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A Person Of Quality and Honour, of course!

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Es ist gut, richtig und erstrebenswert, sich mit literarischen Erscheinungen der Gegenwart auseinanderzusetzen. Mit Autoren der Moderne. Mit aktuellen Titeln. Regelmäßig möchte ich an dieser Stelle künftig versuchen, in vergangene(re) Zeiten aufzubrechen, an Autoren, zu erinnern, die man noch heute kennt – oder vielleicht auch mal an solche, die in Vergessenheit geraten sind. Manchmal geschieht das ja zu Unrecht, manchmal zu unser aller Nutzen und Freude. An einem 30.November betraten so einige bedeutsame Autoren unseren Planeten, so mancher verließ ihn auch. Willkommen geheißen hätten wir am 30.November 1667 in Dublin jedenfalls Jonathan Swift.

Er gilt heute als einer der bedeutendsten Satiriker, damals war er ein Aufrührer. Swift studierte Theologie, mehr auf Wunsch seines Onkels hin denn aufgrund eigener Präferenzen und da er angeblich schon an der Universität ganz offenkundig rebellische Neigungen zeigte, bekam er seinen Abschluss ,by spacial favour‚. Nicht, weil er ihn verdient hätte, eher aus Mildtätigkeit. Swift bekam Anstellungen in mehreren Kirchen, mal in England und mal in Irland, die er jedoch niemals lange behielt. Er begann, politische Satiren zu verfassen, in denen er die Ausbeutung der Iren durch englische Gutsbesitzer anprangerte. Er wiegele das Volk auf, warf man ihm vor. Das allerdings hat Swift niemals vom Schwingen seiner Feder abgehalten. ,Gullivers Reisen‚ ist sein wohl bekanntestes Werk und wer erinnert sich nicht mit Freuden an den Disput über das Aufschlagen eines Eis? Über Jahre hinweg befanden sich Lilliput und Blefuscu im Kriegszustand, weil sie sich nicht einigen konnten, an welcher Stelle man ein Ei aufschlägt.

Aber nicht nur im Literarischen und Politischen war Swift pointiert und scharfzüngig, auch ansonsten galt er als exzentrisch, reizbar und eher unhöflich. Er schrieb unter mehreren Pseudonymen, so u.a. Isaac Bickerstaff, A Person Of Quality und A Person of Honour. 1733 verfasste Swift unter dem Namen Dr.Shit tatsächlich eine Abhandlung über Fäkalien, manch einer behauptet, sein Geisteszustand sei ab 1740 massiv beeinträchtigt gewesen. Wie dem auch sei, Jonathan Swift jedenfalls wird in der literarischen Welt so schnell nicht in Vergessenheit geraten, nur wenige haben so „rücksichtslos“ und zielstrebig das vertreten, woran sie glaubten, ganz gleich, wem sie damit womöglich in die Parade fuhren.

Und ich habe mir oft gewünscht, es möge ein Gesetz erlassen werden, wonach in jedem Jahr ein halbes Dutzend Bankiers zu hängen wären.
(Jonathan Swift – „Ein kurzer Überblick über die Lage Irlands“)

a twainAber nicht nur Jonathan Swift erblickte an einem 30.November das Licht der Welt, auch ein Mann namens Samuel Langhorne Clemens. Ein Mann, den die meisten von uns vermutlich unter dem Pseudonym Mark Twain kennen. Der Schöpfer von Huckleberry Finn und Tom Sawyer, von Tante Polly und Indiana Joe schrieb aber nicht nur vergnügliche Abenteuergeschichten, sondern auch höchst unterhaltsame Reiseberichte. ,Bummel durch Europa‚ kann man noch heute unumwunden jedem empfehlen, der sich mit den Eigenarten der europäischen Völker oder auch dem Kampfe Twains mit der deutschen Sprache beschäftigen möchte.

Im Deutschen hat ein Mädchen kein Geschlecht, eine Rübe dagegen schon. Welch eine übermäßige Hochachtung vor der Rübe und welch eine kaltherzige Missachtung des Mädchens verrät sich hier! (Mark Twain)

Twain wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, als er elf Jahre alt ist, stirbt sein Vater. Er begann bald eine Ausbildung zum Schriftsetzer und nachdem sein Bruder das ,Hannibal Journal‘, eine lokale Zeitung, gekauft hatte, gelang es Twain, einige erste Artikel zu veröffentlichen. Bis zu seinem 18. Lebensjahr blieb er in Hannibal, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Missouri, und schrieb unter seinem ersten Pseudonym W. Epaminondas Adrastus Perkins. Wir können heute dankbar sein, dass er sich hinsichtlich eines wohlklingenden Künstlernamens noch einmal umentschieden hat. Mark Twain indessen ist ein Ausdruck aus der Seemannssprache. Er bedeutet ,zwei Faden Wassertiefe‘ und erinnert an seine Zeit als Steuermann auf dem Mississippi, der so trübe und flach war, dass die Messung der Wassertiefe desöfteren vonnöten war, wenn man nicht auf Grund laufen wollte.

Twain gehörte glücklicherweise nicht zu den Autoren, die ihren Ruhm niemals erleben sollten. Er war einer der ersten, der lange Vortragsreisen unternahm, das Reisen war für Twain untrennbar mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit verbunden. Nach seinem Tod 1910 sagte Ernest Hemingway über ihn: All of American literature comes from one book by Mark Twain called Huckleberry Finn … There was nothing before. There has been nothing as good since. Auch Mark Twain war politisch engagiert und trat stets für seine Überzeugungen ein. Er schreibt über das Leben der Armen und Mittellosen, schreibt an gegen religiöse Heuchelei, war Mitglied der antiimperialistischen Bewegung in den USA und verurteilte als solches häufig das militärische Engagement Amerikas. Die Krankheit des Landes, sagte er einmal, sei die Gier nach Macht und die „Geldlust“. Im Oktober 2012 erschien im Aufbau-Verlag ,Meine geheime Autobiographie‚, Twains Erinnerungen sind ein ganz besonderes Leseerlebnis.

Oscar_Wilde_portraitAber auch gestorben wurde an 30.Novembern. So unter anderem im Jahre 1900. Oscar Wilde, heute noch der Inbegriff des Dandys, starb 46-jährig in Paris. Wilde kam früh mit der Schriftstellerei in Kontakt, denn sein Vater war einer der bekanntesten irischen Ohren – und Augenärzte und verfasste Bücher über Archäologie, Folklore und – …Jonathan Swift. Wilde studierte klassische Literatur und erlangte 1878 mit seinem Gedicht ,Ravanna‘ erstmals literarische Anerkennung. Im viktorianischen London seiner Zeit galt Wilde als Skandalautor, sein extravagantes Auftreten war weithin bekannt und berüchtigt.

1895 wurde Wilde zu zwei Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit verurteilt (man lese dazu: Ballade vom Zuchthaus zu Reading, gemeinsam mit De profundis im Diogenes Verlag erschienen). Wegen Unzucht und nachweisbarem Kontakt zu männlichen Prostituierten. Wilde ging – gemessen am Standard der damaligen Zeit – sehr offen mit seiner Homosexualität um, die damalige Zeit scherte das wenig. Die folgenden zwei Jahre sollten seine Gesundheit ruinieren. Nach seiner Entlassung floh er nach Paris, wo er bis zu seinem Tod drei Jahre später verarmt und isoliert unter dem Namen Sebastian Melmoth lebte. Es ist, ohne Zweifel, eine tragische Geschichte, die das Ende Oscar Wildes beschließt. Auch zu Lebzeiten gab er vielen Menschen Rätsel auf. Wirkte er oft überheblich und behauptete, das Schreiben langweile ihn zutiefst und so seien die meisten seiner Werke doch lediglich die Ergebnisse leichtfertiger Wetten mit Freunden, die ihm nicht zugetraut hätten, einen Roman zu schreiben. Dass unter dieser Maske des Beiläufigen und Schmuckhaften aber auch etwas ganz Anderes steckte, verrät Wilde selbst in einem Zitat, mit dem ich diesen kleinen literarischen Rückblick auf drei bedeutende Persönlichkeiten der Weltliteratur abschließen möchte:

To the world I seem, by intention on my part, a dilettante and dandy merely – it is not wise to show one’s heart to the world – and as seriousness of manner is the disguise of the fool, folly in its exquisite modes of triviality and indifference and lack of care is the robe of the wise man. In so vulgar an age as this we all need masks.”

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      • Cool, da freue ich mich drauf. Ich fand es angenehm locker und unterhltsam geschrieben, und irgendwie so verbunden. Das findet man selten. Meistens sind die Dinge/Personen/Themen ja eher abgegrenzt, eingezäunt und trocken. 🙂 Coole Sache!

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