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Ein Interview mit Björn Bicker!

Ergänzend zu meiner Rezension zu Björn Bickers ‚Was wir erben‚ hier ein kleines Interview, zu dem sich Herr Bicker freundlicherweise bereit erklärt hat!

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(c) Stephanie Fuessenich, Björn Bicker

In Ihrem Roman ‚Was wir erben‘ geht es um die dunklen Flecken im Konstrukt Familie, um das, was sie uns mit auf den Weg gibt, wenn sie uns ins Leben entlässt. Was bedeutet Familie für Sie?

Ich kann mir mich selbst ohne Familie gar nicht vorstellen. Das ist eine sehr zwiespältige Angelegenheit. Die Familie, in die ich hineingeboren wurde, konnte ich mir nicht aussuchen. Das ist Verwandtschaft, der man ausgeliefert ist, die einen prägt, positiv wie negativ. Alles spätere wird in diesem Verbund angelegt. Manchmal kommt es mir so vor, als bestünde das ganze Leben darin, sich von bestimmten familiären Bindungen zu lösen. Aber dann kommt ja auch noch die Familie, die man sich selbst aussucht. Wahlverwandtschaft. Und dann kommen Kinder und diese Verstrickungen gehen weiter. Ob wir wollen oder nicht. Kann schön sein. Kraft geben. Liebe ist wohl das Entscheidende und eine gute Portion Wissen über sich selbst. Damit es gelingt.

Ihre Protagonistin Elisabeth erfährt völlig überraschend, dass sie noch einen Bruder hat und schreibt ihm Briefe. Unter anderem fragt sie ihn, ob er denn aus dem Leben seines Vaters irgendwas über sich selbst ableiten kann. Woraus kann man etwas ableiten, wenn man auf der Suche nach der eigenen Identität und Vergangenheit ist?

Vielleicht kann man nur etwas daraus ableiten, was man sich selbst erzählt. Wie konstruiere ich mir meine eigene Geschichte. Welche Rolle spielen dabei die Eltern, die Vorfahren, die Verwandten, die Freunde. Aber ebenso wichtig ist es, sich die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu betrachten in denen man lebt, gelebt hat. Das wird oft vergessen. Identität wird oft sehr psychologisch gedeutet – da steckt aber noch viel mehr drin. Viele Faktoren auf die wir gar keinen Einfluss haben. Das kann einen auch entspannen und einen befreien von diesem Selbsterkenntnisdiktat. Erfinden! Lügen! Sich selbst programmieren!

Elisabeths Vater ist ein gebrochener Mann. Zwölf, als der Krieg endet, verfällt er später dem Alkohol, Elisabeths Mutter versucht mühevoll, die Familie aufrechtzuerhalten. Inwiefern, glauben Sie, hat der Krieg Familien (nicht nur Elisabeths) verändert?

Der Krieg verändert alles. Unvorstellbar. Ich habe solche Angst davor. Diese Traumatisierungen leben und leben und leben.

Durch die Geschichte der Familie weht auch immer ein Hauch Zeitgeschichte, der 2. Weltkrieg, die Enteignung der Familie, die DDR und der Mauerfall. Können diese historischen Eckpfeiler auch im Verständnis der eigenen Familie von Bedeutung sein?

Das ist ganz wichtig und prägend. Wie gesagt: Man kann sich auch historisch einordnen. Dann versteht man sich auch. Wir sind ja alle nur bis zu einem gewissen Grad individuell und einzigartig. Wir sind halt auch Kinder unserer Zeit. Das ist so. Ob man will oder nicht. Das wird unterschlagen in manchen Diskussionen. Das merkt man doch jeden Tag.

Elisabeth ist Schauspielerin am Theater, Sie haben selbst als Dramaturg am Wiener Burgtheater und den Münchner Kammerspielen gearbeitet – dennoch kommt das Theater im Roman als Gewissensberuhigung für das Bildungsbürgertum nicht besonders gut weg. Was kann Theater leisten?

Ganz viel. Mal wertfrei gesprochen: Identität stiften. Gedächtnis sein. Gemeinschaft bilden. Leider ist das Theater zu sehr auf sich selbst bezogen und ist zum Hort bildungsbürgerlicher Selbstbestätigung geworden. Daneben kann es Begegnung inszenieren und durch Teilhabe Vieler sehr politisch sein. Das versuche ich mit meinen Theaterprojekten hinzukriegen. www.bjoernbicker.de

Schon im Titel ‚Was wir erben‘ steckt ja die implizite Fragestellung, inwieweit man sich freimachen kann von Einflüssen der Vergangenheit. Kann das gelingen oder bleibt immer etwas zurück?

Man kann sich nicht befreien. Schon gar nicht von der Vergangenheit. Die lebt in uns weiter. In unseren Gedanken, Gefühlen, Wünschen, Enttäuschungen, Träumen. Aber auch in unseren Körpern. Ich bin mein Großvater. Ich bin mein Vater. Aber ich bin auch noch viel mehr. Deshalb ist es totaler Schwachsinn, mit der Vergangenheit Schluß machen zu wollen. Das ist blödes Gequatsche. Sportlerrhetorik. Es ist wie es ist. Entscheidend ist, welche Schlussfolgerungen ich daraus ziehe. Gerade in Deutschland ist das sehr interessant. Man muss sich ja auch nicht befreien. Wer hat das eigentlich in die Welt gesetzt, dass man sich andauernd von irgendwas befreien muss? Es ist doch auch ganz gut, die Dinge dabei zu haben, sie zu betrachten, mit ihnen zu arbeiten, darüber zu lachen, zu weinen. Ich will mich nicht befreien. Ich will dabei sein.

Vielen Dank für dieses tolle Interview!

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