Kultur, Sonstiges
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Lewis Always oder 1984

Heute wäre Eric Arthur Blair, den wir alle unter dem Namen George Orwell kennen, 112 Jahre alt geworden. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wirkt dieses konstante Weiterzählen der Lebensjahre nach dem unumkehrbaren Dahinscheiden etwas realitätsfremd, aber vermutlich werden wir auch zukünftig irgendwann schreiben: Heute wäre Elvis 200 Jahre alt geworden – selbst wenn das auch unter normalen Umständen wohl niemals der Fall gewesen wäre. Wie dem auch sei, sich an George Orwell, einen der bedeutendsten englischen Schriftsteller zu erinnern, wird niemals nutzlos oder antiquiert sein. Ganz im Gegenteil.

george-orwellGeorge Orwell wurde 1903 in Indien geboren. Sein Vater war Kolonialbeamter des Indian Civil Service und als solcher für die Opiumernte zuständig. Als er ein Jahr alt ist, nimmt seine Mutter ihn und seine Schwestern mit zurück nach England, nach Henley-on-Thames in Oxfordshire. Er besuchte die anglikanische Kirchenschule in Henley-on-Thames und wechselte 1917 ans Wellington bzw. Eton College. Seine schulischen Leistungen waren so gut, dass seinen Eltern die Hälfte seines Schulgeldes erlassen wurde.

1921 ging Orwell zur britischen Kolonialpolizei – wie sein Vater – und wurde im Dienste derselben nach Burma geschickt. Seine Erfahrungen während dieses Dienstes flossen in die Texte Einen Mann hängen und Shooting An Elephant ein. Orwell wandte sich gegen das Vorgehen der britischen Besatzer und quittierte seinen Dienst, aus Protest und Überzeugung. Ursprünglich kehrte er nach England zurück, um Schriftsteller zu werden (ebenso, wie er in Paris versuchte, als Lehrer zu arbeiten), das war jedoch nicht von großem Erfolg gekrönt. Wie viele heute sehr bekannte und verehrte Autoren fristete er sein Dasein als Tagelöhner, als Gelegenheitsarbeiter, beinahe obdachlos und kränklich. Auch als Aushilfe in einem Buchladen verdingte er sich übergangsweise.

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Bild aus der Verfilmung von „1984“ von Michael Anderson, 1956

1936 war Orwell so arm, dass er seiner Frau Eileen O’Shaughnessy zur Hochzeit nicht einmal Eheringe kaufen konnte. Angesichts seines heutigen Bekanntheitsgrades erscheint es fast tragisch, aber auch beinahe obligatorisch für einen, der ein richtig Großer in der Weltliteratur werden will. Orwell nimmt auf Seiten der Partido Obrero de Unificación Marxista (Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit) am Spanischen Bürgerkrieg teil, kann aus Spanien fliehen, bevor er, wie viele seiner Kollegen und Mitstreiter, inhaftiert und getötet wird. In Mein Katalonien analysiert er die Mechanismen des spanischen Bürgerkrieges, die Rolle der Medien, die politischen Geschehnisse, die damit in Zusammenhang standen.

1945 erschien Farm der Tiere, noch heute vermutlich das zweitbekannteste seiner Werke. Eine scharfzüngige Satire auf den Ausgang der russischen Revolution. Mir ihr gelang ihm, nach dem Krieg und nur fünf Jahre vor seinem Tod, der literarische Durchbruch. 1996 wurde Orwell für dieses Werk sogar posthum der Hugo Award verliehen. 1948 begann er in einem abgelegenen Farmhaus an einer „Utopie in Form eines Romans“ zu arbeiten. Es trug, in Anlehnung an die Jahreszahl, den Titel 1984 und sollte zu einem Klassiker der Weltliteratur avancieren. Es beschreibt auf schockierend reale Weise einen totalitären Überwachungsstaat, in dem jeder Bürger einer permanenten Ausspähung und Bespitzelung ausgesetzt ist, ja, in der sogar Menschen damit beschäftigt werden, die Vergangenheit umzuschreiben. 1950 stirbt Orwell an Tuberkulose. Besonders heute, in Zeiten von PRISM und Tempora, wo die Technik auf einem Stand ist, der ermöglicht, Milliarden von Daten zu erheben, zu speichern und zu verwerten, wirkt Orwell aktueller denn je.

Orwell hat die Science-Fiction-Literatur mit seiner düsteren Dystopie stark beeinflusst. Aber auch er ist in seinem Schreiben deutlich von anderen Literaten beeinflusst worden. So war Aldous Huxley („Schöne, neue Welt“) sein Literaturprofessor in Eton. Er schrieb und diskutierte außerdem gelegentlich mit H.G. Wells („Die Zeitmaschine“), James Joyce („Ulysses“) und Jewgenij Samjatin („WIR“). Doch wir tun Orwell Unrecht, wenn wir ihn literarisch ausschließlich auf 1984 reduzieren, wenn wir 1984 zum Schlagwort machen, das immer dann in den Raum geworfen wird, wenn wir die nähere und individuelle Auseinandersetzung mit einer Situation scheuen. So oder so lohnt die Lektüre Orwells, egal, ob man nun mit dem Werk anfängt, für das er vermutlich ewig berühmt sein wird oder sich seinen mehr reportagenartigen Aufzeichnungen nähert. Orwell ist aus der Literatur nicht wegzudenken!

„Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.“

-George Orwell

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  1. Ich mag an Dystopien und Science Fiction, dass sie eine einzelne, mögliche Zukunft aufzeigen, also eine Möglichkeit von vielen. Aber wenn dann mal 50 Jahre seit Erscheinungsdatum vergangen sind, staunt man doch, dass sich manches bewahrheitet hat. Ich gebe dir recht, Orwell ist heute wieder ein Stück aktueller geworden.

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