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Sebastian Krämers „Tüpfelhyänen oder die Entmachtung des Üblichen“

KrämerLetzten Freitag hatte ich sowohl die Freude als auch die Ehre, einen der poetischsten und wortgewandtesten Chanson-Kabarettisten live auf der Bühne zu erleben. Es handelte sich um Sebastian Krämer. 2009 gewann er den deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Chanson, 2012 den Sonderpreis des Deutschen Kabarettpreises. Völlig verdient, wie ich finde, denn Krämers virtuoser Umgang mit Sprache könnte ihm auch ohne Zweifel einen Lyrikpreis bescheren. Krämer präsentierte im Hamburger Polittbüro sein neuestes Programm, das den außergewöhnlichen Titel „Tüpfelhyänen oder die Entmachtung des Üblichen (mit den Mitteln des Chansons)“ trägt. Wir beschäftigen uns knapp drei Stunden mit unseren Möglichkeiten, damit, was uns möglicherweise bremst, sie wahrzunehmen, mit dem Unwirklichen und dem Unwahrscheinlichen.

Was Sebastian Krämer zweifellos von anderen Künstlern seines Fachs unterscheidet, ist die Poesie, die in seinen Strophen steckt. Hin und wieder hatte ich das Bedürfnis, diese Texte einfach nur zu lesen, weil ihnen schon von ganz allein ein Rhythmus innewohnt, der fasziniert. Manchmal kann man ihm kaum folgen, will alle Worte aufsaugen, weil sie mitunter so sonderbar mystisch, philosophisch und herrlich sind, dass es nahezu schade ist, sie nur als Strophe an sich vorbeiziehen zu sehen. Sebastian Krämer schreibt nicht nur Lieder, er ist Dichter und könnte ohne Zweifel erfolgreich einen Gedichtband publizieren. Besonders deutlich wird das in seinem Lied ‚Die Gespräche der Krähen‚, das sich auf dem Album ‚Akademie der Sehnsucht‘ findet.

Sebastian Krämers Worte sind pointiert, sie sitzen genau, wo sie sitzen sollen und man ist überzeugt, dass man es kaum anders ausdrücken könnte als er es tut. Mal bewegt er sich auf politischem Terrain und fasst in bewundernswerter Kürze zusammen, wofür andere ganze Programme schreiben, mal ist er bösartig, wie es nur Georg Kreisler konnte. Herrlich verspielte und mitreißende Melodien werden durch schwarzhumorige Texte gebrochen, Krämer spielt mit der Wahrnehmung seines Publikums. Er weiß genau, vor wem er spielt und manchmal hält er den einen oder anderen symbolischen Spiegel in die Höhe. „Ich rede lieber mit Leuten ohne Kopf, statt ohne Geist.“ Applaus. „Ja, da klatscht das Bildungsbürgertum.“ … dann steht er wieder da und trägt ein Gedicht vor; währenddessen könnte man im kleinen Polittbüro wahrscheinlich eine Stecknadel fallen hören. Ich bin völlig geplättet, fasziniert, erstaunt, verzaubert. Nicht alles versteht man inhaltlich sofort, aber wem eine Leidenschaft für Sprache und ihre ganz eigene Musik nicht fremd ist, der wird geradezu gnadenlos hineingesogen in diese fantastische Stimmung.

Bei Sebastian Krämer gelingt eine herausragende Mischung aus Humor, Musikalität, Ernst und Poesie auf scheinbar so leichtfertige Weise, das ich nur jedem empfehlen kann, sich diesen Mann einmal (und wenn es gefällt natürlich auch mehrmals!) live anzusehen. Ich hatte einen grandiosen Abend und erwarte schon mit einiger Vorfreude die neuen Lieder auf CD! Die Tüpfelhyänen haben mich voll und ganz von meinen Möglichkeiten überzeugt. Die beinhalten glücklicherweise auch, noch öfter ein Krämerkonzert zu besuchen. Es ist, im besten Sinne des Wortes, ein Erlebnis! Eines, das nachwirkt, nachhallt im Kopf, und nicht nur für den Moment berauschend ist.

Hier auch ein sehr interessantes Interview mit Krämer!

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