Romane
Kommentare 5

Dina Nayeri – Ein Teelöffel Land und Meer

nayeri_cover_web

Dina Nayeri ist eine iranische Schriftstellerin. Während der Islamischen Revolution im Iran geboren, emigriert sie als Zehnjährige mit ihrer Familie in die USA. Sie studierte in Harvard und arbeitete zeitweise in der Modebranche, als Unternehmensberaterin und Investmentbankerin, bis sie für sich entschied, Romane zu schreiben. Heute arbeitet Nayeri bereits an ihrem zweiten Roman und leitet Schreibkurse des Iowa Writers‘ Workshop. Ein Teelöffel Land und Meer erscheint im mare Verlag, in der Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

Zwillinge sollen manchmal eine fast überirdische Verbindung zueinander haben. So stark und innig, dass die eine spürt, was der anderen widerfährt, selbst wenn viele Kilometer die beiden trennen. Alles, woran sich Saba Hafezi noch verschwommen erinnert, bevor ihre Zwillingsschwester Mahtab und ihre Mutter spurlos verschwanden – in ein Flugzeug stiegen nach Amerika? – ist eine Frau mit dunkelblauem Manteau, ist ihre Schwester an der Hand eines Fremden, ist ein grünes Kopftuch. Doch ihre Erinnerungen sind trügerisch, irgendwas muss falsch an ihnen sein. Warum haben ihre Mutter und ihre Schwester sich niemals gemeldet, wenn sie das Flugzeug nach Amerika bestiegen haben und wohlbehalten dort gelandet sind? Weshalb träumt Saba immer wieder von tiefem Wasser, der rauen Hand eines Fischers, der einen Körper an die Oberfläche zieht?

Manchmal wacht Saba nachts auf, die Haut wieder nass und salzig, nachdem sie in ihrem Albtraum Mahtabs Körper gesehen hat, ertrunken und vom Grund des Meeres gefischt. Er sieht genauso aus wie ihr eigener, deshalb ist es doppelt schrecklich. Vielleicht gibt es keinen Körper, weil Mahtab nie existiert hat. Vielleicht war sie nur Sabas eigenes Bild im Spiegel. Ist sie jetzt dort gefangen? Kann Saba das Glas mit der Faust zerschlagen und Mahtab herausziehen?

Es ist 1981. Zwei Jahre nach dem Sturz des Schahs, zwei Jahre nach der Errichtung eines islamischen Gottesstaates, der die persischen Frauen in Fesseln legt, in hochgeschlossene Gewänder zwängt und alles angeblich Unzüchtige und Sündige hart bestraft. Sabas Familie ist christlich, was in dem kleinen Dorf Cheshmeh ein von einigen wenigen gut gehütetes Geheimnis ist. Die Eltern sind fortschrittlich, ermuntern ihre Töchter zum Englischlernen, um eines Tages der neuen Enge ihres Landes entfliehen zu können.

Bald tauchten in den größeren Städten überall pasdars in ihren olivgrünen Uniformen auf, hockten dicht gedrängt in ihren kamelfarbenen Jeeps, schleppten Leute zu Büros der komiteh – der Polizeieinheit, die 1979 aus den Moscheen quoll und anfing, den Leuten zu erzählen, dass alles Sünde sei. Im Laufe der Jahre wurde es immer schlimmer. Man kann deine Knöchel sehen? Sünde! Deine Fingernägel sind rot? Sünde! Deine Haut ist gebräunt? Du musst unbedeckt in der Sonne gewesen sein. Sünde! Sünde! Sünde! Wenn du deine Sonnenbrille oben auf dem Kopf trägst, bist du zu eitel. Wenn deine Jeans in den Stiefeln stecken, zeigst du dich zu sehr.

Seit dem Verschwinden ihrer Schwester und ihrer Mutter kümmern sich ihr Vater und drei liebenswerte alte Damen um Saba. Khanom Basir, Khanom Omidi und Khanom Mansuri. Saba liebt amerikanische Musik und amerikanische Filme und sie scheut kein Risiko, sich beides von einem geschäftigen Teheraner zu astronomischen Preisen besorgen zu lassen. Es ist das, was ihr bleibt, von Mahtab und ihrer Mutter. Akribisch fertigt sie alphabetische Listen mit englischen Vokabeln an. Und sie erzählt Geschichten. Von Mahtab in Amerika. Nur knapp 22,5 Minuten dürfen sie dauern, wie die Episoden amerikanischer Serien, in denen ein Problem abgehandelt und beseitigt wird. Mahtab und ihre Einwanderersorgen.

Niemand hat Saba jemals erklären wollen, was mit ihrer Schwester und ihrer Mutter geschah. Ihren eigenen Erinnerungen und Ahnungen will sie nicht vertrauen. Und so gestaltet sie ein alternatives Leben für ihre Schwester, ein Leben, wie sie es leben könnte, viele Kilometer entfernt von ihr. Ihr Traum ist es, eines Tages nach Amerika zu reisen und dort ihre Mutter und ihre Schwester zu finden. Und so trifft sie allerlei traditionsbewusste und strategische Entscheidungen, die sie ihrem Traum näherbringen sollen. Sie heiratet einen wesentlich älteren Mann, sie führt ein Leben, wie es von ihr erwartet wird, bis die Zeit reif ist, eine Entscheidung zu treffen.

Manchmal träumt Saba mit offenen Augen davon, die Stimme ihrer Mutter am anderen Ende einer Telefonleitung zu hören. Ihre Stimme wird älter sein, und sie wird sich auf diese lässige amerikanische Art melden. Saba wird Englisch sprechen und bei dem Gedanken daran, dass ihre Mutter diese perfekte westliche Begrüßung hören wird, macht ihr Herz einen Sprung

Dina Nayeri hat mit Ein Teelöffel Land und Meer einen höchst poetischen und besonderen Roman konstruiert, der sich schon durch seine Perspektive und Machart von anderen abhebt. So wechseln die Perspektiven und Zeitebenen in der Geschichte mehrmals. Es ist hier besonders Khanom Basir, die Mutter von Sabas Jugendliebe Reza, die immer wieder Licht ins Dunkel bringt, die die Fäden von Sabas gesponnenen Geschichten in der Hand hält und am Ende zu einer Wahrheit zusammenführt, die für alle Beteiligten schmerzlich, aber dennoch unerlässlich ist. Dina Nayeri bietet außerdem einen ungeschönten und authentischen Einblick in den postrevolutionären Iran, für den sie lange recherchierte und mit (Zeit)Zeugen sprach. Aber sie zeichnet auch ein Bild des Irans, wie er einmal war, von seinen bewahrenswerten Traditionen und Liebenswürdigkeiten, lässt etwas von dem alten Zauber wieder aufleben.

Hat man zunächst seine Schwierigkeiten, Halt in der so vielschichtigen Konstruktion des Romans zu finden, wird man schlussendlich mit einem zauberhaften Stück Literatur belohnt. Man begleitet Saba auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben, strauchelt und fällt mir ihr und findet gemeinsam mit ihr einen Weg, die Wahrheit zu akzeptieren und ihre verschiedenen Geschichten letztlich zu einem Ende zusammenzuführen. Ein Teelöffel Land und Meer ist ein besonderes und außergewöhnliches Buch, das hoffentlich viele Leser begeistern wird. Hier findet ihr ein Interview mit Dina Nayeri und falls ihr bei Spotify registriert seid, könnt ihr hier Sabas Soundtrack, die Lieder hören, die in ihrem Leben eine besondere Bedeutung haben.

5 Kommentare

  1. Hallo Sophie,
    habe mir das Buch grade bestellt und bin nach Deiner Besprechung sehr gespannt drauf. Abgesehen von Deiner Besprechung muss ich gestehen, dass ich mich bei mare-Büchern immer leichter zum Kauf verleiten lasse, weil die immer so schön gemacht sind, mit Lesebändchen, schönem Druck und Satzspiegel usw.
    Liebe Grüsse, Kai

  2. Pingback: Wortreiche Geschenke | Literaturen

  3. Pingback: [Rezension] Ein Teelöffel Land und Meer – Dina Nayeri | Lovely Mix

  4. Pingback: {Indiebookday 2016} Indiebuchtipps | Büchernische

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.