Graphic Novel, Rezensionen
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Antonio Altarriba & Kim – Die Kunst zu fliegen

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Antonio Altarriba ist ein spanischer Autor, Literaturprofessor und Comickünstler. Seit den frühen 80er Jahren veröffentlicht er Romane, Anthologien, Comics und Essays. Für seinen Roman La Memoria de la Nieve wurde er sogar mit dem Baskischen Literaturpreis ausgezeichnet. Auch ,Die Kunst zu fliegen‘ wurde mehrfach mit Preisen bedacht, so u.a. mit dem Premio Nacional del Comic 2010. Kim, der mit bürgerlichem Namen Joaquim Puigarnau Aubert heißt, ist ein spanischer Comickünstler, dessen satirische Comicserie Martínez el Facha bereits als Klassiker spanischer Comickunst bezeichnet wird. ,Die Kunst zu fliegen‚ erschien in der Übersetzung von André Höchemer im avant-Verlag.

Dass Comics längst ihrem unseriösen Image entwachsen sind, ist seit Art Spiegelman, Robert Crumb, Craig Thompson und Chris Ware eine anerkannte und kaum noch angezweifelte Tatsache. Kaum ein Thema, dem sich die Graphic Novel nicht widmen könnte. Joe Sacco und Guy Delisle sind allerorten bekannt für ihre eher journalistisch geprägten Veröffentlichungen. Was Antonio Altarriba dem Leser hier präsentiert, ist die Geschichte seines Vaters. Antonio Altarriba Lopes stürzte sich am 04. Mai 2001 aus dem vierten Stock des Seniorenheims, in dem er lebte. Neunzigjährig, vom Leben ausgezehrt, psychisch entkräftet und von starker Medikation verwirrt, ist das die einzige Entscheidung, die er wachen Geistes und im Reinen mit sich selbst noch treffen kann.

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Gleich zu Beginn verblüfft diese Graphic Novel mit einem erzählerischen Kniff, der nicht eben häufig anzutreffen ist. Zunächst aus der Sicht des Sohnes berichtet, wandelt sie sich schrittweise zur Ich-Perspektive. Antonio Altarriba Lopes hinterließ seitenweise Aufzeichnungen über sein Leben und Leiden, über all das, was ihm festzuhalten wert und wichtig erschien. Auf der Basis dieser Schriftstücke entwirft sein Sohn eine Biographie des Vaters, die gleichzeitig das Schicksal unzähliger Spanier spiegeln dürfte, die unter General Franco in den Bürgerkrieg zogen, im Zweiten Weltkrieg kämpften oder vor den bis 1975, zum Tode Francos,währenden diktatorischen Verhältnissen ins Exil gingen.

Niemand weiß, wie ein Mann in seinem Alter und Zustand die Heimaufsicht austricksen,im vierten Stock durch ein Fenster klettern und sich in die Tiefe stürzen konnte. Doch ich weiß es. Nur ich kann wissen, wie er es tat, ..denn ich war zwar nicht dabei, doch ich war in ihm. Ich bin immer in ihm gewesen, denn ein Vater besteht aus seinen möglichen Kindern.

Als Sohn einer Bauernfamilie lernt Antonio Altarriba Lopes schon früh harte Arbeit und Entbehrungen kennen. Mit acht Jahren verließ er die Schulbank und wurde zur Feldarbeit abgestellt, seinen Wissensdurst jedoch verliert er nie. Er wächst unter einem harten und unbeugsamen Vater auf, umgeben von Kämpfen um Besitz und Auskommen. Um der engen Dörflichkeit und der überall spürbaren Feindseligkeit untereinander zu entkommen – so errichten die Bauern hohe Mauern um ihre Felder, um ihren Besitz zu sichern – versucht er sein Glück in Saragossa. Arbeitet dort als Lieferant, scheitert. Die Häme in seinem Heimatdorf Penaflor ist ihm sicher, als er mit leeren Händen zurückkehrt. Nachdem jedoch sein Freund Basilio bei einem Unfall mit einem selbstgebauten Fahrzeug ums Leben kommt, beschließt Antonio Altarriba Lopes dem Dorf und seiner Familie den Rücken zu kehren. Nach Basilios Tod hält ihn wenig.

Die Ankunft in der Stadt datiert sich vermutlich kurz vor Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges, der 1936 mit dem Putsch Francos gegen das demokratisch gewählte System der Zweiten Spanischen Republik begann und bis 1939 andauern sollte. Kurz darauf brach der Zweite Weltkrieg aus. Antonia Altarriba Lopes sieht sich nicht auf Seiten Francos, für ihn bilden die Kämpfe und Gewalttaten in der Stadt nur eine Fortsetzung der dörflichen Rivalitäten und Auseinandersetzungen. Sein Onkel Segundo, der vom Chauffeur des Bürgermeisters zum „Müllmann“ degradiert wurde, erzählt in familiärer Runde, was er da tatsächlich zu transportieren gezwungen ist.

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Antonio Altarriba Lopes läuft zu den Anarchisten über, flieht schließlich ins französische Exil und kämpft dort in der Résistance gegen die deutsche Besatzung. Es ist ein Leben voller Entbehrungen, Schmerzen und Leid. Auch im Spanien der Nachkriegszeit, das von Korruption und krummen Machenschaften zusammengehalten wird, kann er nicht Fuß fassen. Um sein Überleben zu sichern, muss er schließlich Werte und Überzeugungen zugunsten der herrschenden Gegebenheiten verwerfen. Er wird „innerer Emigrant“, wie viele andere Spanier, die nach den Kriegen keinerlei Perspektive und Möglichkeit mehr sahen, dem herrschenden System etwas entgegenzusetzen. Sie passen sich an, um nicht unterzugehen.

Antonio Altarriba und Kim haben in dieser Graphic Novel nicht nur hervorragende erzählerische und grafische Arbeit geleistet, mit der Geschichte des Antonio Altarriba Lopes haben sie auch ein Stück spanische Geschichte anhand persönlicher Erfahrungen rekapituliert. Wer sich bisher mit diesem Teil europäischer Geschichte nicht eingehend beschäftigt hat, bekommt einen ersten Einblick in Abläufe und Strukturen. Die eindrücklichen Zeichnungen verbildlichen die lebensnahe Sprache Antonio Altarribas auf ganz hervorragende Weise, insbesondere, wenn Vorstellung und Wirklichkeit verschwimmen. Die letzten Lebensjahre seines Vaters im Heim, der Rückzug aus der Welt werden dabei so plastisch dargestellt, dass man nicht umhin kann, die Last dieses Mannes zu spüren. Eines Mannes, der plötzlich der Überzeugung ist, ein Maulwurf fresse sich durch seine Brust.

Es nährt sich von meinem Kummer darüber, was ich nicht sein konnte. Ich habe weder die Sonne erreicht noch meine Flugrichtung beibehalten. Deshalb zehrt ein blindes Bodentier von mir.

Eine Graphic Novel, die mit ihrem außergewöhnlich großen Format und gut 200 Seiten aus den Veröffentlichungen herausragt, eine Geschichte, die herausfordert, die Familiengeschichte eines Einzelnen und die Lebensgeschichte vieler.

7 Kommentare

  1. LIebe Sophie,
    das hört sich wie eine sehr spannende und interessante Geschichte an, in der der Leser sowohl etwas über eine individuelle Biografie erfährt, aber offensichtlich auch viel Zeitgeschichtliches. Und der Perspekt-Wechsel macht mich zusätzlich neugierig. Vielleicht ist das nun doch endlich mal der Auslöser für mich, eine Graphic Novel in die Hand zu nehmen…
    Viele Grüße, Claudia

  2. Freue mich immer wieder, wenn ich Gleichgesinnte treffe, die auch gerne mal zu einem Comic, einer Graphic Novel oder einem Manga greifen. 🙂 Das ist nicht so weit verbreitet wie es mir lieb wäre.

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