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Inger-Maria Mahlke – Rechnung offen

Mahlke

Inger-Maria Mahlke ist eine deutsche Autorin. Sie studierte Rechtswissenschaften an der FU Berlin und arbeitete dort am Lehrstuhl für Kriminologie. Für ihr Debüt Silberfischchen (hier ein Verweis auf die Rezension bei Schöne Seiten) gewann Mahlke den Klaus-Michael-Kühne Preis, ihr sei, so die Jury, ein nahezu perfektes Prosawerk gelungen.

Man stelle sich ein ganz gewöhnliches Miethaus vor, in irgendeinem nicht zwielichtigen, aber doch schwierigen Stadtviertel, derer es viele gibt in unseren bundesdeutschen Großstädten. Da Mahlke in Berlin lebt, liegt es nahe, an Berlin zu denken, aber jeder wird in der Stadt, in der er gerade wohnt, ähnliche Viertel kennen oder selbst dort eine Wohnung haben. In diesem Miethaus leben verschiedene Menschen, prallen Lebenswirklichkeiten manchmal so hart aufeinander, dass es weh tut. Da ist Frau Streml, die alte und demente Frau, die immer weiter in ihr früheres Leben abdriftet, während sie sich im Jetzt nicht mehr zurechtfindet.

Das Rührgerät war nicht unter dem Schrank unter der Arbeitsplatte, Elsa stellte die Zitronenpresse wieder zurück, richtete sich auf. Sie verschwanden, die Dinge. Der Kehrbesen, ihr Bademantel, Fön, Bügeleisen, Sparschäler. Manche blieben unauffindbar, andere tauchten wieder auf, die Fernbedienung im Kühlschrank, neben der Packung mit dem Schnittkäse. Die Butterdose auf dem Telefontisch, abends lag sie mittig und sehr ordentlich auf dem Adressbuch. Das Nähkästchen in der Wäschetruhe, halb in ein Laken gewickelt. Als würde ihr jemand einen Streich spielen, in die Wohnung kommen, heimlich und leise, ihre Sachen verstecken.

Für Elsa Streml herrscht manchmal noch immer Krieg. Manchmal ist ihre Freundin Erika noch da, obwohl die lange gestorben ist. Manchmal denkt sie an ihre Eltern, die den Krieg nicht überlebt haben. Manchmal steht auch Nicolai vor ihrer Tür, der behauptet, ihr Enkel zu sein. Dabei hat sie keine Enkel. Dennoch kocht sie ihm immer Tee, denn er trinkt keinen Kaffee und erzählt ihm von Damals. Unten wohnt Manuela Schrader mit ihrem achtjährigen Sohn Lucas. Eigentlich hat sie in einer Backstube gearbeitet, bis sie einfach nicht mehr zur Arbeit erschienen ist. Dann hat sie begonnen, kurzzeitig als Domina zu arbeiten. Sie überlässt ihren Sohn sich selbst, haut einfach ab, ist fertig vom Leben und mit der Welt.

Seltsam klein fühlte er sich auf dem Sofa, so viel Raum um ihn herum, so viel leere Luft. Kalt fühlte sie sich an, Lucas hauchte, wollte wissen, ob sein Atem zu sehen war, nein. Eine Höhle, er würde eine Höhle bauen, entschied er.

Dann sind da noch der kaufsüchtige Claas und seine Frau Theresa, sie trennen sich, weil Theresa die fortwährend ankommenden Pakete nicht mehr erträgt. Ihre Tochter Ebba verwahrlost in ihrer Wohnung, lügt die beiden über ihren Abschluss an. Inger-Maria Mahlke präsentiert hier ein Potpourri an gescheiterten Existenzen, ein wahres Panoptikum der „Sozialfälle“, der Menschen, die auf der Strecke geblieben sind. Durch eigenes Verschulden oder nicht, das spielt eine untergeordnete Rolle. Wir werden Zeuge von kurzen Momentaufnahmen, die manchmal so trist und ausweglos erscheinen, dass man den Weltschmerz fast schmecken kann.

Hast die Finger in die Ohren gesteckt, mit den Achseln gezuckt, „es ist wichtig, dass Sie mit uns reden“, haben sie gesagt. „Das wievielte Mal“, haben sie beim ersten Gespräch gefragt und „warum die Pulsadern?“. – „Unsere Wohnung ist im ersten Stock“, hast du geantwortet.

Wenn man nicht von Haus aus schon einen Hang zur Melancholie hat, gelingt es Inger-Maria Mahlke spätestens mit ihrer lakonischen und vollkommen schnörkellosen Sprache, die Aussichtslosigkeit dieser Bewohner für jeden greifbar zu machen. Es ist eine Sprache, die nichts gibt, – so, wie niemand diesen Menschen irgendwas gibt -, sie analysiert, sie steht außen vor, sie fließt vorbei wie ein Fluss. Diese Sprache war es leider auch, mit der ich so meine Schwierigkeiten hatte. Sie ist stockend, keine Melodie kommt hier zustande, manchmal verschachtelt, aber niemals verziert, irgendwie so unnahbar. Und so fiel es mir sehr schwer, mich in dieses Buch hineinzufinden oder den Protagonisten auf einer emotionalen Ebene zu begegnen. Die Idee des Buches ist fraglos eine wunderbare, aber eben aufgrund dieser – zum Inhalt sicherlich passenden – Sprache konnte es mich, bis auf einzelne Passagen mittendrin, leider nicht so sehr begeistern wie ich gehofft hatte.

13 Kommentare

  1. Mir hatte das Buch eine Kollegin in die Hand gedrückt – ist das nicht was für dich? Den Vorgänger von Mahlke kannte ich gar nicht, daher bin ich völlig unbelastet ans Lesen gegangen und war umso mehr begeistert von diesem Buch.
    Kein Happy End – nirgends. Das könnte wohl auch das Motto dieses Buches sein. Und leider ist es ja viel zu oft so heutzutage…

    • Ja, ich schätze, die gesellschaftliche Stimmung vielerorts ist in diesem Roman sehr authentisch, wenn auch sehr komprimiert dargestellt. Mh. Kein Happy End – nirgends, das gefällt mir.

    • Den hab ich auch gelesen, ist aber schon eine ganze Weile her. Scherbenpark ist meines Wissens als Jugendbuch angelegt, weshalb die Schicksale nicht ganz so drastisch sind. Bei dem Buch hier ist ja ‚alles drin‘: Alzheimer, Prekariatsjobs, Verwahrlosung von Kindern, Vernachlässigung der Aufsichtspflicht, Kaufsucht, Abtreibung, Prostitution und vieles mehr. Insofern ist Rechnung offen schon das ‚krassere‘ Buch.

      • mickzwo sagt

        Eine Unterscheidung zwischen Jugend- und Erwachsenenliteratur ist mir erstmal fremd. Eine Geschichte muß gut sein, wie auch immer. Dann kann sie meinetwegen auch Drastisches zeigen. Ich brauche das eigentlich nicht. Meine Phantasie reicht auch so.
        Bei einer Pubertierenden geht es immer um Leben und Tod. Egal, in welcher Situation sie sich gerade befindet. Die Hauptfigur in Scherbenpark befindet sich nicht nur in einer kritischen Lebensphase sondern sie hat es auch noch mit prekären Lebensumständen zu tun.
        Für mich ist es hervorragend geschrieben und die Geschichte hat einen Schluß, der trotz allem Mist hoffen lässt.

    • Scherbenpark habe ich noch nicht gelesen. Klingt in deiner Rezension auch so, als hätte Scherbenparkk, im Gegensatz zu ‚Rechnung offen‘, tatsächlich eine zentrale Hauptfigur? Das fehlt bei Mahlke ja auch, vielmehr sind es die Momentaufnahmen von vielen. Aber Parallelen scheint es ja auch zu geben, vielleicht komme ich mal dazu, Scherbenpark zu lesen! (wenn es mir mal zufällig über den Weg läuft)

      • mickzwo sagt

        Ich stehe ja auf dem Standpunkt, dass die Geschichten Dich suchen sollten und nicht umgekehrt. Wenn das Buch Dir also mal über den Weg läuft, würde ich mich freuen Deine Beurteilung zu lesen. Ich denke nach wie vor es lohnt sich.

  2. „Scherbenpark“ habe ich gelesen und fand es ganz okay, wirklich begeistern konnte es mich aber nicht. Das Buch von Inger-Maria Mahlke steht aber schon auf meiner Wunschliste – zunächst möchte ich aber noch ihren Debütroman lesen, der sich schon in meinem Besitz befindet.

  3. „Unnahbar“ scheint mir ein treffendes Adjektiv für Mahlkes Sprache zu sein, ich habe sie ja als „nüchtern“ bezeichnet. Mich hat dieser Stil allerdings nicht gestört, im Gegenteil: Eben weil er so gut zum Erzählten passt, hat er mich sehr beeindruckt, etwas Verspieltes, Verschnörkeltes wäre mir wohl wie ein Fremdkörper in der Geschichte vorgekommen. Andererseits sorgt natürlich genau diese kühle Sprache – und die Trostlosigkeit des Erzählten – dafür, dass man als Leser nicht so richtig warm wird mit dem Roman. Wohlfühllektüre ist eindeutig was anderes.

    Scherbenpark habe ich erst vor ein paar Tagen ausgelesen. Mahlkes Romane scheinen mir im Vergleich dazu weitaus desillusionierter und trostloser, bei Bronsky gibt es nicht nur einen Funken Hoffnung, sie beschreibt die Welt der Protagonistin auch mit einem deutlich lockeren, bisweilen humorvollen Ton. Es ist der Blick einer selbstsicheren Jugendlichen, die sich durchkämpft und ihren Mitmenschen – auch als eine Art Schutzmechanismus – mit einer gehörigen Portion Zynismus, Wut und Sarkasmus begegnet, was zu durchaus witzig-frechen Passagen führt.

    PS: Danke für die Verlinkung!

    • Ich habe es auch so empfunden, dass die Sprache zum Geschehen passte, deshalb tue ich mich natürlich auch etwas schwer damit, das zu kritisieren. Es ist in sich schon kohärent. Verschnörkelte Sprache wäre mit Sicherheit unangenehm aufgefallen, aber mich hat die Sprache doch letztlich zu sehr auf Abstand gehalten.

      Nichts zu danken. (;

  4. Hab’s gerade angefangen und zweifle, ob ich durchhalte. Insofern nur dein Fazit gelesen… Durchaus bereitet die Sprache mir einige große Probleme und ein inniger Zugang findet nicht statt. Mal schauen, wie es weitergeht und ob ich es nicht gar weglege.

    • Ich kann dich da sehr gut verstehen! Ich habe auch ziemlich lange für das Buch gebraucht, wenn mans mal ins Verhältnis zum Umfang setzt.

  5. Pingback: Die vermeintliche Ewiggestrigkeit | Literaturen

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