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Joey Goebel – Ich gegen Osborne

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Joey Goebel ist ein amerikanischer Autor. Er studierte Anglistik und schloss an der Universität Louisville einen Master of Fine Arts in Creative Writing ab. Bevor er seinen Debütroman Freaks veröffentlichte, war er Frontmann, Songwriter und Gitarrist der Band The Mullets. Mit der Band Novembrists nahm Goebel als Sänger und Gitarrist eine CD auf. In Goebels Romanen spielen oft die Außenseiter der (amerikanischen) Gesellschaft eine große Rolle. In überspitzter Art und Weise führt er viele Ideale und Prioritäten dieser Gesellschaft ad absurdum und dekonstruiert gekonnt den Wahnsinn, der uns mittlerweile nahezu normal erscheint.

Joey Goebel gehört seit „Vincent“ zweifelsohne zu meinen Lieblingsautoren. Auch mit „Freaks“ und „Heartland“ hat er ein Händchen für die Ausgestoßenen und von der Gesellschaft Geächteten bewiesen. Wer sich selbst hin und wieder in diesen Kreisen wiederfindet, in denen man gemeinsam darüber fachsimpelt, ob nun die Gesellschaft den Verstand verloren hat oder man selbst, wird sich in den Protagonisten Joey Goebels mühelos wiedererkennen. So auch in James Weinbach, dem Helden (und das ist durchaus wörtlich zu verstehen!) in Ich gegen Osborne.

James ist 17 und einer von vielen Schülern auf der Osborne High. Was ihn von seinen Mitschülern unterscheidet, ist nicht nur sein extravagantes Outfit, – er trägt in der Schule Anzug und Krawatte, fast wie ein Gentleman aus diesen alten Filmen, die er so liebt -, sondern auch seine misanthropische und kulturpessimistische Einstellung. Er hört Frank Sinatra und würde wahrscheinlich lieber stundenlang die Gänge einer Bibliothek auf  und ab laufen als nur eine einzige Stunde eine Party zu besuchen. Dinge, die mir persönlich sehr sympathisch sind.

Wie jeder andere vernünftige Mensch auch hasste ich die Highschool. Doch mit siebzehn hatte ich bereits begriffen, dass man mindestens siebzig Prozent seines Lebens damit zubringt, Sachen zu machen, die man lieber nicht machen würde. Und so fand ich mich mit dem zentralen Irrsinn meines Lebens ab, dass ich fünf von sieben Wochentagen an dem Ort der Welt verbrachte, an dem ich am liebsten überhaupt nie sein wollte. Schon erstaunlich, was die Menschen sich zumuten, dachte ich oft.

Ich gegen Osborne spielt an einem einzigen Schultag. James trifft Chloe, seine heimliche Angebetete, das erste Mal nach dem Spring Break wieder, es werden fürchterliche Gerüchte über sie in Umlauf gebracht, James‘ Romanauszug wird im Kurs für Kreatives Schreiben alles andere als wohlwollend aufgenommen und als Gipfel des Ganzen, gewissermaßen als emotionaler Vulkanausbruch, sorgt James dafür, dass der Abschlussball seines Jahrgangs abgesagt wird. Wer vor einigen Jahren, als man noch nicht dafür zahlen musste, um  solcher Perlen jugendlicher Dekadenz teilhaftig zu werden, hin und wieder MTV gesehen hat, weiß, was der Abschlussball für einen Amerikaner bedeutet. Auf der Rückseite des Buches steht, Joey Goebel ziehe der Partygesellschaft mit diesem Roman den Stecker. Das tut er, man müsste sich nur darüber unterhalten, wie erfolgreich dieses Unternehmen ist, wenn die Partygesellschaft einen Akku besitzt.

Als ich aufwuchs,, hatte ich das Gefühl, mit mir stimme etwas nicht, weil ich mich für all das nicht interessierte. Das war eines der großen wiederkehrenden Themen meines Lebens: der Gedanke, dass mit mir etwas nicht stimmte. Doch jetzt, am Ende meiner Schulzeit, war ich zu dem Schluss gekommen, dass mit mir alles in Ordnung war und mit ihnen etwas nicht stimmte.

James Weinbach ist eine kontroverse Figur. Er ist der typische rebellische Teenager, der mit seinem Anderssein gleichsam kokettiert, in derselben Weise, wie er sich auch dafür schämt. Vielleicht macht ihn das authentisch, gerade in dem Moment, wenn man ihn mal wieder schütteln möchte, obwohl er oft schmerzlich Recht behält. Er bringt die ganze Highschool gegen sich auf, ausgenommen natürlich die dicken und sonderlichen Brillenträger, die sich plötzlich von einer Last befreit fühlen, die schwerlich in Worte zu fassen ist. Mal trägt James diese ihm entgegenschlagende Feindseligkeit mit Fassung, mal nicht. Joey Goebel macht glücklicherweise nicht den Fehler, uns in diesem Roman ausschließlich Stereotype aufzutischen. Hinter den Hauptfiguren steckt mehr, als auf den ersten Blick erkennbar ist, sonst wäre dieser Roman womöglich nicht mehr als eine typische Teenagerleidensgeschichte, wie sie entweder jeder von uns selbst erlebt hat oder wenigstens von außen beobachten konnte.

Mein Gesicht sah aus, als wäre es auf den letzten Drücker zusammengeschustert worden. Mein Auftreten wechselte zwischen düster und amüsiert. Letzteres bewirkt durch die idiotischen Ereignisse um mich herum. Wie Mr. Runnels hatte ich einen verschleierten Blick. Ich sah aus wie jemand, der nicht gut schlief, und so war es auch. Im Jahr zuvor hatte ich angefangen, die Haare so zu tragen wie ein Schauspieler, den ich in einem alten Film gesehen hatte, in dem Bette Davis an einem Hirntumor stirbt. Sie waren nach hinten gekämmt, von ein, zwei Locken vorne abgesehen, die mir unruhig in die Stirn hingen. Wenn ich bei schummrigem Licht die Haare so trug, sah ich womöglich wenigstens interessant aus. Gut aussehen: keine Chance! Aber vermutlich konnte ich als interessant durchgehen. Wenn ein Seufzer menschliche Form annehmen könnte, würde er wohl wie ich mit siebzehn aussehen.

Ich habe den Roman gern gelesen, wenngleich ich auch gestehen muss, dass für mich wahrscheinlich nichts an den Humor und die Tiefsinnigkeit Vincents heranreichen wird. Ich gegen Osborne ist eine überzeugende Geschichte, könnte der Auftakt einer Coming-Of-Age-Story werden und findet vermutlich seine Entsprechungen auch in Goebels eigener Schulzeit. Für die, die Goebel seiner anderen Romane wegen mögen, wird Ich gegen Osborne wieder einmal eine wohltuende Hommage an alle Freaks dieser Welt sein, eine inständige Bitte, genau so zu bleiben, wie sie sind. Allen anderen sei zum Einstieg in das Goebel-Universum vielleicht ein anderer Roman empfohlen. (und ich glaube, ich muss gar nicht mehr sagen welcher!)

8 Kommentare

  1. Seit „Vincent“ habe ich nichts mehr von Joey Goebel gelesen. Deine Rezension macht Lust darauf, dass demnächst zu ändern. „Ich gegen Osborne“ ist soeben auf meinem Wunschzettel gelandet. Danke für den Tipp!
    Sonntägliche Grüsse aus dem Elfenland

  2. „Vincent“ und „Freaks“ habe ich schon unheimlich gerne gelesen. Auch „Heartland“ habe ich vor einigen Jahren förmlich verschlungen. Es sind vor allem die Figuren von Joey Goebel die bei jedem Buch mein Herz im Sturm erobern konnten. Ich habe mich so sehr wiedererkannt und zu Hause gefühlt. „Ich gegen Osborne“ liegt hier bereits im Regal und ich kann es kaum abwarten, es auch endlich zu lesen. 🙂

  3. schöne Rezi! Joey Goebel zählt auch zu meinen Lieblingsautoren, gerade „Vincent“ hat es mir angetan, hab das bestimmt schon 10 mal durch 🙂 Für mich kam „Ich gegen Osborne“ da auch nicht ganz ran, aber es ist trotzdem wieder großartig! Warst du auf einer Lesung? War letztens bei der in München, und ich muss sagen, dass mich das dann nochmal mehr überzeugt hat 🙂

  4. Pingback: Joey Goebel – Ich gegen Osborne | Muromez

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