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Ein Lesejahr 2012 geht zu Ende

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Ja, immer am Ende eines Jahres packt einen die Wehmut am Kragen und man wird nahezu von sich selbst dazu genötigt, zurückzuschauen und alles, was geschehen ist, revue passieren zu lassen. So auch im Hinblick auf die eigene Lesetätigkeit. Und so möchte ich, anders als letztes Jahr, auch einen kleinen Rückblick auf das gewähren, was ich mit mehr oder auch mit weniger Freude dieses Jahr lesen durfte, konnte und musste.  Insgesamt sind 47 Bücher bis zum jetzigen Zeitpunkt durch meine Hände und mein Hirn gewandert, einige davon enttäuschend, andere absolut grandios und der Rest zum Vergessen belanglos. Müsste ich mich  für vier Enttäuschungen oder Belanglosigkeiten entscheiden, fiele die Wahl vermutlich auf die folgenden Kandidaten.

Paulo Coelho stand ich eigentlich immer relativ neutral gegenüber. Nach „Veronika beschließt zu sterben“ und „Der Dämon und Fräulein Prym“ wusste ich zwar um seine leicht esoterische Ader, fühlte mich aber noch imstande, sie wohlwollend zu übersehen. Als ich aber im Januar Aleph in die Hand bekam, änderte sich meine Einschätzung schlagartig. Aleph war nichts weiter als ein psychologisch beinahe beunruhigendes Buch, das wenig von einem Roman, dafür aber umso mehr von einer Predigt hatte. Ich war mehr als erleichtert, als ich das Buch zuklappen und vergessen konnte. 34411970z

Die nächste unangenehme Überraschung erlebte ich mit Eowyn Iveys Das Schneemädchen. Nicht, dass ich davon viel erwartet hätte, ich ging sogar, wenn ich mich recht erinnere, eher neutral an die Lektüre. Aber selten hat ein Buch sich derart gezogen, ohne mich dabei in die Handlung zu ziehen. Am falschen Ende gezogen, würde ich sagen, enttäuschend aufgebläht und an einigen Stellen überraschend unlogisch. Ich las es gerade zu der Zeit, als ich jeden Morgen mit dem Zug zur Berufsschule fuhr. Jeden Morgen fragte mich meine Mitschülerin, wie es denn um das Schneemädchen bestellt sei, denn ich hatte ihr von meinem Martyrium in Schnee und Eis berichtet. Und jedes Mal musste ich antworten: „Naja, sie kommt und geht. Und kommt und geht. Und schmilzt nicht.“ – „Sonst nichts?“ – „.“

Ähnlich zähe bis befremdlich anmutende Lesestunden verbrachte ich mit Mette Jakobsen und Minous Geschichte. Zur Ehrenrettung Minous muss ich vielleicht sagen – wobei, muss ich sie eigentlich retten? -, ich habe sehr viele positive Stimmen vernommen. Das Buch sei doch zauberhaft und wunderschön. Vielleicht mangelt es mir einfach an kindlichem Einfühlungsvermögen, vielleicht bin ich nicht mehr zugänglich für derlei Zauber, mich hat dieses Buch gequält, irritiert und letztlich nur schulterzuckend zurückgelassen. Ratlos irgendwie. Aber so ist es manchmal mit Literatur, nebenan kann sie Begeisterungsstürme verursachen, während sie mir ziemlich an allem vorbeigeht, was Gefühle verursacht.

Jakobsen-Minous-Geschichte

Den Vogel abgeschossen hat aber ohne Zweifel Martin Walser. Hier kann ich nicht einmal von einer Enttäuschung sprechen, denn ich hatte nichts erwartet, dafür habe ich mich aber, abseits von aller Quälerei durch intellektuell aufgeblähtes Sprachbalett köstlich amüsiert. Das dreizehnte Kapitel hat mich erst einmal auf lange Zeit davon kuriert, Martin Walser lesen zu wollen. Und dabei stehe ich ziemlich auf ein bisschen verschwurbelte Texte, auf Anspruch und Widerständigkeit und all diese Sachen, die immer auftauchen, wenn man von guter Literatur spricht. Hier war aber für mich das Ende der Fahnenstange erreicht. In Ausdruck und Inhalt, dieses Nein zu jeder Realität.

Enttäuschungen hat es auch noch mehr gegeben, zuletzt Anatomie einer Nacht, das an anderer Stelle auch mit Lob und guten Worten überhäuft wird. Auch Dast Festmahl des John Saturnall hat für mich nicht das gehalten, was es versprach, aber ich will mich gar nicht zu lange bei den eher dürftigen Leseerlebnissen aufhalten. Die sind im Moment des Lesens schon deprimierend genug. Lieber richte ich meinen Blick auf das, was mich wirklich begeistert hat – und was mich auch über dieses Jahr 2012 hinaus begeistern wird.

1913

Zuerst muss ich da – ich sprenge jetzt eigentlich die Chronologie, die ich mir vorgenommen hatte – 1913 nennen. Gestern erst habe ich einem Kunden begeistert davon vorgeschwärmt, aber konnte es ihm leider nicht mehr verkaufen, denn es war bei uns schlicht ausverkauft. Ich erinnere mich jetzt noch, Monate später, ganz liebevoll an die Nacht, in der ich mit meinem schwarzen Tee begeistert über diesem Buch saß und mir wünschte, Florian Illies würde einfach den Proust machen und noch tausende Seiten nachlegen. Einfach nur großartig und völlig zu Recht ausverkauft!

Green_24009_MR1.indd Nicht nur für mich, sondern für Millionen andere war mit Sicherheit auch Das Schicksal ist ein mieser Verräter eines der Bücher des Jahres. Ich springe sonst ungern auf fahrende Züge, denn man kann nie wissen, auf welchen Abgrund sie zusteuern, aber hier muss ich, wie viele andere wahrscheinlich auch, eine Ausnahme machen. John Green hat mich einfach begeistert und berührt, Hazel und Augustus werden mir vermutlich noch lange über dieses Jahr hinaus im Kopf bleiben. Wer es also noch nicht gelesen hat, weil ihm dieser ganze Rummel drumherum unangenehm war, kann sich das für’s nächste Jahr vornehmen. Heutzutage hat ja jeder Rummel eine erschreckend geringe Halbwertszeit.

Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und damit irgendwie auch mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, ist Milena Michiko Flašar und ihr Roman Ich nannte ihn Krawatte. Ich habe diesen Roman zugegebenermaßen nicht wahrgenommen, bevor ich ihn selbst, mehr durch Zufall denn geplant, irgendwann im Sommer gelesen habe. Ich stand etwas unentschlossen vor unserem Regal mit Leseexemplaren, der Titel gefiel mir und so steckte ich es einfach ein. Zum Glück, denn andernfalls wäre mir wahrscheinlich ein sehr menschlicher und sprachlich brillianter Roman entgangen.

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Auch Pola von Daniela Dröscher möchte ich hervorheben. Wunderbar zu lesen, faszinierend und unterhaltsam, hat Daniela Dröscher hier die Geschichte der Stummfilmschauspielerin Pola Negri erzählt. Ein Buch, das ich jederzeit weiterempfehlen oder verschenken würde und dem ich wünsche, dass noch wesentlich mehr Leser darauf aufmerksam werden. Hatte ich mich zuvor nicht im Geringsten für den Stummfilm oder dessen Schauspieler interessiert, eröffnete mir dieses Buch eine ganz neue, kleine Welt – und den Blick auf eine eher exzentrische Dame.

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Das witzigste Buch dieses Jahres habe ich vermutlich Tilman Rammstedt zu verdanken. Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters haben, trotz ihrer Kürze, dermaßen Spaß gemacht, dass es mit Sicherheit nicht mein letztes Buch von Tilman Rammstedt sein wird. Vielleicht sehe ich mir ja auch mal einen Film mit Bruce Willis an. Und schmunzle vor mich hin. Oder halte demnächst einen kurzen Moment inne, wenn ich eine Bankfiliale betrete. Schließlich könnte auch da so ein genügsamer Mann hinter’m Schalter stehen, der einfach aus seinem Gefängnis alltäglicher Mittelmäßigkeit und Einsamkeit nicht anders auszubrechen weiß, als seine eigene Bank zu überfallen. Oder eben darüber nachzudenken.

Schöne Lesestunden haben mir auch folgende Autoren beschert, die wenigstens Erwähnung finden müssen, wenn ich sie schon nicht mit Text und Bild erwähnen kann – schließlich soll das ja hier auch noch jemand lesen wollen und können, ohne einen ganzen Vormittag dafür zu opfern: Emmanuel Carrère („Limonow“), Benjamin Lebert („Im Winter dein Herz“), Kathryn Stockett („Gute Geister“), Timur Vermes („Er ist wieder da“), John Lanchester („Kapital“), Vladimir Sorokin („Der Schneesturm“), Arezu Weitholz („Wenn die Nacht am stillsten ist“) und Rachel Joyce („Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ – ja, ich steh dazu! .. auch wenn Dennis Scheck es blöd fand)

Ich wünsche euch allen miteinander ein frohes Weihnachtsfest, besinnliche Stunden mit euren Lieben, viele schöne Büchergeschenke und ein tolles Lesejahr 2013!

6 Kommentare

  1. Was für eine schöne Zusammenfassung deines Lesejahres, liebe Sophie! 🙂 Ich freue mich sehr darüber, dich entdeckt zu haben und schon viele gute Tipps bei dir gesammelt zu haben. Noch mehr freue ich mich darüber, dass wir einen ähnlichen Geschmack haben: „Wenn die Nacht am stillsten ist“ habe ich auch unter den Jahreshighlights, genauso wie den Bruce-Willis-Roman … viele andere deiner genannten Bücher habe ich hier bereits liegen und sie freuen sich darauf, möglichst bald gelesen zu werden. Besonders 1913 möchte ich ganz schnell in Angriff nehmen, wenn alle lästigen Pflichten erledigt sind. 😉

    • Vielen, vielen Dank, Mara. Dass sich unsere Geschmäcker ziemlich ähneln, habe ich auch schon öfter festgestellt, umso besser, so kann man am besten voneinander „profitieren“ – wobei das ein zu wirtschaftliches Wort für die Sache ist. Ich bin sehr gespannt, was du zu 1913 sagen wirst. (:

      • Das stimmt! 🙂 Bei meinem vorherigen Kommentar vergaß ich übrigens noch Pola, die letzte Woche als „Gewinn“ bei mir eingetrudelt ist und wo ich mir erst noch unsicher war, ob es mir wirklich gefallen würde … dank deinen positiven Worten hier bekomme ich noch mehr Lust dazu, das Buch in die Hand zu nehmen. Und ich finde es übrigens toll, dass du zu Rachel Joyce „stehst“ … bei mir steht das Buch auch schon, bisher noch ungelesen, aber ich freue mich bereits darauf!

  2. katja1982 sagt

    Ah, noch ein weiterer Rückblick und eine schöne Auswahl, die sich von unserer sehr unterscheidet, weil du mehr Neuerscheinungen besprichst. So habe ich noch einige Bücher gefunden, die du mir schmackhaft machen konntest. 1913 will ich unbedingt bald lesen – in Auszügen schon getan. Wenn du magst, kannst du ja mal bei unserem Jahresrückblick vorbeischauen – Liebe Grüße von Katja

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