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Francesca Melandri – Über Meereshöhe

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Francesca Melandri ist eine italienische Schriftstellerin. Vor ihrem Debüt im prosaischen Bereich schrieb sie viele Drehbücher, sowohl für Filme als auch für Fernsehserien. 2010 veröffentliche sie ihren ersten Roman Eva schläft, dessen Handlung in Südtirol angelegt ist, wo sie 15 Jahre ihres Lebens verbrachte. Ihr neuestes Werk, Über Meereshöhe, wurde mir freundlicherweise von Blogg dein Buch und dem Blessing Verlag zur Verfügung gestellt.

Abgesehen von Italo Calvino hatte ich bisher wenige Berührungspunkte mit italienischer Literatur. Vermutlich gibt es immer Länder, die man in seiner Lesetätigkeit schlicht sträflich vernachlässigt, ohne, dass es dafür einen bestimmten Grund gäbe. Italien gehört zweifelsohne zu meinen literarischen Stiefkindern, umso glücklicher war ich angesichts der Möglichkeit, langsam meine Bildungslücken zu stopfen. Über Meereshöhe spielt im Italien des Jahres 1979. Der linksextremistische Terror hatte in Italien in Form der Roten Brigaden gewütet, ähnlich wie ein Deutschland 1977 die RAF. Und auch ähnlich wie in Deutschland war diese Bewegung aus den Studentenrevolten von 1968 hervorgegangen, angeheizt durch autoritäre und überkommene Nachkriegsstrukturen, befeuert durch den Vietnamkrieg.

Protagonisten dieser Geschichte sind Luisa und Paolo, beide Angehörige von Straftätern, die in einem, auf einer Insel gelegenen, Hochsicherheitsgefängnis inhaftiert sind. Luisas Mann hatte, vermutlich in blindem Zorn und unter Einfluss von Alkohol, einen Menschen mit bloßen Händen getötet. Paolos Sohn war Mitglied der Roten Brigaden und als solcher an der Entführung des damaligen Ministerpräsidenten Aldo Moro beteiligt. Zwar wird dieser Name niemals explizit erwähnt, doch betont Melandri mehrfach, dass alle Leibwächter dieses entführten Politikers brutal hingerichtet wurden. Das beschreibt ziemlich genau die Umstände, unter denen Aldo Moros Entführung stattfand. Aber das nur zum historischen Hintergrund, falls der ein oder andere daran interessiert ist.

Wie immer, wenn es zurückkehrte, legte sich das Bewusstsein seiner selbst wie ein schwerer Grabstein auf seine Brust. Paolo öffnete den Mund und stieß die Luft so kräftig aus, als müsse er sich tatsächlich von einer schweren Last befreien. Seit wievielen Jahren schon entfuhren ihm diese unwillkürlichen, lauten Seufzer, die noch kein Stöhnen waren, aber auch schon mehr als ein bloßes Ausatmen, und mit denen er immer rechnen musste, auch wenn er irgendwo von Menschen umgeben war: an einem Gemüsestand auf dem Markt etwa, in einer Warteschlange auf der Post, beim Mittagessen im Haus seiner Schwester? Es war wirklich keine schwere Frage, die Antwort kannte er: drei Jahre, sechs Monate und ein paar Tage.

Luisa und Paolo sind auf einer Fähre und auf dem Weg zum Hochsicherheitsgefängnis. Jeder von beiden hängt seinen Gedanken nach, unbeschwert treten sie diese Reise nicht an, wenn auch kaum zum ersten Mal. Luisa musste, nach der Inhaftierung ihres Mannes, ihre fünf Kinder allein großziehen, Paolos Frau ist an den Taten ihres Sohnes zerbrochen und nach kurzer Krankheit verstorben. Der Besuch selbst läuft weitgehend problemlos und unspektakulär, darauf liegt auch kaum der Fokus dieses Romans. Ein Sturm braut sich zusammen und um noch rechtzeitig die Fähre zu erreichen, sollen alle Angehörigen ihren Besuch so knapp und zeitsparend wie möglich gestalten. Doch Luisa und Paolo geraten in einen leichten Autounfall und versäumen die Fähre zurück. Sie müssen wohl oder übel auf der Insel übernachten, die sonst nur die Häftlinge und Strafvollzugsbeamte beherbergt.

Die beiden, ihre Geschichten ähneln sich und sind doch so verschieden, nähern sich einander und spenden sich Trost, den sie lange nicht mehr erfahren haben. Wer bedauert schon die Eltern oder Lebenspartner von Schwerverbrechern? Ich selbst habe mich schon oft gefragt, wie sich wohl Eltern eines Amokläufers oder mehrfachen Mörders fühlen müssen. Lieben sie ihr Kind dennoch? Wird es ihnen womöglich vollkommen fremd? Sind sie noch in der Lage, ein normales Leben zu führen oder werden die Taten ihres Kindes immer ihre ellenlangen Schatten werfen? Genau dieses Themas nimmt sich auch Francesca Melandri an, indem sie wunderbar poetisch und einfühlsam diese beiden Menschen beschreibt. Wie lebten sie vor den Taten und wie danach? Paolos Sohn lebte, bevor er zum Mörder wurde, bereits jahrelang im Untergrund und war zuhause lediglich sporadischer Besucher.

An erster Stelle stand da unangefochten: Revolution. Die an sich nichts Schlechtes sein musste, dachte Paolo, weder als Ereignis noch als Begriff. Ganz im Gegenteil. Schlimm war es, wenn es eben nur das Wort gab, die Sache, das Ereignis aber nicht. 1789 in Frankreich gab es das Wort und auch das Ereignis. Und im Europa des Jahres 1848 verbreitete sich das Wort, vor allem aber die Sache. Ebenso im Russland des Jahres 1917 oder auf Kuba 1959, immer gab es beides. Im Italien des Jahres 1979 aber nicht, so unermüdlich, fast besessen das Wort Revolution auch skandiert, auf Flugblättern gedruckt und an Wände geschmiert werden mochte. Die Sache, die es bezeichnete, war nirgends zu erkennen. Die Menschen hatten sich nicht mit Heugabeln bewaffnet, die Wähler nicht das Wählen eingestellt, die Bürger nicht das Parlament angezündet.

Francesca Melandri nimmt sich eines, wie ich finde, komplexen und schwierigen Themas auf eine sprachlich so galante und präzise Weise an, dass es beeindruckend ist. Es fiel mir unsagbar leicht, mich in Luisa und Paolo hineinzuversetzen, ein Stück ihres Weges mitzugehen. Melandri schafft hier keine Abziehbildchen oder Schablonen, sie hütet sich davor, alle Gefangenen zu verurteilen, genausowenig wie sie ihre Angehörigen zu bloßen Opfern stempelt, sie betrachtet mit bewundernswerter Liebe zum Detail alle Seiten der Medaille. In allem, was geschieht, liegt eine leichte Melancholie, ein Bedauern über den Lauf der Dinge, aber gleichzeitig das Bewusstsein, dass sie eben so gekommen sind, ohne, dass man jetzt daran noch etwas ändern könnte. Ich habe diese Roman sehr gern gelesen und kann ihn nur jedem ans Herz legen, der sich gern mit menschlichen Schicksalen beschäftigt. Er wirft Fragen auf, die auch über die Lektüre hinaus beschäftigen – genau so mag ich Literatur! Literatur, die nicht vergessen ist, wenn man die Buchdeckel schließt.

2 Kommentare

  1. Wow, danke für diese tolle Besprechung, die mich unheimlich neugierig macht. Ich habe den Eindruck, mich glücklich schätzen zu können, dass das Buch bereits hier bei mir im Regal steht. „Eva schläft“ besitze ich übrigens auch schon, bisher aber noch ungelesen. Kennst du es bereits?

    Ich habe mich übrigens über deine aktuelle Lektüre gefreut und bin ganz gespannt, wie sie dir gefallen wird. 🙂

    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebste Mara,

      vielen Dank für dein Lob, das freut mich immer wieder sehr! „Eva schläft“ kenne ich noch nicht, aber ich habe es mir gleich notiert, denn der Schreibstil von Melandri hat mich sehr fasziniert! Ich bin auch schon gespannt auf meine jetzige Lektüre, vor allem wegen deiner positiven Worte.

      Liebe Grüße

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