Kultur
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Brauchen wir neue Volksmusik?

Grebe2Ich hatte gestern Abend wieder einmal das Vergnügen, Rainald Grebe auf der Bühne zu bewundern, diesmal allerdings in ungewohnter Umgebung. Zwar war Grebe einige Zeit am Theaterhaus Jena als Dramaturg tätig und ist somit keinesfalls fremd im Theater, für das Publikum aber, das ihn eher von seinen Konzerten kennt, ergibt sich hier nochmal ein ganz anderes Bild. Gestern hatte sein neues Stück ‚Volksmusik‚ am Hamburger Thalia Theater Premiere und befasste sich mit der drängenden Frage: Haben die Deutschen noch Lieder, die sie gemeinsam singen könnten? Brauchen wir neue Volkslieder, eine neue Volksmusik, frei von biederer Volkstümlichkeit, mir der der Begriff heute gemeinhin verbunden wird? Bereits 2006 war Rainald Grebe mit der Volksmusik unterwegs, gemeinsam mit seiner Kapelle der Versöhnung. Auch auf der Bühne des Thalia-Theaters sind Marcus Baumgart und Martin Brauer wieder dabei. Mit ihnen diesmal aber auch so einige Sängerinnen und Sänger des Hamburger Bürgerchors, die mal traditionelle und mal neumodische Varianten dessen, was wir unter Volkslied verstehen, zum Besten geben. 2006 im Tipi sah die Volksmusik noch folgendermaßen aus:

Lange also beschäftigt Rainald Grebe die Volksmusik und das, was davon übrig ist. Bevor die Gäste in den Theatersaal eingelassen wurden, bat man sie noch, für ihr Favoritenlied abzustimmen. Zur Auswahl standen unter anderem ‚Der Mond ist aufgegangen‘ und  ‚Das Wandern ist des Müllers Lust‘ , aber auch moderne Klassiker wie ‚Santa Maria‘ von Roland Kaiser oder ‚Die Gefühle haben Schweigepflicht‘ von Andrea Berg. Gewonnen hat diesen „Volksentscheid“ letztlich doch ‚Der Mond ist aufgegangen‘ und so fanden wir uns alle gemeinsam in einem kleinen, gemütlichen Theatersaal wieder und sangen ‚Der Mond ist aufgegangen‘. Mit Texthilfe auf einer Videoleinwand freilich, denn die Texte sind ja kaum jemandem noch geläufig. Aber durch diese simple Aktion sorgte Grebe bereits für ein Gefühl der Gemeinschaftlichkeit, für ein gemeinsames Verschworensein gegen die Liederleere.

Grebe1Rainald Grebe und sein Ensemble spielen auf der Bühne mit den Gegensätzen. Immer wieder blitzt die tumbe Volkstümlichkeit durch, das Musikantenstadelige. Vor der Bühne sind Blumenkästen angebracht, Frauen präsentieren das Gemüse der Region. Dort haben wir Deutschen keine Berührungsängste, das Regionale halten wir hoch. In vielen Städten Norddeutschlands ist die plattdeutsche Sprache noch immer in Gebrauch und auch in Süddeutschland wirft man sich zu Zeiten des Oktoberfests nur zu gern in die alte Lederhose, um auf den Festzeltbänken zu schunkeln. Aber ist das alles? Wo ist das Liedgut, das alle Deutschen verbindet? Das Liedgut, das sie gut eine Nacht am Lagerfeuer halten würde? Und wohin ist es verschwunden? Liegt es tatsächlich an unserer Geschichte, die uns so verkrampft mit unserer Identität umgehen lässt?

Ensemblemitglieder aus anderen Ländern berichten da ganz andere Gepflogenheiten. Russland, die Türkei, Griechenland und Spanien haben viele verbindende Volkslieder, viele Traditionen und Gebräuche, die sie auch heute noch pflegen. Was hat der Deutsche, abgesehen von seinem Sauerkraut und seiner Akkuratesse? Und was bedeutet eigentlich Heimat? All diesen Fragen spürt Grebe am Abend nach, mal auf seine gewohnt absurde, mal auf eine ruhige und eher bildliche Art und Weise. Die Bühnengestaltung ist bewundernswert detailverliebt, es gibt einen kleinen Steg, vorbeifließendes Wasser und einen riesigen Baum. Mit wenigen Mitteln gelingt es hier, Stimmungen zu kreieren und das Denken anzuregen. Eine Vorstellung zweifellos, die nachhallt, ein grandioser Grebe – wenn auch diesmal mehr im Hintergrund – und ein sehr talentiertes Ensemble machen diesen Abend nicht nur zu einem Panorama deutscher Lied – und Leidkultur, sondern wie immer zu einem Abend, an dem das Lachen und die Melancholie sich ganz still die Hände reichen.

Wer sich das Stück auch ansehen möchte, hat noch Gelegenheit am

So, 24.03. 19:00 – 21:00
Mi, 27.03. 20:00 – 22:00
Do, 04.04. 20:00 – 22:00
Fr, 12.04. 20:00 – 22:00
Sa, 20.04. 14:00 – 16:00
Sa, 20.04. 20:00 – 22:00
So, 09.06. 19:00 – 21:00

Karten gibt’s im Hamburger Thalia Theater.

3 Kommentare

    • Es war spaßig, allerdings ist das Video ja von 2006 und aus Rainald Grebes damaligem Programm, das gestern war weniger Konzert, denn tatsächlich Theaterstück. Einige Elemente kamen allerdings auch gestern vor. (;

  1. mickzwo sagt

    Ich hatte das Vergnügen Rainald Grebe mit seinem Robinson-Konzert live zu sehen. Seit dem versäume ich keine Gelegenheit diesen diesen Künstler zu genießen. Das war für mich noch nie vertane Zeit.

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