Romane
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Deborah Levy – Heim schwimmen

Deborah Levy  ist eine britische Schriftstellerin. Bis 1981 besuchte sie das Dartington College of Arts, dann begann sie Theaterstücke sowie Beiträge für Radio und Fernsehen zu verfassen, die großen Anklang fanden. 1986 veröffentlichte sie mit Beautiful Mutants ihren ersten Roman. Heim schwimmen landete 2011 auf der Shortlist des Booker Prizes. Im Früher dieses Jahres ist es, von Richard Barth ins Deutsche übersetzt, auch im Wagenbach Verlag erschienen.

Dichter und Schriftsteller Joe Jacobs, seine Frau Isabel, deren pubertierende Tochter Nina und ein befreundetes Ehepaar fahren in ein Ferienhaus nach Frankreich. Joe und seine Frau haben sich schon lange nichts mehr zu sagen. Isabel ist Kriegsreporterin und dementsprechend häufig überall in der Welt, nur nicht zuhause. Ihre Tochter hat sich an ein Leben ohne ihre Mutter gewöhnt, zwischen ihnen herrscht kühle Distanz. Die Freunde Mitchell und Laura sind mitgefahren, um ihrem ganz eigenen existentiellen Desaster zu entgehen. Mitchell ist hoch verschuldet und die beiden werden ihren Laden für außergewöhnliche und kostspielige Souvenirs aus Afrika und Umgebung bald schließen müssen. Es ist kein Urlaub, wie man ihn sich wünscht, eher ein Alibi-Ausflug, um über all die Risse hinwegzutäuschen, die sich durch die Leben der Protagonisten arbeiten. Kitty Finch ist so ein Riss.

Der Swimmingpool im Garten der Ferienvilla glich weniger einem dieser tristen blauen Pools, wie man sie aus Urlaubsprospekten kennt, als einem Teich. Einem Teich in Form eines Rechtecks, den eine italienische Steinmetzfamilie aus Antibes aus dem Stein gehauen hatte. Der Körper trieb am tiefen Ende, wo das Wasser im Schatten einer Reihe von Pinien kühl blieb.

Splitterfasernackt treibt die rotgelockte Schönheit im Pool, in dem immer wieder zappelnde Insekten verenden. Sie sei Botanikerin, sagt sie und ihre grün lackierten Fingernägel bilden einen interessanten Kontrast zum rötlichen Haar. Ein bisschen extravagant ist sie, seltsam. Sie stottert. Irgendetwas müsse mit der Zimmerbelegung schiefgelaufen sein. Jürgen, der Hausmeister, könne das sicher aufklären, sie warte nur noch auf ein freies Hotelzimmer. Da es keine freien Hotelzimmer im Ort mehr gibt, bietet Isabel Kitty an, zu bleiben und läutet damit die letzte Runde im Kampf gegen unliebsame Wahrheiten ein.

Eigentlich ist Kitty nur gekommen, weil sie Joe bewundert. Sie hat ihr Gedicht mitgebracht, Heim schwimmen heißt es, ob er es nicht einmal lesen und ihr sagen könne, ob sie Potential habe. Kitty ist überzeugt, dass zwischen ihr und dem „Dichterarsch“, wie Mitchell ihn nennt, eine gedankliche Verbindung besteht, die tiefer reicht und intensiver ist als alles andere in ihrem Leben. In gespannter Erwartung freundet Kitty sich mit Nina an, Joe jedoch zögert das Lesen des Gedichts heraus und verdrängt es sogleich nach der Lektüre. Es schreckt Geister der Vergangenheit auf.

Über seine eigene Kindheit oder seine Freundinnen sprachen sie nie ein Wort. Es war weniger eine unausgesprochene, geheime Vereinbarung, eher wie ein klitzekleiner Glassplitter in ihrer Fußsohle, immer da, ein wenig schmerzhaft, aber sie konnte damit leben.

Kitty Finch ist Joes persönliche Verführung. Nicht nur bringt sie ihn dazu, zum wiederholten Male seine Frau zu betrügen, sie bringt ihn auch dazu, eine ganz andere folgenschwere Entscheidung zu treffen. Durch Deborah Levys dichten Roman weht ein Hauch Übersinnlichkeit. Kitty Finch, die geheimnisvolle Frau mit der lockeren Schraube, fungiert als Mahnmal, sie bohrt in den Rissen des Wohlfühlurlaubs und eines Lebens voll gut gehüteter Geheimnisse und eisigen Schweigens. Trotz seiner Kürze ist Heim schwimmen ein Roman mit Nachwirkungen. Viele Fragen lässt er unbeantwortet, viele Gefühle in der Schwebe. Man klappt ihn zu mit dem Gefühl der Betroffenheit, der Verwirrung. Gern hätte er noch einige Seiten länger sein, die einzelnen Figuren noch deutlicher beleuchten können. Aber vielleicht ist er in seiner Momentaufnahme auch am wirksamsten und eindrucksvollsten. In jedem Falle ein Roman, der sich aufgrund seiner intensiven und nahezu beklemmenden Atmosphäre zu lesen lohnt und die Frage aufwirft, ob nicht für uns alle irgendwann eine Kitty Finch kommt, die, ein bisschen unbedarft und ein bisschen boshaft, in unseren Wunden bohrt.

Eine weitere interessante Besprechung zu Deborah Levy findet ihr auf Buzzaldrins Bücher.

3 Kommentare

  1. Der letzte Satz deiner Besprechung gefällt mir wahnsinnig gut: „In jedem Falle ein Roman, der sich aufgrund seiner intensiven und nahezu beklemmenden Atmosphäre zu lesen lohnt und die Frage aufwirft, ob nicht für uns alle irgendwann eine Kitty Finch kommt, die, ein bisschen unbedarft und ein bisschen boshaft, in unseren Wunden bohrt.“ Allein deshalb sollte ich mir den Roman endlich zulegen, nachdem ich schon so oft um ihn herumgeschlichen bin.

  2. Ein wunderbares, leicht verstörendes Buch mit einem überraschenden Ende. Eine Geschichte die lange nachklingt… Der Verlag Wagenbach schafft es fast jedes Jahr mich zu begeistern, sei es, „Ich nannte ihn Krawatte“ von Flasar (unbedingt lesenswert!) oder das kommende „Viviane Élisabeth Fauville“ von Deck. Viel Spaß beim Entdecken und erlesene Stunden!

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