Romane
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Andreas Schäfer – Gesichter

Andreas Schäfer ist ein deutscher Autor und Journalist. Er studierte Germanistik sowie Kunst – und Religionswissenschaft und arbeitete für die Berliner Zeitung. Seit 2006 schreibt Schäfer für den Tagesspiegel. 2009 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil, 2010 stand er mit seinem Roman „Wir vier“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. ,Gesichter‘ ist sein neuester Roman und Ende August im DuMont Verlag erschienen.

Gabor Lorenz ist ein erfolgreicher Neurologe. In einer Berliner Klinik forscht er auf dem Gebiet der Prosopagnosie, der Gesichtsblindheit. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und ein hübsches Haus. Die Unfähigkeit, Gesichter wiederzuerkennen – eine Fähigkeit, die die meisten von uns für so selbstverständlich halten wie das Binden von Schuhen – treibt im Augenblick wohl viele Literaten um. Vielleicht, weil ihre Ursachen weitgehend ungeklärt sind, weil noch immer nicht klar bestimmbar scheint, welche Hirnareale dafür zuständig sind, Menschen auch nach Jahren noch aus einer Masse Fremder heraus erkennen zu können, trotzdem Zeit oder Krankheit womöglich einige Veränderungen am Antlitz des geliebten Menschen vorgenommen haben. Wie nehmen gesunde Menschen Gesichter wahr? Wonach unterscheiden sie? Mit solchen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich Gabor Lorenz gewöhnlich, bis ihn ein scheinbar unbedeutender Vorfall aus seiner Routine reißt.

Er ist auf dem Rückweg, von einer griechischen Urlaubsinsel mit der Fähre zurück in die Heimat, als er einen Mann beobachtet, der in einen offenen LKW springt und so unbemerkt mit dem Fahrzeug an Bord gelangt. Verwahrlost sieht er aus,gleichzeitig aber auch überraschend routiniert bei seinem Sprung an Deck. Es sind nur Sekunden, die sich in Gabor Lorenz‘ Erinnerung einbrennen.

Der Himmel war niedrig, wolkenverhangen. Auf der Straße hinter dem Stacheldrahtzaun rauschte der Feierabendverkehr. Die Obsttüte schlug gegen seine Oberschenkel, während Gabor der Gangway zustrebte, mit einem erhebenden Gefühl des Auserwähltseins und einem darüber vor Schreck geschrumpftem Herzen, das, hart wie eine Holzkugel, gegen die Innenseite seines Brustkorbs hämmerte.

Etwas später, die Fähre hat schon abgelegt, macht sich Gabor Lorenz auf sie Suche nach dem Mann, der unbemerkt an Bord gelangte. Er findet ihn auf dem LKW-Deck und wirft ihm, vielleicht aus Mitgefühl, vielleicht auch Hilflosigkeit die Tüte mit Bananen zu, die er, eigentlich für seinen Sohn gekauft, noch immer mit sich trägt. Am Ende der Überfahrt wird ihm nicht nur bewusst, dass sich die Postkarten, die er traditionsgemäß aus dem Urlaub an sich selbst verschickt noch in der Tüte befinden, auch der Flüchtling wird entdeckt und in Handschellen abgeführt. Nicht ohne zufällig seinen Nachnamen erfahren zu haben. Und vermutlich in dem Glauben, Lorenz habe ihn verraten.

Er dachte an den Mann von der Fähre, immer wieder versuchte er, sich sein Gesicht zu vergegenwärtigen, aber es gelang ihm nicht mehr, als wäre er mittlerweile so nah gekommen, dass er ihn nicht mehr erkennen konnte. Als säße er in den Wipfeln der Bäume vor dem Haus, im Zittern unter seiner Haut.

Wieder zurück in Berlin erhält Lorenz seine Postkarten zugesandt. Abgestempelt erst in Italien, dann in München, schließlich in Berlin. Er ist sich sicher, dass der Flüchtling sie ihm schickt, dass der Mann, von dem er nur noch seinen wütenden und fassungslosen Gesichtsausdruck im Gedächtnis behalten hat, sich an ihm rächen will. Gabor Lorenz entwickelt eine nahezu paranoide Wahrnehmung und als auch noch seine vierzehnjährige Tochter Nele spurlos verschwindet, scheint alles auf eine furchtbare Katastrophe zuzusteuern.

Andreas Schäfer hat einen Roman über den Moment geschrieben, in dem das Leid anderer plötzlich in die eigene geordnete Lebenswirklichkeit eindringt. Die griechische Urlauberinsel wird von Flüchtlingen überrannt, sie kommen aus der Türkei und angrenzenden Staaten. Manchen gelingt die Flucht, andere sterben dabei. Wie erschütternd real diese Lage ist, zeigte sich gerade wieder im Falle der verunglückten Flüchtlinge vor Lampedusa. Die Inselbewohner in Andreas Schäfers Roman aber sind alles andere als erfreut, sie machen sich Gedanken um fallende Grundstückspreise und ausbleibende Touristen. Menschliches Elend sehen sie allenfalls bei sich selbst.

Dem Flüchtlingsdrama stellt Andreas Schäfer noch ein familiäres an die Seite, indirekt beinflusst durch das große Ganze. Das bringt den Roman zwar ordentlich in Fahrt und verleiht ihm plötzlich unerwartet kriminalistische Züge, wirkt aber in der schnörkellosen „Auf-den-Punkt“-Prosa Schäfers wie ein Fremdkörper, der überraschend den Fokus verschiebt. Woran erkennen wir die, die wir lieben? Müssen wir Menschen (er)kennen, um ihr Elend zu sehen? Für Gabor Lorenz sehen die Flüchtlinge, die er auf der Insel Patras erblickt und die wie Vieh und ohne Pässe auf die Fähre geschleust werden, alle gleich aus. Wie für einen Gesichtsblinden. Dabei verstecken sich hinter diesen Gesichtern oft ähnliche Dramen, wie Lorenz sie in seinem unmittelbaren Umfeld erfährt. Man hätte sich gewünscht, mehr über diese Dramen zu erfahren.

Eine Rezension gibt es auch im Bücherwurmloch.

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