Rezensionen, Romane
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Rachel Joyce – Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte

Rachel Joyce ist eine britische Schriftstellerin. Sie studierte Englisch und besuchte die Royal Academy of Dramatic Art in London. Außerdem war sie Schauspielerin der Royal Shakespeare Company und gewann sogar einen Award für ihre Rolle in Henrik Ibsens Nora oder Ein Puppenheim. 2012 hatte sie mit ,Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry‚ einen völlig unerwarteten Welterfolg. Auch ihr neuer Roman erscheint im Fischer Verlag, aus dem Englischen übersetzt von Maria Andreas.

Manch ein Roman tut, ohne jeden intellektuellen Anspruch, einfach gut. Wie ein Bad am Abend, heißer Kakao und – eingedenk der Jahreszeit – in weich-wollene Socken gehüllte Füße. Schon mit ihrem ersten Roman hat Rachel Joyce bewiesen, dass es zu ihren unbestrittenen und herausstechenden Talenten gehört, solche Romane zu schreiben. Ungewzungen, natürlich fügt sich ein Wort an das andere und lässt genau dieses wohlige Gefühl entstehen, zu dessen Erzeugung Literatur, neben allerlei Sinnkrisen, auch imstande ist. Rachel Joyce erzählt die Geschichte einer Freundschaft und eines Unglücks, dessen Beginn ohne Zweifel in zwei Sekunden fällt, die es eigentlich gar nicht gab.

James Lowe und Byron Hemmings sind gute Freunde. James, ein eher vergeistigter und etwas eigensinniger Typ, ist für Byron, schon seiner Intelligenz wegen, eine Autorität. Er selbst hingegen ist dicklich, linkisch und blass neben seinem Freund, der ihn regelmäßig mit Informationen aus der Wissenschaftswelt zu begeistern und zu verängstigen weiß. Die Mondlandung soll gar nicht stattgefunden haben, von allen Verschwörungstheorien rund um John F. Kennedys Tod ganz zu schweigen. Es ist der Sommer 1972 und eine unbarmherzige Hitze brennt auf Cranham Village nieder.

Als Mr.Roper ihnen zum ersten Mal das Konzept der Relativität vorstellte, hatte James begeistert genickt, als hätte er die Existenz magnetischer Kräfte schon immer vermutet, während Byron die neue Vorstellung als einen einzigen Wirrwarr im Kopf empfand. Vielleicht lag es an James‘ allgemeiner Sorgfalt. Byron beobachtete ihn manchmal, wie er die Lasche am Reißverschluss seines Federmäppchens längs ausrichtete oder sich den Pony aus den Augen wischte, alles mit einer Präzision, die Byron mit Ehrfurcht erfüllte. Manchmal versuchte er, es James gleichzutun. Er machte abgezirkelte Schritte oder ordnete seine Filzstifte nach Farben. Aber dann gingen seine Schuhbänder auf oder sein Hemd rutschte aus der Hose, und Byron war wieder der Alte.

Eines Tages verkündet James, bald würden der Zeit zwei Sekunden hinzugefügt. Das wäre einhellig so beschlossen worden, von Wissenschaftlern, Regierungen. Ursächlich sei die Erdbewegung, irgendwas würde mit der Zeit nicht mehr stimmen, wenn nicht zwei gewöhnliche Sekunden hinzuaddiert würden. Für Byron kommt das dem größten anzunehmenden Chaos gleich, pfuschte doch jemand plötzlich in den Gegebenheiten herum, an denen sich alle Menschen festhielten, an Dingen, die dem Leben Festigkeit und Überschaubarkeit verliehen. Tagelang fragt er sich, wann diese zwei Sekunden eingefügt würden und ob er wohl bemerkte, wenn es passierte. Und als Byron auf dem Weg zur Schule im Auto seiner Mutter plötzlich seine Uhr rückwärts laufen sieht, schreit er auf – und seine Mutter Diana streift mit ihrem Jaguar ein kleines Mädchen.

Was Byron zutiefst schockiert, scheint seine Mutter gar nicht wahrgenommen zu haben. Sie benimmt sich als sei nie etwas geschehen, was den elfjährigen Byron in tiefste Verwirrung stürzt. Er hadert mit sich, will seiner Mutter keine Schuld aufladen, weiß auch gar nicht, ob jemand schuldig werden kann, der sein Vergehen nicht einmal bemerkt hat. Ohnedies ist Diana Hemmings viel zu sehr damit beschäftigt, ihrem Mann Seymour eine perfekte Ehefrau zu sein. Seymour ist nur am Wochenende zuhause und dennoch beherrscht seine Präsenz das Familienleben.

Das Holz des Schreibtischs und des Stuhls davor war poliert wie bei Museumsmöbeln. Auch die Dose mit Karamellbonbons und die Karaffe mit Whisky durften nicht berührt werden. Dasselbe galt für seinen Vater. Wenn Byron jemals Anstalten machte, die Arme um ihn zu legen – und manchmal wünschte er sich, er könnte es – dann entzog sich sein Vater in letzter Sekunde und bog die Umarmung zu einem Händeschütteln ab.

Der Unfall wird zunächst als Byrons Hirngespinst abgetan, bis Byron und seine Mutter ein untrügliches Indiz am Jaguar entdecken. Und von da an nehmen die Katastrophen ihren Lauf. Gipfelnd in einer furchtbaren familiären Tragödie und einem Rückzug aus der Welt. Parallel wird die Geschichte eines gewissen Jim erzählt. Eines Mannes in den Fünfzigern, geplagt von Zwangsvorstellungen, die er mit zeitraubenden Ritualen in Schach zu halten versucht. Lange Zeit hat er in Besley Hill, der örtlichen Psychiatrie, verbracht, bis die geschlossen und er in ein Leben entlassen wurde, für das er nicht bereit war.

Außerdem treten die großen Dinge des Lebens nicht als solche auf. Sie kommen in leisen, ganz gewöhnlichen Momenten – ein Anruf, ein Brief – kommen, wenn wir nicht hinsehen, kommen ohne Hinweis, ohne Vorwarnung, und deswegen strecken sie uns zu Boden. Und es kann ein ganzes Leben dauern, ein sehr langes Leben, bis man das Missverhältnis der Dinge akzeptiert – dass Unbedeutendes und Bedeutendes ganz dicht beieinanderliegen und miteinander verschmelzen können.

Mit einem beeindruckenden (sprachlichen) Gespür für die leisen Zwischentöne menschlichen Miteinanders schreibt Rachel Joyce einen Roman über die Macht von Vergangenheit und Zeit. Wenige Sekunden können ein ganzes Leben verändern, den Ausschlag in die eine oder andere Richtung geben, viel zerstören, was nicht in ebenso kurzer Zeit wieder zu reparieren ist. Ein herzerwärmendes Buch, genau richtig für kalte und stürmische Abende. Vielleicht kein Futter für den Intellekt, aber umso mehr für’s allgemeine Wohlbefinden.

3 Kommentare

  1. Liebe Sophie, schön, dass dir der Roman so gut gefallen hat wie mir 🙂 Ich finde es erstaunlich, dass die Story so ein wohliges Kuschelabend-Gefühl erzeugt, obwohl sie eigentlich todtraurig und tragisch ist. Das Geheimnis hierfür liegt irgendwo in der Sprache und den Figuren verborgen, aber wie Rachel Joyce das genau macht, ist und bleibt mir ein magisches Rätsel…Herzlichst, Karo

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  3. renate seitz sagt

    mir hat das buch auch sehr gefallen, sprachlich eine meisterleistung.
    aber die borniertheit von diana und die überheblichkeit von james ist manchmal schwer auszuhalten.
    dass die geschichte den leuten so gut gefällt, obwohl sie tragisch ist, liegt meines erachtens nicht an der erzählkunst der autorin (die unbestritten ist) sondern daran, dass das wohlige gefühl, das man an kalten winterabenden dabei hat aus der trügerischen gewissheit entsteht, es gehe einem selber ja so viel besser und dergleichen könne einem nicht passieren.

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