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Ernst Glaeser – Jahrgang 1902

jahrgang 1902

Ernst Glaeser (1902-1963) war ein deutscher Autor. Er studierte Philosophie, Gemanistik und Literaturwissenschaft und war schon in jungen Jahren Redakteur der Frankfurter Zeitung sowie von 1928 bis 1930 Leiter der literarischen Abteilung des Südwestdeutschen Rundfunks. Diese Position dürfte Glaeser in nicht unwesentlichem Umfang dem Erfolg seines erstmals 1928 erschienenen Romans ,Jahrgang 1902′ zu verdanken haben, der ihn über Nacht bekannt und zum Sprecher einer ganzen Generation machte. Angesichts des Gedenkjahres 2014 entschloss sich der Wallstein Verlag, dieses Stück romanhafte Zeitgeschichte neu zu veröffentlichen.

Im Folgenden berichte ich, was meine Freunde und ich vom Krieg gesehen haben. Es sind nur Episoden. (…) Meine Beobachtungen sind lückenhaft. Es wäre mir leicht gewesen, einen „Roman“ zu schreiben. Ich habe mit diesem Buch nicht die Absicht zu „dichten“. Ich will die Wahrheit, selbst wenn sie fragmentarisch ist wie dieser Bericht.

Mit diesen Worten unterbricht Ernst Glaeser den Fluss seines Romans und verdeutlicht, dass nicht das Stilisieren, sondern das Dokumentieren sein Anliegen als Schriftsteller ist. So will Glaeser sein Werk offensichtlich schon damals mehr als Zeitpanorama begriffen wissen denn als literarisch ästhetisierte und aufbereitete Lektüre. Der Protagonist in ,Jahrgang 1902‚ teilt mit Glaeser nicht nur dessen Geburtsjahr und -namen, sondern vermutlich auch das soziale Umfeld, in dem er aufwächst, die gehobene Mittelschicht. Beide sind bei Kriegsausbruch 12 Jahre alt und beide sehen ihn mit den Augen eines Kindes, eines Heranwachsenden in einer komplexen Welt, deren Zusammenhänge unbegreiflich erscheinen.

Glaeser schildert die politisch instabile Situation vor Kriegsausbruch, die Grabenkämpfe zwischen links und rechts, den schwelenden Antisemitismus, der in Gestalt des kränklichen Leo Silberstein ein wehrloses Opfer findet. Ernsts bester Freund ist Ferd v.K., dessen Vater, ein weltmännischer und vielgereistert Mann der bürgerlichen Schicht, den alle nur den ,roten Major‚ nennen, vielen eher konservativen und linientreuen Dorfbewohnern ein Dorn im Auge ist. Sieht er den Krieg doch bereits kommen, als andere ihn noch für unmöglich halten. Ernst nimmt diese unterschwellig feindselige und gesellschaftliche Stimmung wahr, für ihn ist sie kennzeichnendes Merkmal der Erwachsenenwelt.

Es geschah zunächst nichts. Die Eindrücke dieses verwirrenden Tages blieben für mich lediglich als Bilder bestehen und auch diese verwischten sich mehr und mehr. Sie schoben sich übereinander, ihre Konturen verschwammen, was blieb, war ein ängstliches Misstrauen gegen alles, was Erwachsene sagten und taten. Ich schloß mich sehr von ihnen ab, als könnte mich eine Berührung mit ihnen verwunden, denn es schien mir, sie hätten kein anderes Ziel, als einander möglichst oft wehe zu tun.

Ein anderes Thema von Glaesers Roman ist die erwachende Sexualität, von der stets nur als ,das Geheimnis‘ die Rede ist. Aufgrund relativ freizügiger Passagen – insbesondere eingedenk der Zeit ihrer Veröffentlichung – fand der Roman in konservativen Kreisen wenig Anklang. Jedoch beschreibt er ziemlich genau die aufkommenden Bedürfnisse, von denen sein Protagonist nichts versteht, die Vereinzelung der Pubertät, die durch die politischen und gesellschaftlichen Vorgänge noch um ein Vielfaches potenziert wird. Als aber schließlich der Krieg ausbricht, zeigt er zunächst sein einigendes, sein pompös-pathetisches Gesicht. Die Welt lag verändert, der Krieg hatte sie schön gemacht, beschreibt der junge Ernst den fatalen Freudentaumel der Massen.Die Menschen liegen sich in den Armen und singen das Deutschlandlied – sofern sie Deutsche sind. Dieser Riss, der plötzlich durch die zuvor noch friedlich beieinandersitzenden Völker geht, reicht für Ernst besonders tief. Denn er hat in Gaston, einem französischen Jungen, auf Kur einen guten Freund gefunden.

Es fehlte die Sprache, deren Tücke und Hinterhältigkeit die Menschen so oft auseinanderbringt, es fehlte die Eitelkeit der Dispute und die zerstörende Sucht, mit Worten ,recht‘ zu behalten. Wir brauchten nicht zu übersetzen, was uns bewegte,wir verständigten uns mit den Augen, mit den Sinnen und alles, was wir taten, war ehrlich.

Diese Freundschaft wird der Krieg zerreißen, stehen sich Deutsche und Franzosen doch feindlich gegenüber. Ernst Glaesers Erinnerungen – und es spricht vieles dafür, seinen Roman dergestalt zu verstehen – sind authentisch, bestechen durch eine messerscharfe Sprache und wache Beobachtungsgabe. In nur wenigen Sätzen mag Glaeser einen Sachverhalt in bildreicher Sprache vor uns auferstehen lassen, klar und deutlich. Immer jedoch, ohne abzuschweifen, ohne zu „dichten“. Frühere Ausgaben seines Werkes kommen so auch ohne den Untertitel ,Roman‘ daher. ErnstGlaeser_Jahrgang1902Er galt als Fürsprecher einer Generation, die den Krieg als Werk ihrer Eltern verstand, einer Generation, die zwar alt genug war, ihn bewusst zu erleben, aber noch zu jung, um dabei zu sein. Christian Klein schreibt ein umfangreiches und hoch informatives Nachwort, das auch zu Glaesers politischen Wandlungen einige Äußerungen und Quellen zusammenträgt. Nachdem seine Bücher 1933 noch mit Heine, Feuchtwanger und Brecht zusammen verbrannt wurden, kehrte er 1939 nach Deutschland zurück und schrieb für eine Luftwaffenzeitung – im Rücken viele aufgebrachte und fassungslose Exilanten. Diese Neuauflage eines Klassikers der Weimarer Republik dürfte nicht nur die erfreuen, die Interesse am Ersten Weltkrieg hegen, – ein besseres Portrait eines Heranwachsenden vor dem Hintergrund einer auseinanderdriftenden Ordnung wird man nicht finden. Und nicht zuletzt wohl auch keinen Roman, der sich auf diese Weise der Geschehnisse hinter der Front annimmt, derer, die die Erschütterungen des Krieges nicht im Schützengraben, sondern in Form von Hunger und – mancherorts – Wahnsinn fernab erleben.

Wir hatten den Krieg als große Verbrüderung erlebt und sahen ihn plötzlich zum Geschäft deklariert. Deutschland, hieß es, müsse reicher werden, es brauche die und die Kohlengruben, diesen oder jenen Zugang zur See. Wir begriffen das nicht. War Deutschland eine Firma geworden, der Krieg ein Unternehmen und unsere Väter Angestellte dieser Firma, deren Aufsichtsräte zu Hause saßen?

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