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Der Bibliophile

Unter Lesern gibt es viele verschiedene Spezies. Spielarten, Unterarten, Vorstufen und Endstadien. Jedem aber dürfte das Problem des Raums geläufig sein, der begrenzten Realität, die vonnöten ist, um Geschichten und Wissen artgerecht zu lagern. Dem Bibliophilen, der gelegentlich die Grenze zum Bibliomanen überschreitet, ist das gleichgültig. Er dehnt den Raum zu seinen Gunsten, so lange es freie Flächen gibt, wird es Bücher geben, sie zu füllen.

Und als würden Bücher allein unmöglich ausreichen, muss der Bibliophile sich zur Aufrechterhaltung seines Wohlbefindens mit allerlei Gegenständen umgeben, die in irgendeiner Verbindung zum Literarischen, zum geschriebenen Wort stehen. Für den Bibliophilen sind Bücher in direktem Umfeld überlebensnotwendig. Eine Behausung ohne bedrucktes Papier, Buchdeckel und Zubehör ließe den Bibliophilen innert kürzester Zeit verkümmern wie eine verdurstende Zimmerpflanze. Ja, man könnte sogar zu sagen wagen, der Bibliophile läse selbst dann, wenn er die Bücher nur anschaue, er atme gewissermaßen das um ihn herum befindliche Wort durch die Buchdeckel hindurch.

collage2Unter Wissenschaftlern ist es nach wie vor umstritten, inwiefern eine ausgeprägte Bibliophilie bereits die Kriterien einer ernsthaften Erkrankung erfüllt. In jedem Falle kann man wohl sagen, dass es in der Wohnung eines Bibliophilen niemals karg oder ungemütlich aussehen kann, viel mehr wie in einer wohnzimmerartigen Bibliothek, in der selbst der Bewohner noch Entdeckungen zu machen vermag. Alte Flohmarktrelikte und Funde, Mitnahmebücher, die in der Überzeugung, diese spezielle Gelegenheit ergäbe sich nicht ein zweites Mal in den nächsten Jahrzehnten nach Hause getragen wurden. Der Bibliphile hortet vorausschauend, er kauft bereits jetzt Bücher für den Rest seines Lebens.

Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seinen Böden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken.

Hermann Hesse

11 Kommentare

  1. „… in der selbst der Bewohner noch Entdeckungen zu machen vermag“. Köstlich, dabei warst du doch noch gar nicht bei mir zu Hause 🙂 Liebe Grüße von Leserin zu Leserin, Anna

    • Das vielleicht nicht, aber ich kenne es ja von mir selbst. Es gibt Ecken in meinem Bücherregal, da wandert mein Blick selten hin, vermutlich auch, weil das Sofa davor steht. Und da finde ich manchmal ganz überraschend Bücher, von denen ich glatt vergessen hatte, dass ich sie besitze. Das ist großartig. 😉 , Liebe Grüße zurück

  2. Genau! Wunderbar treffend beschrieben – dem kann man gar nichts mehr hinzufügen 🙂 „Er kauft bereits jetzt Bücher für den Rest seines Lebens“: so habe ich die Bücherkaufsucht noch gar nicht gesehen 🙂

    Liebe Grüße

  3. Sehr schön auf den Punkt gebracht 🙂 Kommt mir alles sehr bekannt vor. Fange auch schon an, meine Bücher sehr platzsparend in meinem Regal anzuordnen, damit auch ja noch mehr reinpasst!

    Liebe Grüße
    Deborah

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