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Peter Henning – Ein deutscher Sommer

Peter Henning ist ein deutscher Schriftsteller. Er studierte Germanistik und Philosophie in Frankfurt, seit 1985 war er als Journalist für verschiedene deutsche Zeitungen tätig. In ,Ein deutscher Sommer‚ beschäftigt er sich mit dem Gladbecker Geiseldrama von 1988, das als eines der größten Kriminaldramen in die deutsche Nachkriegsgeschichte eingegangen ist. ‚Ein deutscher Sommer‘ erschien im Aufbau Verlag.

Vielen Deutschen dürften die Bilder des Sommers 1988 noch lebhaft vor Augen stehen. Die Bilder zweier Männer, Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski, die Polizei, Journalisten und Zivilbevölkerung 54 Stunden in Atem hielten. Die Bilder der Geiseln, die Bilder des fünfzehnjährigen Emanuele de Giorgi, der bei dem Versuch, seine Schwester zu beschützen, erschossen wird, die Bilder der damals achtzehnjährigen Silke Bischoff, die bei der Beendigung des Dramas ebenfalls zu Tode kommt. Es ist ein Wagnis, das Peter Henning mit seinem Roman eingeht. Sich an Erinnerungen entlangtastend, die sich ins kollektive gesellschaftliche Gedächtnis eingegraben haben, entwirft er ein Panorama dieser 54 Stunden, gleichzeitig aber auch eines ganzen Sommers, eine literarische Bestandsaufnahme, die nicht mit kritischen Seitenhieben auf den geifernden, jeder Empathie enthobenen Sensationsjournalismus spart.

Es beginnt am 16. August 1988 mit dem Überfall auf eine Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck. Hans-Jürgen Rösner hat zum damaligen Zeitpunkt bereits elf Jahre in Haft verbracht und befindet sich seit knapp zwei Jahren auf der Flucht. Er war von einem Hafturlaub nicht zurückgekehrt. Die beiden erbeuten etwas über 100.000 DM, fordern ein Fluchtfahrzeug und nehmen zwei Bankangestellte als Geiseln mit sich. So beginnt auch Peter Hennings Roman, der sofort in Fahrt kommt und sich nicht mit vorsichtigen Aufwärmübungen aufhält. Parallel zu dieser beginnenden Geiselnahme entfalten sich Lebensgeschichten von Nebenakteueren, die alle mehr oder weniger in die kommenden Abläufe involviert sein werden. So erfahren wir von Thomas Bertram, Journalist bei RTL und als solcher einem Journalismus verpflichtet, der mehr auf Wirkung denn auf Wahrheit und Genauigkeit setzt. Wir lernen Chris Mahler kennen, eine junge Taxifahrerin, die sich, nachdem sie von einem Fahrgast beinahe vergewaltigt wurde, den ersten Tag nach längerer Beurlaubung wieder hinter das Steuer eines Taxis setzt.

An der nächsten Straßeneckeblieb sie stehen und drückte hastig drei der blauen Dragees aus dem Blister und schob sie sich in den Mund. Dann schob sie die Packung in ihre Handtasche zurück, griff nach dem Pfeffersprayund lief in Richtung Bredenstraße. „Sie müssen auf die Angst zugehen! Jedes Ausweichen oder Zurückschrecken macht sie nur größer in Ihrem Kopf“, hatte Dr. Brunner zu ihr gesagt, und Chris hatte ihre Worte auf sich wirken lassen, demütig und bereit, sie in die Tat umzusetzen.

Da ist Rolf Kirchner, Komissar der Polizei Dortmund, der hilflos die Tatenlosigkeit seiner Einheit zur Kenntnis nehmen muss – eine Tatenlosigkeit, mit der er, wie er findet, eine Schuld auf sich lädt, die er nie mehr loswird. Wir begleiten Peter Ahrens, ebenfalls Journalist und fest entschlossen, sich einen der besten Plätze in dieser Vorstellung zu sichern. Er wird in Bremen den Vermittler zwischen den Geiselnehmern und der Polizei spielen. Degowski und Rösner fahren mit wechselnden Geiseln und Fahrzeugen von Gladbeck nach Bremen, über die holländische Grenze und zurück nach Köln, immer gefolgt von einem Konvoi Journalisten, die begierig ihre Kameras schwenken und alles auf Bild festhalten.

Wie pflegte Maibach zu vorgerückter Stunde und mit der nötigen Menge Cocktails intus zu predigen: „Die visuell verabreichten Schocks müssen immer heftiger sein, immer gemeiner und immer perfider, damit sich da draußen bei den in ihren Sesseln sitzenden Gaffern überhaupt noch was regt und sie nicht – gelangweilt oder längst bis auf die Knochen abgestumpft durch so viel monotones, alltäglich gewordenes Grauen – in Scharen ins ZDF zu ‚Lou Grant‘ oder ins Erste zu Heinz Sielmann abwandern und damit unsere Quote in den Keller drücken.“

In immer wechselnden Abschnitten erlebt der Leser die Stationen des Geiseldramas, viel mehr aber die Leben der direkt und indirekt Beteiligten, die durch die gesellschaftliche Erschütterung dieses Verbrechens auch selbst vielfach eine Veränderung erfahren. Peter Henning gelingt es in seiner literarischen Collage, viele verschiedene Stimmen einzufangen und sich durch diesen erzählerischen Kniff nicht zu sehr auf das zu fokussieren, was ohnehin nahezu jeder noch im Gedächtnis hat. Es geht nicht so sehr um die Geiselnahme und deren Ablauf, es geht um ihre unmittelbaren und indirekten Einflüsse.

Es scheint aus heutiger Sicht, in Zeiten des Terrors und zahlloser Präventivmaßnahmen zur Verhütung von Verbrechen, nahezu unvorstellbar, dass zwei Männer, weitgehend ungestört von Polizeikräften, mit ihren Geiseln quer durch die Republik fahren, hier und da anhalten, einkaufen gehen oder an Imbissbuden einkehren. Zynisch nahezu wirken die Schilderungen von Journalisten, die den Geiselnehmern Zigaretten reichen, um ein Foto von ihnen zu erhaschen, fast so als reichten sie im Zoo den Affen Zucker. Peter Henning spart nicht mit solchen Schilderungen, ohne jedoch in schwarz-weiße Verdammung journalistischen Handwerks abzudriften, dafür kennt er es selbst zu gut. Sein Schreibstil ist mal poetisch und kraftvoll, mal sachlich und nüchtern, höchstwahrscheinlich war auch Peter Henning selbst 1988 mit journalistischer Berichterstattung betraut.

Peter Henning ist mit ,Ein deutscher Sommer‚ das Wagnis eingegangen, ein reales Ereignis in fiktvem Rahmen aus verschiedensten Perspektiven zu beleuchten. Wie immer, wenn ein Autor real existierende Personen zum Gegenstand seiner Erzählungen macht, muss er sie anders handhaben und gestalten, sich bewusst sein, dass er nicht mit Protagonisten seiner Fantasie, sondern mit echten Menschen operiert. Henning ist sich dessen in vollem Umfang bewusst und schafft mit der nötigen Sensibilität ein berührendes und eindringliches Werk über ein Ereignis, das auch nach 25 Jahren eigentlich nichts von seinem Schrecken eingebüßt hat. Auch wenn wir seltener darüber nachdenken.

Das Leben ging weiter. So oder so. Selbst nach solchen Ereignissen wie Mogadischu oder der Ermordung von Jürgen Ponto und der Entführung und Hinrichtung von Schleyer im heißen Herbst 1977 war es, nachdem die mediale Empörung sich gelegt hatte,weitergegangen, und alle waren zur Normalität zurückgekehrt. Und genauso würde es nach den Ereignissen von Gladbeck, Bremen und Köln sein, alle würden zur Normalität zurückkehren, abdriften ins Private.

6 Kommentare

  1. Eine sehr schön geschriebene Rezension zu einem Buch, welches ich auch schon im Fokus habe, seit dazu eine Besprechung in der Zeit gelesen habe. Da diese Geschichte immer mal wieder durch die Medien huscht und ich damals zu jung war, dieses ganze Drama mitzubekommen (mal abgesehen vom Tal der Ahnungslosen :)) und jetzt noch durch deine positive Besprechung, bin ich umso mehr auf dieses Buch gespannt. Wenn ich es gelesen habe, werde ich hier noch einen weiteren Kommentar setzen, wie ich dieses Buch erfahren habe.
    Gruß,
    Macg

    • Freut mich, dass meine Rezension zur Lektüre des Buches anregt. 🙂 ..ich selbst bin ein Jahr nach dem Geiseldrama geboren und muss ganz ehrlich sagen, dass ich bisher wenig davon wusste und mir auch die vielbeschworenen Bilder nichts sagen. Aber ich habe beim Reden über das Buch von vielen gehört „Das habe ich damals live miterlebt“ .. für viele ist es also durchaus etwas, woran sie sich noch heute deutlich erinnern, fünfundzwanzig Jahre später. Ich wünsche dir viel Vergnügen mit der Lektüre und bin gespannt auf deine Meinung. 😉

  2. Liebe Sophie,
    ich habe Hennings Roman schon in der Hand gehabt, ihn aber erst einmal wieder ins Regal zurückgestellt, denn ich konnte mir schlecht vorstellen, wie er dieses Ereignis als Roman verarbeitet, ohne „nur“ eine journalistische Hintergrundrecherche zu beteiben. Du stellst nun seinen literarischen Ansatz heraus und machst deutlich, dass Henning mehr die Beteiligten und ihre Geschichten in den Fokus genommen hat. Das hört sich für mich nun doch sehr interessant, spannend und lesenswert an.
    Kann man als Leser denn ein Stück nachvollziehen, warum die sich die Journalisten, auch wenn sie für entsprechende Medien arbeiteten, damals so hemmungslos verhalten haben (ich konnte es damals schon nicht glauben – ich habe die Bilder aus Köln noch ganz präsent vor Augen – wie sich die Journalisten Schwerkriminellen gegenüber angebiedert haben) oder gibt es dafür schlichtweg keine Gründe außer der großen Sensation? Und wird das leben der beteiligten auch noch nach Beendigung des Geiseldramas in den Blick genommen, um die Folgen auszuloten?
    Viele Grüße, Claudia

    • Liebe Claudia,

      ich war mir auch sehr unsicher, wie Peter Henning um dieses Ereignis einen Roman schreiben will, schließlich ist er mit knapp über 600 Seiten auch nicht eben kurz. Insofern ist der Ansatz, den er gewählt hat, schon ein ganz spannender. Zum Teil kann man die Journalisten nachvollziehen, ja. Im Falle Thomas Bertrams wird schon angedeutet, dass ihn als werdender Vater durchaus finanzielle Beweggründe bei RTL halten, er durchläuft im Laufe des Romans eine Wandlung, die schlussendlich in der Abkehr von RTL mündet. Peter Ahrens wird zuhause plötzlich von seiner kleinen Tochter mit den Fernsehbildern konfrontiert, die ihn verhandelnd mit den „bösen Männern“ zeigen. Peter Henning zeigt also nicht nur einseitig den Sensationsjournalismus, er zeigt auch die Menschen dahinter. Klar wird aber dennoch: Es geht um Geld und Quote. Die Beendigung des Geiseldramas geschieht im Roman ziemlich rasch, das ZItat, das ich ans Ende meiner Rezension gestellt habe, findet sich auch relativ am Ende des Buches. Tatsächlich ist es ja so, dass man meistens danach wieder zur Tagesordnung übergeht, was bleibt einem anderes übrig? ..
      Liebe Grüße

    • ODudek sagt

      Diesem Kommentar ist nichts hinzuzufügen. Du nimmst mir die Worte geradezu vorweg. Auch ich habe die Bilder noch präsent vor Augen und kann das Vorgehen der Journalisten auch heute noch nicht verstehen.
      Auch ich hatte/habe meine Zweifel bei dem Buch, die sich aber inzwischen durch mehrere positive Besprechungen gelegt haben.
      VG, Oliver

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