Graphic Novel
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David Zane Mairowitz & Robert Crumb – Kafka

Kafka

David Zane Mairowitz ist ein amerikanischer Schriftsteller. Er studierte Englische Literaturgeschichte, Philosophie und Theaterwissenschaft. Neben seinen journalistischen Arbeiten hat er auch Theaterstücke, Kurzgeschichten und Hörspiele verfasst. Seit 1966 lebt Mairowitz in Europa, in Avignon und Berlin.

Robert Crumb ist ein amerikanischer Künstler und gehört wohl zu den bekanntesten und bedeutendsten Illustratoren und Comickünstlern der letzten Jahrzehnte. Gerade im Bereich der Underground-Comics, der Comics, die in Klein – oder Selbstverlagen veröffentlicht wurde, wirkte er schon in den 60ern tatkräftig mit. 1999 wurde Crumb auf dem Comic-Festival in Angoulême für sein Lebenswerk ausgezeichnet.
Lange war dieses Werk über Kafka nicht mehr erhältlich, nun hat der Berliner Reprodukt Verlag es in neuem Gewand wieder veröffentlicht.

An Kafka scheiden sich ja bekanntlich die Geister. Die einen halten den tschechisch-.deutschen Schriftsteller für überschätzt, die anderen für genial. Die einen sehen sein Werk als nahezu zwanghafte Auseinandersetzung mit verschiedensten Autoritäten, die anderen einen kleinen Jungen, der verzweifelt gegen die Übermacht seines Vaters kämpft. In allem mag vielleicht ein Körnchen Wahrheit stecken. Aber was wohl nahezu jeden erfasst, der Kafka liest – und dabei ist es auch völlig gleichgültig, ob es sich um einen seiner Romane oder eine Kurzgeschichte handelt – ist die beklemmende und albtraumhafte Stimmung. Kafka ist niemand, der mit einer besonders ausgeschmückten oder poetischen Sprache beeindruckt, viel eher bleibt sie bei ihm oft kühl und distanziert. Eher ist es das unvergleichliche Gefühl von Bedrohung, das zwischen den Zeilen umherzieht, das ihn ausmacht, das viele bei der Lektüre schwer verdaulich finden.

Kafka1Mairowirz und Crumb haben keine Graphic Novel im klassischen Sinne geschaffen. Mehr so etwas wie eine bebilderte Biographie, die die verschiedenen Lebensstationen Kafkas mit eindrücklichen Illustrationen untermauert. Beginnend mit seiner Jugend in Prag, seiner ambivalenten Haltung zu Judentum und Religion im Allgemeinen – bereits Ende des 19 Jahrhunderts gab es in Prag antisemitische Ausschreitungen, die stark an das erinnern, was vierzig Jahre später unter den Nationalsozialisten folgen sollte – und seiner übermächtigen Angst vor seinem Vater erstreckt sich das Panorama bis heute und beleuchtet die verschiedenen Stufen der Rezeption, die Kafka ungewollt durchlaufen hat. Unter den Kommunisten verboten, dient er der Stadt Prag heute als durchaus unverzichtbare Einnahmequelle.

Die eigentliche Gefahr der Kafka-Interpretation der tschechischen Dissidenten mag aber vielleicht darin gelegen haben, dass sie ihn für einen Realisten hielten. Die wenigen, die ein ins Land geschmuggeltes Exemplar vom ‚Prozess‘ ergattern konnten, fanden darin kaum Unterschiede zu ihrem Alltag in der stalinistischen Tschechoslowakei mit ihren Informanten, Denunzianten und vor allem den Schauprozessen gegen ehemalige KP-Führer, die sich öffentlich zu Verbrechen bekannten, die sie nie begangen hatten.

Crumb hat als Meister seines Fachs ein außerordentlich präzises Auge für Stimmungen, gerade in den Illustrationen zu Kafkas Werken gelingt es ihm vortrefflich, den Schrecken in Kafkas Worten in Bilder umzusetzen. Mairowitz und Crumb bieten neben den biographischen Eckdaten und einigen beeindruckenden Innenansichten Kafkas, gepeist aus Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, auch einen Querschnitt seines Gesamtwerkes und beleuchten die bekanntesten Erzählungen.

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Wir finden auch den ‚Prozess‘, ‚Der Bau‘, ‚Ein Hungerkünstler‘, ‚Das Urteil‘, ‚Das Schloss‘, ‚In der Strafkolonie‘ und ‚Amerika‘ grandios in Szene gesetzt und man fühlt sich, auch wenn man die literarischen Vorlagen bisher nicht gelesen hat, umfassend informiert. Mairowitz und Crumb beweisen Gefühl für das Wesentliche der Geschichten, für die Essenz – und was könnte sich besser zur Darstellung dieser Essenzen eignen als die Illustration?

Man kann dem Reprodukt-Verlag nur für die Neuauflage dieses großartigen Werkes danken. Es ist Graphic-Novel, Biographie, Literaturlexikon und Geschichtsbuch in einem und kann für die Menschen, die beginnen, sich mit Kafkas Werk auseinanderzusetzen, einen unverzichtbaren Einstieg in die Gedankenwelt dieses sehr sensiblen und häufig als unzugänglich gebrandmarkten Schriftstellers liefern. 1993 erschien dieses Werk erstmals, möglicherweise wurde ihm damals auch nicht die Aufmerksamkeit zuteil, die es verdient hätte. Mit der Wiederveröffentlichung ändert sich das hoffentlich, denn mit diesem Buch ist die Graphic Novel endgültig ihrem Lustigen-Taschenbuch-Image entwachsen!

11 Kommentare

  1. Danke für den Beitrag und den wundebraren Hinweis, das Buch wäre mir sonst glatt entgangen. Wie bist du darauf gestoßen?
    LG, Kef

    • Es stand bei uns im Laden. Und ich verfolge die Veröffentlichungen des Reprodukt-Verlages. 😉
      Freut mich, dass ich dich darauf aufmerksam machen konnte.

  2. Die Gestaltung des Comics sieht wirklich genial aus und scheint die Beklemmung in Kafkas Werk total gut zu transportieren. Danke für den Tipp! Ich pflege sozusagen eine Hassliebe zum masochistischen Kafka – kein Schriftsteller ist so mythisch an seine Stoffe gebunden wie er.

    • Mein Verhältnis zu Kafka ist auch irgendwie ambivalent. Einerseits bewundere ich ihn für seine Fähigkeit, mit so nüchternen Worten solche Beklemmung auszulösen, andererseits bin ich mir uneins, wie ich ihn menschlich bewerten soll – auch wenn das freilich als Leser nicht meine Aufgabe ist. Aber in diesem Falle verschmilzt beides so miteinander, dass es unmöglich ist das eine vom anderen zu trennen. Ich befürchte aber, in einigen Belangen hätten wir uns gut verstanden. 😉

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