg. Vor diesem Hintergrund machen RTL und die Stiftung Lesen in gemeinsamen TV-Spots ab 27. Januar 2014 Werbung für ein ganz besonderes Produkt: das Lesen.“

        Ich finde die Grundidee, dass man Analphabeten vermitteln möchte, das Lesen dazu führen kann, besser sprechen und dadurch mehr Erfolg im Arbeitsleben haben zu können, nicht schlecht. Über die Umsetzung lässt sich natürlich debattieren, ich glaube aber, dass die Botschaft bei dem Publikum von RTL ankommen kann und genau darum soll es ja hier gehen.

        Liebe Grüße
        Mara

        • Und da sind wir dann wohl unterschiedlicher Ansicht. Lesen ist fürmich darüber hinaus auch kein Produkt. Dass viele diese Schlüsselkompetenz nicht mehr erwerben, hängt mit vielen Dingen zusammen (unter anderem ja auch mit Zuständen an deutschen Schulen die nicht immer so rosig sind), die so ein Spot nicht verändert. Dass es Förderung geben muss, für eben diese Menschen, das sehe ich und das unterstütze ich. Aber statt Geld in solche Spots zu stecken, sollte man das Geld doch lieber in entsprechende Anlaufstellen investieren. Denn, wie du ja richtig sagst, wer (funktionaler) Analphabet ist, ist das nicht unbedingt aus Überzeugung. Dementsprechend bedarf es wahrscheinlich auch nicht der Überzeugung zum Lesen.

          Vielleicht ist mein Menschenbild aber auch schon so verkorkst, dass ich solche Dinge nicht mehr uneingeschränkt positiv betrachten kann. Warten wir gespannt, ob es Ergebnisse in Zusammenhang mit dieser Initiative gibt. (und ob sie veröffentlicht werden)

          • Vielleicht müssen Menschen, die nicht lesen können und viel vor dem heimischen Fernseher sitzen, erst einmal aufgerüttelt werden (z.B. durch einen solchen Spot), um eine Anlaufstelle aufzusuchen. Ich will diese Werbefilmchen nicht schön reden, aber ich glaube, dass Lesen für Analphabeten eine andere Funktion hat, als für dich oder für mich. Für mich ist die Grundaussage der Kampagne auch nicht unbedingt eine Überzeugung zum Lesen von Büchern, sondern ein Anstoß dafür, dass das geschrieben Wort, ihnen im Alltag vieles erleichtern und ganz neue Chancen eröffnen kann.

            Auf die Ergebnisse bin ich selbstredend auch gespannt. 🙂

          • „Lesen ist sexy“ klingt für mich schon wie knallharte Überzeugungsarbeit. 😉 Anhand dessen wäre ich auch niemals auf die Idee gekommen, es handle sich um eine Kampagne für Analphabeten. Selbstredend hat Lesen für Analphabeten eine andere Funktion, für die meisten Menschen hat Lesen eine andere Funktion als für uns, für die es ein stückweit Lebensgefühl ist. Da gebe ich dir Recht.

          • Natürlich ist das Überzeugungsarbeit, aber vielleicht nicht unbedingt – wie ich schrieb – für das Lesen von Romanen/Büchern, sondern dafür, dass Lesen eine wichtige Grundkompetenz in unserem Leben ist und wenn sie auch nur dafür eingesetzt wird, das Bewerbungsformular für die nächste Castingshow lesen und richtig ausfüllen zu können. 🙂

  8. RTL wirbt fürs Lesen … ein Widerspruch – wie du schon sagst ausgerechnet dieser Sender. Finde, dass die Erziehung zur Haltung ‚Lesen ist cool‘ in der Schule anfangen sollte. Und auch wenns auf dem Lehrplan steht, Hermann Hesse ist vllt. nicht das richtige ‚cool‘.

  9. Ich glaube kaum, dass aus überzeugten Nichtlesern plötzlich Leser werden. Entweder man ist damit aufgewachsen, hat es „im Blut“ oder eben nicht. Soweit ich das im Bekannten- und Freundeskreis sehe, lesen die Kinder von lesenden Eltern in der Regel auch , aber wer bis zum Jugendalter nicht damit angefangen hat, wird auch schwerlich durch Werbung, lesende Promis oder Ähnliches plötzlich zum begeisterten Leser. Der Grundstein dafür wird m.E. in der Kindheit gelegt, daher ist Kindergarten und Schule ein wichtiges Forum hierfür.
    Lesen ist m.E. eine Lebeneinstellung… LG

  10. Durch das eigene Vorbild vielleicht, ansonsten Hände weg vor Zwangsmissionierungen denke ich, die haben noch nie geglückt und ich kenne auch interessante Nichtleser

  11. Sehr schöner Text. Der Kernaussage schließe ich mich an. Man sollte woanders ansetzen, um das Buch-in-die-Hand-nehmen voranzutreiben. Da reicht so eine hausbackene Medienkampagne nicht aus. Trotzdem, wenigstens wird sich damit auseinandergesetzt und etwas gemacht – die Frage ist nur, wie.

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