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Ein Bücherherbst

… wie er im Buche steht

Wer im Buchhändlerischen oder Verlegerischen tätig ist, wird die letzten Wochen vor allem mit dem Wälzen und Sichten von Verlagsvorschauen verbracht haben. Vorfreude und die bange Frage, in welcher Zeit man sich eigentlich mit all dem beschäftigen soll, was da wieder auf einen einströmen wird, wechselten sich regelmäßig ab. Vieles steht dieses Jahr im Zeichen des diesjährigen Gastgeberlandes der Frankfurter Buchmesse – Brasilien. Ich habe mal eine kleine (!) Auswahl von Büchern zusammengestellt, die auf Anhieb mein Interesse geweckt haben – und erhebe natürlich keinerlei Anspruch auf „Vollständigkeit“. Man könnte mit den teils doch hochinteressanten Herbstprogrammen vermutlich einen eigenen Blog füllen!

kehlmann_daniel_-_f Bei Rowohlt erscheint ein neuer Roman von Daniel Kehlmann, ein Roman über drei Brüder, die alle auf ihre Art und Weise Hochstapler und Betrüger sind. Ein Roman im unmittelbaren Umfeld der Finanzkrise, ein Familienroman der besonderen Art. Auch von Horst Evers („Wäre ich du, würde ich mich lieben„) dürfen wir einen neuen Erzählband erwarten, ebenso wie von Paul Auster. austerIm Wallstein Verlag erwartet uns ein Roman, der zum ersten Mal in den 1920ern erschien. Nächstes Jahr jährt sich der Beginn des Ersten Weltkrieges, ein trauriges Jubiläum steht an. Ernst Glaeser hat mit 1902 die Stimmung, die vor dieser ersten Katastrophe des 20.Jahrhunderts herrschte, in einem Roman verarbeitet. Nicht aus heutiger Sicht, sondern aus der Sicht eines Jugendlichen der damaligen Zeit.

glaeserEbenfalls im Wallstein Verlag wird Patrick Roths Schilderung seines geplanten Zusammentreffens mit Charlie Chaplin erscheinen. Zwar nicht zum ersten Mal, wie man bemerken muss, aber neu aufgelegt zum 125. Geburtstag Chaplins. Im Luchterhand Verlag erscheint Terézia Moras Roman „Das Ungeheuer“, die Geschichte eines Mannes, der alles verlor. Und sich auf den Spuren seiner Frau wiederfindet. mora

Auch Matthes & Seitz hat, wie gewöhnlich, wieder viele spannende Neuerscheinungen im Programm. Unter anderem ein neues Buch von Édouard Levé, der bereits mit „Selbstmord“ ein so unkonventionelles wie emotional forderndes geschrieben hat. Nun erscheint „Autoportrait“, die Kunst der Selbstobduktion in literarischem Gewand. Ebenso spannend dürfte der Bericht eines italienischen Kunstverständigen namens Ranucci Bianchi Bandinelli ausfallen.bandinelli

„Hitler, Mussolini und ich“ erzählt die wahre Geschichte Bandinellis, der 1938 aufgrund seiner Sprachkenntnisse gebeten wird, Hitler und Mussolini bei ihrem Staatsbesuch in Italien durch die Museen Roms und Florenz‘ zu führen. Es gibt bereits eine Dokumentation über Bandinelli, bzw. dieses doch sehr spezielle Zusammentreffen. Ich war untröstlich, dass ich sein Tagebuch nur auf Französisch finden konnte, umso dankbarer bin ich nun dem Matthes & Seitz Verlag, dass es auf Deutsch erscheint! Bei Kiepenheuer & Witsch erscheint ein neuer Roman von Uwe Timm. timmAuch sein Roman beschäftigt sich mit einem Mann, der alles verloren hat und nun sein Dasein, wie ein Eremit, als Vogelwart auf einer abgelegenen in der Elbmündung verbringt – bis ein Anruf dieses wohlstrukturierte Leben gründlich durcheinanderwirbelt. Im Schöffling Verlag erscheinen schwerpunktmäßig zur Buchmesse gleich zwei Romane von Clarice Lispector („Nahe dem wilden Herzen“ und „Der Lüster“) sowie eine Biographie über sie.lispector

Auch im Hinblick auf Graphic Novels dürfen wir uns über spannende Neuerscheinungen freuen. So erscheint im Reprodukt Verlag eine Graphic Novel von Paco Roca namens „Kopf in den Wolken“. Ein Comic über das Altwerden und Altsein, über das Vergessen und Erinnerung.RG1cubierta.indd

Mit Eric Drookers „Flut“ erscheint im avant Verlag ein eher düsteres und dystopisches Werk in beinahe holzschnittartigem Stil. New York wird von der Flut verschlungen, ein einsamer Mensch streift durch die Großstadt, auf der Suche nach Sinn und Vergnügen. Ein apokalyptischer Großstadt-Comic besonderer Art. Ebenfalls mit Naturkatastrophen beschäftigt sich der Kunstmann Verlag, in Form des Romans „Vor dem Sturm“ von Jesmyn Ward.ward

Es ist ein Roman über einen Hurrikan, der sich über dem Mississippi-Delta zusammenbraut und über eine Familie, die gemeinsam versucht, dieser drohenden Katastrophe zu entkommen. Kristopher Jansma erzählt in seinem im Graf Verlag erscheinenden Roman „Die Flecken des Leoparden“ von einem Schriftsteller, den die (Selbst)Zweifel auf eine Reise um die Welt schicken. „Wer kann schon aus seiner Haut?“, ist der Untertitel des Romans, manchmal ermöglicht das Reisen ja den nötigen Abstand. jansma

Auch der Dumont Verlag bietet wieder einige Schätze. So zum Beispiel Andreas Schäfers Roman „Gesichter“, der von dem mehr oder weniger unfreiwilligen Zusammentreffen eines Kreuzfahrtreisenden mit einem Flüchtling berichtet. Der Familienurlaub in Griechenland wird rasch von dieser – in doppeltem Sinne – flüchtigen Begegnung überschattet. schäfer

Es gäbe noch so einiges mehr, dementsprechend behalte ich mir vor, möglicherweise einen zweiten Artikel zum Bücherherbst zu veröffentlichen. Hiermit sei aber ein erster Einblick gewährt in die Vielfältigkeit der verschiedenen Herbstprogramme. Und angesichts dieser Bücherfülle wäre man fast geneigt, sich auf eine einsame Insel zurückzuziehen – als Vogelwart oder auch nicht -, um sich ganz darauf einzulassen. Ich wünsche uns an dieser Stelle schonmal allen einen ganz genussvollen literarischen Herbst mit vielen tollen Entdeckungen und Leseerlebnissen. An „Stoff“ wird es uns jedenfalls nicht mangeln!

16 Kommentare

  1. Ja, ne super Liste. Einen Teil habe ich schon gelesen, die anderen Büchern werden dann wohl auch noch bei uns in der Buchhandlung eintrudeln.
    Ich lese gerade das Buch „Sturm“ bei dtv (Autorin vergessen). Du hattest geschrieben, dass sie beim Bachmann Wettbewerb daraus liest, deshalb nahm ich es zur Hand. Ich finde es bis jetzt sehr gut. Noch 100 Seiten habe ich.

    • „Strom“ habe ich mir eigentlich auch noch vorgenommen, aber das wird wahrscheinlich noch ein bisschen dauern. Irgendwann muss man ja auch nochmal essen und schlafen und arbeiten und so. 😉

  2. Oje, zeig mir das bloß nicht… ich verschulde mich doch nur 😉
    Jetzt mal im ernst, da sind ja einige spannende Neuerscheinungen auf dem Weg in die Buchhandlungen. Besonders auf den neuen Roman von Daniel Kehlmann bin ich gespannt, aber auch „Vor dem Sturm“ von Jesmyn Ward interessiert mich sehr, wo ich doch gerade heute mit dem Kauf des englischen Originals geliebäugelt habe… Zufälle gibt’s 😉

    LG, Katarina 🙂

  3. Liebe Sophie,
    oh ja, der Bücherherbst, der in diesem Jahr seltsamerweise ja schon im Juli losgeht! 😉 ich bemühe mich darum, mich bloß nicht stressen zu lassen und habe aus diesem Grund noch gar nicht so viele Blicke in die Vorschauen geworfen. Ich stürze mich auf ein paar Indiebücher und habe noch einiges aus dem Frühjahr hier liegen, das ich gerne noch lesen möchte. Alles andere lasse ich auf mich zukommen. 🙂

    • Liebe Mara, sich nicht zu stressen ist immer eine gute Entscheidung. Alles ganz gemächlich. Der Post entstand auch nicht aus dem möglicherweise zeitweilig empfundenen Stress heraus, sondern aus Interesse. 😉

      Wobei man ja manchmal schon bedauert, dass man es ohnehin nicht alles schaffen wird.

  4. Danke für den Titel von Bianchi Bandinelli. Seine Einführung in die Klassische Archäologie steht bei mir schon seit vielen Jahren im Regal. Sein Tagebuch werde ich auf jeden Fall lesen.

  5. Liebe Sophie,
    vielen Dank für diede interessanteschön Vorschau. Ich freu michnbesonders auf den Auster und den Roth, Vor dem Sturm hab ich mir noch notiert und die Gesichter. Aber jetzt warte ich noch gespannt auf ein ‚altes‘ Buch, nämlich Hinter der Kurve von Robert Gernhardt. Das kam letztes Jahr raus, ich hab es aber jetzt erst entdeckt, nachdem ich mir die wunderbaren Gedichte nochmal aus dem Regal genommen habe. Manchmal ist ja altes beim Wiederlesen wie neu.
    Liebe Grüsse, Kai

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