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C.S. Forester – Tödliche Ohnmacht

forester2Cecil Scott Forester (1899-1966, eigentlich Cecil Lewis Troughton Smith) war ein englischer Schriftsteller und Journalist. Er brach ein Medizinstudium ab, um sich dem Schreiben zu widmen und wurde durch seine Romane rund um den Seefahrer Horatio Hornblower und dessen Karriere zu Zeiten der Napoleonischen Kriege bekannt. Seit 1932 schrieb er auch hin und wieder Drehbücher für Hollywood. Tödliche Ohnmacht, 1935 verfasst, schlummerte jahrelang von der Öffentlichkeit unbemerkt im Dunkel, 2011 erschien er erstmals in England, bei uns nun im dtv Verlag in der Übersetzung von Britta Mümmler.

Nicht selten in Kunst und Kultur sind Mütter und die jeweilig spezielle Beziehung zu ihnen steter Quell von eskalierender Gewalt und haarsträubenden Katastrophen. Man denke nur an Norman Bates und seine wahnhafte Besessenheit noch über den Tod seiner Mutter hinaus oder, ganz klassisch, an Ödipus und seine Vereinigung wider besseren Wissens. Ein bisschen so hält es auch C.S. Forester, wenngleich der springende Punkt hier auch nicht die Beziehung des Kindes zur Mutter, sondern der Mutter zum Kind ist.

Die unsinnige Freude, die der Mensch in der Jagd findet, hat ihr natürliches Pendant in der besinnungslosen Qual des Gejagten.

Marjorie Grainger lebt in der ruhigen Londoner Vorstadt, ist Mutter zweier Kinder, Frau eines bedingt charmanten Mannes und engagierte Hausfrau. Sie kehrt gerade von einem Treffen mit ihrer Freundin Millicent Dunne nach Hause zurück, als sie in ihrer Küche ihre Schwester Dot, die sich um die Kinder kümmern sollte, tot auffindet. Alles deutet auf einen Selbstmord mit Gas hin, das sich bereits in der ganzen Küche ausgebreitet hat. Marjorie ist erschrocken und tief erschüttert – was sollte ihre sonst so lebensfreudige Schwester dazu gebracht haben, sich das Leben zu nehmen?

Das übliche polizeiliche Prozedere beginnt, es wird festgestellt, dass Dot tatsächlich schwanger war. Ungereimtheiten tauchen auf. Zerbrochene Flaschen eines teuren Weins im Hausmüll, an die sich Marjorie nicht erinnern kann. Andeutungen ihres kleines Sohnes Derrick, der gesehen hat, mit wem Dot sich am Abend ihres Todes vergnügt hat. Und es dauert nicht lange, bis Marjorie und ihrer Mutter dämmert, was schon nach kurzer Zeit offensichtlich wird – es gibt nur einen Liebhaber, von dem ihre Schwester ihr nichts erzählt hätte und das ist ihr Ehemann Ted.

Es war wie die Erlösung von den ungeheuren Schmerzen der Geburt, als sie sich erlaubte, das schreckliche Grauen, das vor ihr aufgestanden war, zu verdrängen und sich wieder den kleinen Dingen des Alltags zuzuwenden. Derrick dazu zu überreden, die Murmeln alle wieder ordentlich in den Beutel hineinzutun; Anne den Hut im richtigen Winkel auf den Kopf zu setzen, die üblichen Straßen entlang nach Hause zu gehen und darüber nachzudenken, was sie Ted zum Abendessen kochen sollte; all das war ein Segen, ein weiches Bett nach einem mit Kieselsteinen gefüllten Sofa.

Von dieser schmerzlichen Erkenntnis ist es nicht weit bis zu der Wahrheit darüber, wer am „Selbstmord“ Dots schuldig ist. Ted ist ein jähzorniger und besitzergreifender Mann, einer, der weiß, was er von seiner Frau erwartet, der ihre Pflichten in Haus und Bett genau definiert. Es sind die 30er-Jahre, in denen Rollenbilder, denen Frau und Mann zu entsprechen hatten, wenig flexibel und nahezu gottgegeben erschienen. Und so kommt es Marjorie auch nicht in den Sinn, die Polizei zu verständigen, als ihr bewusst wird, dass sie mit einem Mörder das Ehebett teilt.

Wo Marjorie trotz allem untätig bleibt, entwirft Mrs.Clair, ihre Mutter, einen teuflischen Plan, um sich an dem Mann zu rächen, der ihr eine Tochter genommen hat und die andere noch immer äußerst unglücklich macht. Und so arrangiert sie eine Situation, in der es gezwungenermaßen zur Eskalation kommen muss, indem sie Marjorie einen Urlaub am Meer ermöglicht, mit ihr, den Kindern und dem „auffallend gutaussehenden“ George Ely, Rechnungsprüfer im Unternehmen des mordlüstigen Ehemannes.

Forester beweist mit diesem Roman, dass er es bravourös versteht, seine Leser zu fesseln und die Spannung bis zur letzten Seite aufrechtzuerhalten. Psychologisch hervorragend konstruiert, zeigt er sich als durchaus niveauvoller Unterhalter. Hier geht es nicht um massenweise Schockeffekte, hier geht es um menschliche Verflechtungen und Verfehlungen, um Niedertracht und auch am Rande um die Zeit, die, so scheint es fast, kaum eine andere Entscheidung zulässt. Wer flüssig und spannend geschriebene, intelligente Krimis mag, dem sei dieses Fundstück wärmstens ans Herz gelegt – gewissermaßen als Kontrastprogramm zur heutigen Sensationslüsternheit in Krimi und Thriller.

2 Kommentare

  1. Das klingt wirklich interessant. Ich bin sonst keine große Krimileserin, aber für literarische Spannung bin ich durchaus mal zu haben.
    Leider sind die meisten Veröffentlichungen mittlerweile so blutig und brutal, auch wenn sie ansonsten gut geschrieben sind. Mit Grauen erinnere ich mich an Jo Nesbos „Leopard“ und den Leopoldsapfel als Mordinstrument.
    LG, Katarina 🙂

  2. Pingback: Mütterlein, Mütterlein | Literaturen

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