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Als der Wind von Abend wehte

wortfriedhof

Sprache ist im Wandel. Und so wie manch ein Wort unversehens Eingang in den täglichen Sprachgebrauch findet, von dem wir uns fragen, wie es so plötzlich aus dem Nichts auftauchen konnte, verschwinden mit fortschreitender Zeit auch immer wieder vereinzelt Ausdrücke, mit denen wir nichts mehr anfangen können. Wenn der Wind früher von Abend wehte, war das nicht etwa eine tageszeitabhängige meteorologische Ausnahmeerscheinung, sondern die schlichte Feststellung, das Lüftchen wehe von Westen her. Und wer des Abends nach getaner Arbeit scherzhaft einen Arbeitersekt verlangte, bekam ein schlichtes Mineralwasser verabreicht. Bescheidene Verhältnisse, bescheidene Getränke. Wir alle kennen noch Worte, die man eigentlich nicht mehr verwendet, manch einer ist sprachlich nahezu krankhaft nostalgisch. So wie Preising, einer der Protagonisten in Jonas Lüschers Roman ,Frühling der Barbaren‘.

“Pass auf”, sagte er, “ich werde es dir beweisen, und zu diesem Behufe werde ich dir eine Geschichte erzählen.” Das war auch so eine von seinen Angewohnheiten, Worte zu verwenden, von denen er sicher sein konnte, dass er der Einzige war, der sie noch im Repertoire hatte.“

Allerenden, danieden, derohalben, forthin, lustwandeln, perlusorisch – es gibt Sprachgewohnheiten, mit denen man sich heute eher in soziale Randgebiete katapultiert statt Anerkennung zu ernten. Dabei hat das Hegen und Pflegen früherer Sprachgewohnheiten, immer im Kontext betrachtet, wenig mit dem Gestrigsein und einer Abkehr von der linguistischen Moderne zu tun, sondern mit einem lebendigen Sprachbewusstsein, bisweilen auch mit einem Interesse für Geschichte. So verschwindet manch ein Wort auch aufgrund gesellschaftlicher Veränderung. Dass wir heute nicht mehr lustwandeln, hängt maßgeblich mit der Beschleunigung des täglichen Lebens zusammen. Zeit für Muße, für das Sinnieren haben wir nicht mehr – und selbst früher war das wahrlich nur denen vergönnt, die auch beim Lustwandeln im Park keine existentiellen Nöte zu befürchten hatten.

Wer seine Mitmenschen einmal kurzfristigen Irritationen aussetzen will, findet hier eine Liste mit zehn Worten, die zu sagen man sich vermutlich zunächst etwas ziert, die ihre Wirkung aber mit Sicherheit nicht verfehlen werden. An der passenden Stelle angebracht, geht von ihnen sogar ein ganz besonderer Glanz aus, versprochen!

1) Den könnte ich verkamisolen, wenn ich ihn sehe! (umgangssprachlich: verprügeln)

2) Er war ein seigneuraler Lebemann. (vornehm, weltmännisch)

3) Sie scharlenzten durch die verlassenen Straßen der Stadt. (müßig herumgehen und gaffen)

4) Man fuchsschwänzelte wenig überzeugend. (schmeicheln, jemandem nach dem Mund reden)

5) Das Erdpech glühte. (Asphalt)

6) Er war in Chagrin geraten. (Kummer, Verdruss)

7) Sie haseliert eben gern. (derbe Späße machen, treiben, lärmen)

8) Diese Fanfaronade geht einem aber gewaltig auf die Nerven. (Angeberei, Prahlerei)

9) So geriet unser Ausflug sehr pläsierlich. (vergnüglich)

10) Ich sah mein Magdtum in Gefahr! (Jungfräulichkeit)

3 Kommentare

  1. LIebe Sophie,
    ich freue mich darüber, dass ich wenigstens noch ein Wort Deiner Liste kenne: pläsierlich. Alle anderen: noch nie gehört! Das sind wohl tatsächlich Wörter, die auf dem Friedhof gelandet sind. Obwohl ich ja den „Wind, der von Abend weht“ sehr, sehr schön finde.
    Viele Grüße, Claudia

    • Pläsier bzw. pläsierlich war mir auch noch ein Begriff. Bei allem anderen erging es mir wiedir. Wobei ich ‚lustwandeln‘ als eher scherzhaftes Wort noch kannte, aber das sagt heute ja niemand mehr in aller Ernsthaftigkeit. Ja, den Wind fand ich in der Tat auch ganz poetisch.
      Liebe Grüße

  2. Im Kontext kann man sie vielleicht noch „übersetzen“, wahrgenommen habe ich nur ‚verkamisolen’… Die anderen werden bei Gelegenheit, dem ein oder anderen verdutzten Babo präsentiert. 😀

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