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Antoine Wilson – Ein Mann von Welt

ein-mann-von-weltAntoine Wilson ist ein amerikanischer Autor. Er besuchte die Talentschmiede des University of Iowa Writers‘ Workshop und lehrte an verschiedenen Hochschulen Kreatives Schreiben. Er ist außerdem freier Redakteur der Literaturzeitschrift A Public Space. Die dortige Beschäftigung mit zahlreichen eingesandten Manuskripen habe ihm auch viel für sein eigenes Schreiben gebracht, sagt er heute. Ein Mann von Welt ist der erste seiner Romane, der auf Deutsch erscheint, übersetzt von Wilhelm von Werthern.

Vergessen wir doch Forrest Gump. Vergessen wir den gutmütigen Lennie aus John Steinbecks ‚Von Mäusen und Menschen‚, diesen Platz kann zukünftig mühelos Wilsons Oppen Porter einnehmen. Eine Figur, die das Herz des Lesers im Sturm erobert, ein Mann, der trotz seiner siebenundzwanzig Jahre und seiner grenzenlosen Naivität doch so liebenswürdig ist, dass man gar nicht anders kann als ihm in seine Geschichte zu folgen. Oppen Porter ist einen Meter achtundneunzig groß und mit dieser Körpergröße überragt er spielend alle anderen Bewohner seiner Heimatstadt Maderas. Als die Geschichte beginnt, liegt Oppen in einem Krankenhausbett. Er hatte einen Unfall und ist, nachdem er ein Gespräch der Krankenschwestern belauscht hat, der festen Überzeugung, dass er sterben muss. Er beschließt, im Bett Kassetten für seinen noch ungeborenen Sohn Juan-George aufzunehmen und ihm alle Weisheiten mit auf den Weg zu geben, die ihn das Leben bisher gelehrt hat.

Alles, was du wissen musst, ist irgendwo in meinen Erfahrungen enthalten, das ist meine Philosophie, aber ich fürchte, du musst selbst die Lehren daraus ziehen. Die Welt folgt einer merkwürdigen Logik, Juan-George, und ich möchte einige von ihren Verwicklungen veranschaulichen, so dass du auf den Schultern von Riesen stehen kannst und nicht, wie Paul Renfro immer gesagt hat, auf den Schultern von Ameisen.

Oppen erzählt zunächst vom Tod seines Vaters. Er fand ihn einfach eines Tages tot auf den Dielen und beschloss, ihn so zu begraben, wie sein Vater es sich auch gewünscht hätte. Zwischen den beiden Jagdhunden Ajax und Atlas, im Garten vor dem Haus. Die Polizei ist damit allerdings nicht einverstanden und so kommt es, dass der tote George Porter wieder ausgegraben und auf dem örtlichen Friedhof beigesetzt wird. Nach dem Gesetz, so, wie es sich gehört. Oppen beschließt unterdessen, jetzt, wo er ganz auf sich allein gestellt ist und ihm der Fehler, seinen Vater einfach so im Garten begraben zu haben, in der ganzen Gemeinde nachhängt, fortzugehen und ein Mann von Welt zu werden. Wie genau er dieses Ziel erreichen will, weiß er nicht, aber es beginnt einfach damit, dass er zu seiner Tante Liz nach Panorama City fährt. Nicht mit dem Fahrrad über Land, wie er es sonst gewöhnt ist, denn Oppen ist leidenschaftlicher Fahrradsammler, sondern mit dem Bus. In dem lernt er Paul Renfro kennen, einen professionellen Denker.

Er hieß Paul Renfro. Zur Einleitung erzählte er mir, mit zwei oder drei Jahren hatte er einen Schmetterling gesehen, der in einem Spinnenetz gefangen war, und daraus geschlossen, dass das Leben keinen inhärenten Sinn hat. Ich wusste nicht, was inhärent bedeutete, er erklärte es mir, inhärent war das erste Wort, das ich von Paul Renfro lernte.

Paul Renfro ist eigentlich ein fürchterlicher Hochstapler, der mit seinen komplexen und philosphischen Gedanken über den Weltenlauf hin und wieder seine kriminellen Machenschaften zu verschleiern versucht, doch er wird für Oppen zu einem wichtigen Fixpunkt in Panorama City. Er arbeitet dort auf Geheiß seiner Tante in einem Fastfoodrestaurant und geht regelmäßig zu einem Therapeuten, mit dem er über den Tod seines Vaters sprechen soll. Auch von der christlichen Leuchtturmgemeinde wird der gutgläubige Oppen vereinnahmt, bis ihm irgendwann bewusst wird, dass er da ein Leben lebt, das nicht das seine ist und dass ein Mann von Welt vielleicht doch anders ist, als er es sich vorgestellt hat.

Er forderte mich auf, mir in Gedanken einen Mann von Welt auszumalen. Er fragte mich, ob ich vor meinem inneren Auge eine Uhr an einer Kette oder einen Anzug mit Weste oder Krokodillederschuhe sah. Natürlich, sagte ich, natürlich sah ich das. Er setzte mich in Kenntnis, dass ich mir einen Spießer vorstellte, keinen Mann von Welt.

Antoine Wilson ist ein herrlicher, tragisch-witziger und charmanter Roman gelungen, der mich durch und durch begeistert hat. Oppen, zunächst nur der Dorftrottel von Madera – jedenfalls sagt seine Tante Liz das – wird von eben jener und ihrer vermeintlichen Fürsorge in ein Leben gedrängt, das er gar nicht führen will. Sie zwängt ihn in einen herkömmlichen Beruf, zu einem Therapeuten, in eine Kirchengemeinde, dabei will Oppen doch nur ein Mann von Welt werden, sich selbst finden und treu sein. Mit Paul Renfros Hilfe, die größtenteils aus manchmal klugen und manchmal absurden Sentenzen besteht, gelingt es ihm, aus diesem Korsett auszubrechen und zurück nach Madera zu gehen. Ihm ist bewusst geworden, dass er überall ein Mann von Welt sein kann, nicht nur in der Stadt oder mit Krokodillederschuhen. Schlussendlich, viele Kassetten und Geschichten später, erfährt Oppen, dass er gar nicht sterben muss und seine Frau fragt ihn:

C: Oppen? Liebling?
O: Ja, mi Amor.
C: Du lebst, du wirst leben.
O: Ja.
C: Warum redest du dann noch?

Man muss dieses Buch einfach lieben. Ich jedenfalls tue es!

9 Kommentare

  1. Liebe Sophie,

    ich schreibe gerade an meiner Rezension und wollte deine Besprechung verlinken, da ist mir aufgefallen, dass du immer von Tante Luzie schreibst … Oppens Tante heißt doch Liz, oder? Ich bin mittlerweile schon ganz durcheinander. 😉

  2. Pingback: Ein Mann von Welt – Antoine Wilson | buzzaldrins Bücher

  3. Hi,
    ich bin nun auch fast durch mit dem Buch…und finde es absolut gut. Oppen ist einfach klasse!
    Liebe Grüße,
    Olivia

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