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Jonas Jonasson – Die Analphabetin, die rechnen konnte

Jonas Jonasson ist ein schwedischer Autor und Journalist. Nach seinem Studium arbeitete Jonasson für mehrere Printmedien sowie als selbstständiger Medienberater. Mit seinem Debüt über den Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg, hat er nicht nur in Schweden sämtliche Rekorde gebrochen. Elf Monate nach dem Verkaufsstart in Deutschland (August 2011) waren bereits mehr als eine Million Exemplare verkauft, monatelang führte Jonasson die Bestsellerliste an. Nun ist sein neuer Roman in der Übersetzung von Wibke Kuhn bei Carl’s Books erschienen.

Wie pflegte noch der Anführer des A-Teams am Ende jeder Episode zu sagen? Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert. So etwas muss sich auch Jonas Jonasson gedacht haben, als sein Hundertjähriger zu einem rechten Kassenschlager avancierte. Und wenn ein Plan einmal gut funktioniert, besteht doch eigentlich wenig Notwendigkeit, ihn zu überarbeiten. Deshalb legt Jonasson mit seinem neuen Roman ,Die Analphabetin, die rechnen konnte‚ nun im Grunde einen mutierten Hundertjährigen vor, der sich lediglich in der Besetzung, nicht aber in der Konzeption von seinem Vorgänger unterscheidet. Die Dichte halbgarer Gags ist schwindelerregend hoch und war der Hundertjährige in seinen Ideen noch originell und unverbraucht, sieht man sich als Leser jetzt mit einer aufgewärmten Suppe konfrontiert, die besser unter dauerndem Rühren den Weg in den Ausguss angetreten hätte.

Im Grunde hatten sie ja noch ein glückliches Los gezogen, die Latrinentonnenträger in Südafrikas größtem Slum. Sie hatten nämlich sowohl eine Arbeit als auch ein Dach über dem Kopf. Eine Zukunft hatten sie statistisch gesehen jedoch nicht. Die meisten von ihnen sollten relativ früh an Tuberkulose, Lungenentzündung, Durchfallerkrankungen, Tabletten, Alkohol oder einer Kombination aus alldem sterben.

In derartigen Verhältnissen und einer ärmlichen Lehmhütte wächst Nombeko Mayeki auf. Ihre Mutter hat mithilfe von Klebstoff und Alkohol längst jede gesunde Verbindung zur Wirklichkeit und sich selbst aufgekündigt, ihr Vater ist verschwunden. Sie verdingt sich als Latrinentonnenträgerin (oder: sie trägt Scheiße, wie Jonasson salopp zu formulieren weiß) und hat ein ganz besonderes Talent: Sie kann rechnen. Undzwar besser als die meisten anderen Menschen um sie herum. Sind die doch auch viel zu sehr damit beschäftigt, ihr alltägliches Leben zu organisieren. Nachdem ihr ein alter Mann mit Diamanten in den hohlen Zähnen rein zufällig das Lesen beibringt, verschlingt Nombeko die Bücher geradezu – und wird sich dadurch mehr Wissen anlesen als man einem Mädchen ihres Alters und ihrer Hautfarbe jemals zugetraut hätte.

Bei einem Trip nach Johannesburg wird sie versehentlich von dem deutlich alkoholisierten Ingenieur Engelbrecht van der Westhuizen überfahren und, so will es das Rechtssystem der Zeit, zur mehrjährigen Arbeit bei ihm verurteilt. Sie sei ihm schließlich vor sein Auto gelaufen, nicht er auf den Fußweg gefahren. Van der Westhuizen ist aber nicht irgendein Ingenieur, er arbeitet an einem südafrikanischen Kernwaffenprogramm, das ihn dazu verpflichtet, in Bälde sechs Atombomben bauen zu lassen. Der einem Gläschen Kognak niemals abgeneigte Herr ist allerdings derart unbegabt, dass Nombeko ihm stetig bei der Konzeption unter die Arme greifen muss. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, als van der Westhuizen im Suff eine Atombombe zu viel produzieren lässt, die vollkommen ungeplant auf Umwegen nach Schweden gelangt. Auch Nombeko hat sich in einer spektakulären Flucht aus van der Westhuizens stacheldrahtgesicherter Forschungsanlage nach Schweden durchgeschlagen – wo sie mit eben dieser eigentlich nicht existenten Atombombe wieder zusammentrifft. So viel zur groben Handlung, die im Laufe der Geschichte freilich immer weiter ausufert und bisweilen bizarre Blüten trägt, die manches Mal die Grenzen des guten Geschmacks nicht nur marginal überschreiten.

Wenn man Krebspatient ist und keine Krebstherapie bekommt, geht das selten gut aus.

… liest man und wartet auf den Tusch des Karnevalskomitees. In der fast schon schmerzhaften Bemühung, historisch relevante Fakten in die absurde Geschichte einzuflechten, entstehen Passagen, die den Eindruck erwecken, Jonasson habe sie aus einem Geschichtsbuch abgeschrieben: Wie damals,als Angola gerade die Unabhängigkeit erlangt hatte. Die Freiheitspartei PLUA hatte sich mit der Freiheitspartei PCA zusammengetan, um die Freiheitspartei MPLA zu bilden, die zusammen mit den Freiheitsparteien FNLA und UNITA dafür sorgte, dass die portugiesische Regierung es bereute, diesen Teil des Kontinents überhaupt erst entdeckt zu haben. Wo sind die Lektoren, wenn man sie dringend braucht, wo die tapferen Verlagsmitarbeiter, die Belanglosigkeiten und Redundanzen dieser Art, von denen dieser Roman nur so wimmelt, eliminieren?

Wenn Jonasson nicht gerade aus Geschichtsbüchern ungemein witzige Begebenheiten rezitiert, werden Politiker und die Politik im Allgemeinen tief durch den Kakao gezogen. Das kann man machen, wenn man es gut macht und den Bogen nicht überspannt – qualitativ anspruchsvolles politisches Kabarett tritt diesen Beweis immer wieder auf’s Neue an. Bei Jonasson gerät diese Persiflage auf die Weltpolitik eher zum Kasperletheater ohne Boden. Was im Klappentext „respektlos“ genannt wird, nenne ich einfach belanglos und spätestens ab Kapitel zwei schmerzlich vorhersehbar. Wenn Jonas Jonasson sein nächstes Buch plant, gäbe es mancherlei Option, allen voran aber: Wie backe ich mir einen Beststeller.

Ein möglichst großes Kabinett skuriller Figuren, völlig absurde Geschichten bisweilen weit über den Klamauk hinaus, ein wenig einprägsamer Titel und wahllose Begebenheiten der Weltpolitik bilden die Grundzutaten. Bloß die Gewürze variieren hier und da. Mal ist es ein Hundertjähriger, mal eine Fünfzehnjährige aus Südafrika. Bloß zutrauen darf man ihnen nicht, was dann geschieht. Ein Buch, das auf bedauerliche Weise demonstriert, dass manch eine gute Idee nicht zur wiederholten Verwertung taugt, wenn man sich nicht den Magen verderben will.

„Leben, hier komme ich!“, sagte er.

Und wurde im nächsten Augenblick von einem Bus überfahren.

12 Kommentare

  1. Was für ein toller Verriss, der großen Spaß macht, ihn zu lesen. Ich habe mich bisher ja am „Hundertjährigen“ vorbeigemogelt, ihn nun aber von lieben Menschen geschenkt bekommen. Nach der Lektüre Deines Beitrags hoffe ich aber, dass die „Analphabetin“ mich auf keinen Fall heimsucht.

    • Vielen Dank für das Kompliment, liebe Claudia. Ich habe mich erst ja ein bisschen geziert, aber letztlich überwogen doch die negativen Empfindungen. Sicher, die ein oder andere Passage regt zum Schmunzeln an, aber das trägt keinen ganzen Roman. Ich kann dich beruhigen, den Hundertjährigen fand ich wirklich besser.

  2. Christoph sagt

    Danke für Deine Einschätzung!

    Titel und Umschlaggestaltung lassen ja schon vermuten, dass hier krampfhaft versucht wird, den Erfolg des „Hundertjährigen“ zu wiederholen. Schade, dass es offenbar wirklich so ist…

  3. Danke für diese Besprechung, die ich mal als Vorwarnung nehme. Da mir schon der Hundertjährige nur in Ansätzen gefallen hat, werde ich wohl um diesen Nachfolger einen großen Bogen machen und mir das Geld für bessere Bücher aufheben.

  4. ich habe schon mit gutem Grund darauf verzichtet, den Hundertjährigen zu lesen und werde wohl auch wohlweislich auf dieses Buch verzichten. Danke für die eindringliche Warnung. 😀

  5. Mir hat der Hundertjährige schon nicht wirklich gefallen. Also es war halt eine einfache sehr ausgeschmückte Geschichte …die ansich aber sehr flach war…eben leichte Unterhaltung

  6. Pingback: Neu in unseren Bücherregalen. Eine kleine Auswahl [2] | Gemeindebücherei Marienheide

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