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John Williams – Stoner

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John Williams (1922-1994) war ein amerikanischer Autor und Herausgeber. Er studierte Englische Literatur, lehrte an der University of Denver und unterrichtete bis zu seiner Emeritierung 1985 im Rahmen desdortigen Creative Writing Programs. Williams war außerdem Gründer der Literaturzeitschrift Denver Quarterly. Für Augustus, einen historischen Roman über Kaiser Augustus, wurde Williams 1973 mit dem National Book Award ausgezeichnet. Stoner erschien erstmals 1965 und wurde nun, fast fünfzig Jahre später, von Bernhard Robben ins Deutsche übertragen. Es erscheint im Deutschen Taschenbuchverlag.

Stoner ist ein Roman, wie ihn das Leben schreibt. Wer sich einen Moment Zeit für die Biographie John Williams‘ nimmt, wird feststellen, dass ihn sehr viele Gegebenheiten mit dem etwas lakonischen Professor für Englische Literatur verbinden. Aufgewachsen auf der Farm seiner Eltern war es für William Stoner ein ungeschriebenes Gesetz,eines Tages seinem Vater als Farmer nachzufolgen. Nahezu widerwillig lässt er sich auf den Vorschlag ein, an der Universität Agrarwirtschaft zu studieren, es ist weniger eine Leidenschaft, denn eine Notwendigkeit, die ihn dazu treibt. Mit Interesse und Pflichtbewusstsein absolviert er sein Studium, bis er eines Tages in ein Seminar des Literaturprofessors Archer Sloane gerät. Und Archer Sloane gelingt es, in dem der Geisteswissenschaft nicht zugeneigten und einfachen William Stoner die feurige Liebe zur Literatur zu entfachen.

Im zweiten Semester dieses Studienjahres meldete sich William Stoner aus beiden Grundkursen Naturwissenschaft ab und schied auch aus dem Studiengang Agarwirtschaft aus, stattdessen belegte er Einführungskurse in Philosophie und Frühgeschichte sowie zwei Kurse in englischer Literatur. Im Sommer kehrte er wieder auf die Farm seiner Eltern zurück und half dem Vater bei der Ernte; sein Studium an der Universität erwähnte er mit keinem Wort.

Es soll noch einige Zeit ins Land gehen, bis William Stoner seinen Eltern von dem Entschluss berichtet, nicht auf die elterliche Farm zurückzukehren. Unterdessen führt er das Leben eines strebsamen Studenten, leidenschaftlich vernarrt in die Sache, für die er arbeitet. 1914 erhält Stoner seinen Abschluss, der erste Weltkrieg bricht aus, von dem Amerika allerdings zunächst eigentümlich unberührt bleibt. Es ist ein fernes Beben auf dem europäischen Kontinent, eine schleichende gesellschaftliche Veränderung, die in ihrer historischen Tragweite selbstredend noch niemandem bewusst ist. Stoner beginnt, selbst zu unterrichten, womöglich auch, um einem Leben außerhalb der Universitätsmauern zu entkommen ..so sieht es jedenfalls sein Freund Dave Masters.

„Auch du gehörst zu den Unzulänglichen – du bist der Träumer, der Verrückte in einer noch verrückteren Welt, Don Quichotte des Mittleren Westens, der, wenn auch ohne Sancho, unter blauem Himmel herumtollt. Du bist klug genug – jedenfalls klüger als unser gemeinsamer Freund. Doch trägst du den Makel der alten Unzulänglichkeit. Du glaubst, hier wäre etwas, das es zu finden gilt. Nun, draußen in der Welt würdest du bald eines Besseren belehrt, denn du bist gleichfalls zum Scheitern bestimmt, auch wenn du nicht gegen die Welt ankämpfst.“

Vor diesem universitären Panorama eröffnet uns John Williams nun die Lebensgeschichte des William Stoner, einem durchsetzungsfähigen, aber doch eher lakonischen Träumers, der vieles in seinem Leben fast gleichgültig annimmt und erträgt, ein Mann, der sein Schicksal empfängt, wie es eben kommt. Die Hochzeit mit seiner Frau Edith ist überstürzt, seine Frau eine höchst exaltierte und überspannte Person, zu der er niemals das Verhältnis aufbauen wird, das ihm zum Zeitpunkt der Hochzeit einmal vorschwebte. Die beiden bekommen eine Tochter, um die sich Stoner deutlich mehr sorgt als seine Frau, sie leben nebeneinander her, manchmal in bösartiger Feindseligkeit, manchmal so gleichgültig und unbeteiligt wie zwei Fremde.

In den Krieg zieht Stoner nicht, während die Universität sich langsam leert. Zur damaligen Zeit eine zweifellos unpopuläre Entscheidung, die William Stoner jedoch im vollsten Bewusstsein für ihre Richtigkeit trifft. John Williams erzählt nicht nur ein Leben, er erzählt einen Werdegang, erzählt eine Zeitspanne, die, hätte er ausschweifen wollen, mühelos drei Bücher gefüllt hätte. Und doch wählt er so prägnante Momente im Leben des William Stoner, das wir ohne größere Hindernisse durch dessen Leben flanieren, hier und da Halt machen, dabei sind. Auch John Williams wuchs auf einer Farm auf und lehrte lange Jahre an der Universität, Vieles von dem, was er erlebte, wird sich in der einen oder anderen Form in diesem Roman wiederfinden. Es ist ein unaufgeregter Roman, der sich nicht die Frage zu stellen scheut, was ein erfülltes Leben ist. Wie sieht es aus? Kann ich trotz so einigen bedenklichen Entscheidungen am Ende sagen, dass ich ein gutes Leben gelebt habe?

John Williams schreibt mit Stoner einen Lebens – und Universitätsroman, ein Zeitzeugnis ganz ohne jeden Pathos und jede verklärende Spielerei. Williams schreibt es, wie es ist, unverblümt, ungeschminkt, manchmal fast eine Spur zu fatalistisch. So fasst er den Alkoholismus von Stoners Tochter Grace in eine so kurze wie prägnante Feststellung:

Und Stoner sah ein, dass sie, ganz, wie sie behauptet hatte, in ihrer Verzweiflung beinahe glücklich war; sie würde ihr Leben ruhig zu Ende leben, würde ein wenig mehr trinken, Jahr um Jahr, und sich gegen das Nichts betäuben, zu dem ihr Leben geworden war. Er war froh, dass sie wenigstens das hatte,dankbar dafür, dass sie trinken konnte.

Ein amerikanischer Erzähler mit einem Hauch von Bitternis.

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