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Peter Heller – Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte

BigHig

Peter Heller ist ein amerikanischer Autor. Er ist in New York geboren und aufgewachsen, unternahm aber bereits zahlreiche Extremexpeditionen, mit dem Kajak  durch das Pamir-Gebirge und die Anden, mit dem Surfbrett von Kalifornien aus die mexikanische Küste entlang. Peter Heller ist ein Abenteurer und das merkt man seinem Debütroman, der von Eva Bonné ins Deutsche übersetzt wurde, auch ganz deutlich an. Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte (Im Original: The Dog Stars) erschien im Eichborn Verlag.

Es mangelt uns dieser Tage nicht an Ideen, wie unsere Erde einmal zugrunde gehen könnte. Naturkatastrophen, Lebensmittelknappheit, Pandemien. Fernsehsender greifen diese Ideen auf, um sie zu ihren Gunsten weiterzuentwickeln. Die Welt ohne uns ist eine Dokumentationsreihe, die sich sehr ambitioniert der Frage widmet, was von uns auf Erden bleibt, wenn wir eines Tages alle ausgestorben, dahingerafft sind von einer Macht, die höher ist als wir. Peter Heller hat aus diesem apokalyptischen Zukunftsszenario einen Roman gestrickt, der sich wohltuend von anderen dystopischen Zukunftsentwürfen abhebt. Hier gibt es wenig Zukunft. Hier gibt es nur Big Hig, Bangley, einen Hund und viele hundert Quadratkilometer nichts um sie herum.

Haben Sie je die Bibel gelesen? Ich meine, haben Sie sich je hingesetzt und die Bibel gelesen, als wäre sie ein Roman? Werfen Sie mal einen Blick in die Klagelieder. So weit ist es inzwischen gekommen mit uns. Wir haben jede Menge zu beklagen. Wir schütten unser Herz aus, als wäre es voller Wasser.

Ein sehr aggressiver Grippevirus hat die Menschheit nahezu ausgerottet. Wie er ausbrach und sich überhaupt verbreiten konnte, ist, fast zehn Jahre, nachdem die letzten starben, noch immer ein kleines Geheimnis, ein Mythos, um den sich Geschichten rankten, wenn noch jemand da wäre, sie zu erzählen. Big Hig hat überlebt, sein Hund Jasper und mit ihnen auch Bangley, ein vierschrötiger, aber liebenswürdiger Kerl, dem die Waffe stehts ziemlich locker im Holster sitzt. Die drei leben auf einem verlassenen Flughafengelände, schlagen sich irgendwie durch. Dieses Gelände ist ihre Festung und sobald sich einer der wenigen Menschen nähert, die noch irgendwo in der Umgebung leben – und das kommt, Gott bewahre, so selten vor wie man noch eine Forelle durch einen Fluss schwimmen sieht – wird er erschossen. Sie sind Jäger und Gejagte zugleich, ein jeder kämpft um sein Überleben, um Vorräte, Wasser, Treibstoff.

Ich rede mir ein, es gäbe irgendwo da draußen ein anderes Haus mit einem Menschen, der auf mich wartet. Wem will ich hier was vormachen? Melissa kommt nicht zurück, genauso wenig wie die Forelle, der Elefant oder der Pelikan. Es wäre denkbar, dass die Natur eines Tages noch einmal einen stolzen, scheckigen, wehrhaften Kaltwasserfisch entwirft. Der unplausible Elefant hingegen wird wohl keine zweite Chance bekommen.

Für die Überlebenden der Katastrophe ist der Tod allgegenwärtig, durchdringt er jedes Gefühl und jeden Sinneseindruck. Regelmäßig macht Big Hig Ausflüge zum Angeln und Kontrollflüge mit seiner Cessna. Er kennt das Gelände wie seine Westentasche und dient dem kleinen Zusammenschluss, den er mit Bangley bildet, als Frühwarnanlage. Seinen Hund Jasper hat er immer dabei, er ist sein Copilot, sein bester Freund, das Geschöpf, das ihm in dieser leeren und verfallenen Welt noch am nächsten steht. Doch Jasper ist alt und nachdem er auf einem von Higs Ausflügen unerwartet stirbt, gerät für Big Hig die Welt vollkommen aus den Fugen.

Er setzt sich dazu, der Schmerz, und legt dir einen Arm um die Schulter. Er ist dein bester Freund. Er ist dir treu. Und in der Nacht kannst du es nicht ertragen, deinen Atem so ganz allein zu hören, ohne den zweiten Atem. In der Stille rauscht ein tosender Wasserfall wie der Soundtrack für alles, was lebt und was dahingerafft wurde. Dann. Legt sich der Schmerz neben dich und rutscht heran. Er stört dich nicht, nicht einmal mit Atemgeräuschen.

Hig, unruhig und getrieben vom Verlust seines tierischen Begleiters, fliegt erneut auf eine Erkundungstour. Diesmal aber viel weiter weg, einem Funkspruch nach, den er vor Jahren einmal empfangen hat. Einer Hoffnung nach, dass da noch andere leben, überlebt haben. Und überraschend wird er fündig. Vielleicht lässt sich die Welt ja doch wieder aufbauen, Stück für Stück, Schritt für Schritt.

Peter Hellers Roman ist unglaublich dicht und bildintensiv. Man merkt ihm an, dass der Autor selbst viel Zeit in der Natur verbracht hat, mühelos können wir uns vorstellen, wie Big Hig durch verlassene Wälder streift und mit eiskalten Füßen im Fluss stehend die letzten Fische fängt. Der Roman ist wie ein Abenteuer und so liest er sich auch – rasant, manchmal unerwartet actionreich, spannend. Und doch steckt etwas Poetisches in ihm, etwas, das uns aufhorchen lässt. Denn Vieles von dem, was Big Hig uns beschreibt, kennen wir bereits in leichterer Form. Zwar hat die Grippe die Menschen dahingerafft, doch das, was nun, nach deren Verschwinden partiell auch die Natur dahinrafft, haben die Menschen hinterlassen. Klimatische Veränderungen, Dürreperioden, aussterbende Tierarten. Doch Peter Heller erzählt uns all dies nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Er schafft uns mit diesem Roman ein kleines Guckloch, durch das wir eine Zukunft sehen. Nicht die Zukunft, eine von vielen möglichen. Und mit einem sympathischen Titelhelden erfahren wir schlussendlich auch, dass niemandem mit behäbiger Schicksalsergebenheit geholfen ist.

Ein literarisches Abenteuer der besonderen Art.

4 Kommentare

  1. sehr schöne rezension – klingt sehr spannend auf eine düstere art. ein bißchen erinnert mich das beschrieben an die romane von philipp k. dick, dessen bücher ich sehr mag, die mich manchmal aber aufgrund ihrer verschwommenheit ein bißchen wahnsinnig machen. das buch von heller klingt durchdachter.

  2. Deine Rezension hat mich so neugierig gemacht, dass ich mir Autor und Titel direkt notiert habe. LG 😉

  3. Pingback: Peter Heller – The dog stars - Kapri-ziösKapri-ziös

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