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Bodo Wartkes Klaviersdelikte

Bodo

Seit Januar 2012 spielt Bodo Wartke, einer der größten Sprachakrobaten Deutschlands und das vermutlich reichhaltigste Komplettpaket im Hinblick auf unterhalterische und musikalische Qualitäten, sein aktuelles Klavierkabarettprogramm Klaviersdelikte. Am Wochenende war es im Bremer Musical-Theater nun endlich soweit – dieses gereifte und durchaus noch partiell veränderte Programm wurde auf DVD aufgezeichnet.

Schon seit einigen Monaten fieberte ich dieser Aufzeichnung entgegen – der Moment, in dem diese über Wochen ausgeschmückte Idealvorstellung endlich Realität wird, ist vermutlich mit keinem Geld der Welt zu bezahlen. Aufgrund technischer Probleme verzögerte sich der Beginn – aber das sollten, getreu dem Motto, ‚Probleme, die ich früher noch nicht hatte‚ beileibe nicht die einzigen Unwägbarkeiten des Abends bleiben. Dazu aber später mehr.

Musical Theater

Bodo betritt die Bühne, weist sein Publikum ein, neun Kameras sind überall im Raum postiert, inklusive einer stetig über dem Publikum kreisenden Krankamera und einer mobilen Steady-Cam, die zu fortgeschrittender Stunde noch eine schicksalhafte Rolle spielen wird. Schon von Anfang an wird dem Zuschauer bewusst: Zwar wird das ein langer Abend, aber dank der herausragenden Entertainmentqualitäten Wartkes ist jede Minute, in der gerade nichts Aufzeichnungsrelevantes passiert dennoch eine wertvolle. In Klaviersdelikte schlägt Bodo Wartke ernste und kritische Töne an, mehr, als man das bisher gewohnt war. Ob es nun ,Dein Duft‚ ist, in dem der olfaktorische Genuss eines körpereigenen Odeurs so anmutig in Musik gekleidet wird, ‚Christine‚, in dem Wartke von seiner Schwester singt, die leider sehr früh verstarb oder ‚Sie‚, nach dem die Vergänglichkeit beinahe mit Händen zu greifen ist – diese Lieder bilden einen angenehmen Kontrast zu dem, was man von Wartke kennt und wofür man ihn, immer wieder, am meisten schätzt. Für das virtuose Wortspiel, vermutlich auf die Spitze getrieben im Lied des Vogelfängers, das derzeit bedauerlicherweise nur live zu erleben und auf keiner CD zu hören ist. (Wer sich ein Wort wie Papagenozid ausdenkt, dem gehört eigentlich umgehend eine Medaille verliehen!) – Allerdings ist das ohne Zweifel ein Grund für all jene, die das Programm noch nicht gesehen haben, das schnellstens nachzuholen!

Bodo Wartke gelingt immer wieder der Spagat zwischen Hochkultur und Unterhaltung, was ich neben seiner sprachlichen und musikalischen Brillianz für eine seiner größten Qualitäten halte. Ein Abend mit ihm wird immer unterhaltsam und spaßig sein, mit Inhalten, die von vielen für eher dröge gehalten werden. Mundgerecht wird da Mozart ins Menü gemischt (gar die Zwölftonmusik) oder das ein oder andere kritische Statement (siehe oben: Das Schweigen der Spammer) serviert, über das man einen Moment nachdenkt und das, aufgrund seiner Eingängigkeit, nach mehrmaligem Hören ins Ohr gegangen ist, um sich künftig dauerhaft dort niederzulassen.

Die kleinen technischen Probleme erreichen am gestrigen Abend ihren Höhepunkt, als der Kameramann der Steady-Cam tatsächlich auf der Bühne stürzt! Gerade inmitten des Vogelfängerliedes knallt es plötzlich im Halbdunkel der Bühne und für einen kurzen Moment war man ernstlich erschrocken. Die Komik des Ganzen lag vermutlich auch eher darin begründet, dass Wartke anfangs nonchalant darüber witzelte, wie teuer diese Steady-Cam sei und dass es wirklich kostspielig würde, fiele der Kameramann tatsächlich der Länge nach auf  Kamera und Boden – Kamera voran. Beide haben es, nach meinem bisherigen Kenntnisstand, glücklicherweise aber unbeschadet überstanden und nach einer kurzen Unterbrechung – die Bodo Wartke so locker und sympathisch überbrückte wie alle kurzen Pausen – konnte es weitergehen.Eines der absoluten Highlights waren vermutlich die namensgebenden Klaviersdelikte. Bodo Wartke imponiert in der Regel schon ohne größere Einschränkungen mit seinen Fähigkeiten als Pianist, doch wie eindrucksvoll man mit Boxhandschuhen ein Klavier bearbeiten kann, war mir bisher nicht bewusst.

Klaviersdelikte - Bodo Wartke

(c) Nele Martensen

Bodo Wartke ist in jeder Hinsicht ein Ausnahmetalent. Seine Anleihen liegen bei den großen Chansoniers, bei dem leider kürzlich verstorbenen Georg Kreisler, bei Tom Lehrer und dem Sprachwitz Heinz Erhardts. Teilweise hört man es heraus, aber Wartke gelingt es, daraus etwas ganz eigenes zu machen, einen ganz eigenen Stil zu entwickeln. Diese DVD-Aufzeichnung war, trotz (oder gerade wegen!) ihrer Überlange, eines der größten Konzerterlebnisse der letzten Jahre. Nicht nur im musikalischen Bereich tut sich Herr Wartke hervor, auch im schauspielerischen, seit er Sophokles‘ Tragödie König Ödipus als 1-Personen-Stück auf die Bühne brachte. Gereimt, mit deutlichen Bezügen zur Neuzeit, jedoch niemals den Originaltext aus dem Blick verlierend. Davon wird beizeiten hoffentlich auch noch etwas hier zu lesen sein, bis dahin verbleibe ich mit dem Trailer zur bereits erschienenen DVD zu König Ödipus. Die in Bremen aufgezeichnete DVD zu Klaviersdelikte wird im September erscheinen, mit einigem Bonusmaterial (hoffentlich nicht dem stürzenden Kameramann, das wäre dann doch zu tragisch), alles bei Bedarf und Interesse nachzulesen unter www.bodowartke.de.

6 Kommentare

  1. Ich freue mich sehr, dass du gestern Abend scheinbar einen gelungenen Abend hattest. 🙂 Ich kenne Bodo Wartke ja noch nicht, werde aber gleich mal in die Lieder hineinhören …

  2. Ein großartiger Bericht! Du hast es geschafft, dass ich fast das Gefühl hatte, selbst dabei zu sein. Wenn er irgendwann mal zu mir in die Nähe kommt, werde ich mir das neue Programm auf jeden Fall ansehen. Vielen Dank dafür!

    • Das freut mich sehr! Wenn ich auch nur ein ganz kleines Stück von der Begeisterung in den Bericht legen konnte, die ich am Samstag empfunden habe, ist das viel wert. Ich saß in meinem roten Sessel wahrscheinlich mit denselben leuchtenden Augen, mit denen ein Kind im Bonbonladen steht. Vielleicht schaffen wir es ja irgendwann auch nochmal gemeinsam zu einem Konzert. (:

  3. Pingback: Sophokles feat. Bodo Wartke – König Ödipus | Literaturen

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