Graphic Novel
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Martin Rowson – Tristram Shandy

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Martin Rowson ist ein britischer Comiczeichner, Autor und Satiriker. Er zeichnet für The Guardian und The Independent, häufig in politisch satirischer Art. Er wuchs als Adoptivkind im Nordwesten Londons auf und studierte Literatur. Laurence Sterne (1713 – 1768) war ein englischer Schriftsteller und Pfarrer, der mit seinem Tristam Shandy wohl einen der größten Antiromane der Literaturgeschichte geschrieben hat.

Wo soll ich nur anfangen? Nasen? Leistenblessuren? Krieg? Mit der Tatsache, dass ganz falsche Namen manchmal einen ganzen Lebensweg in die eine oder andere Richtung beeinflussen? Dieses Comic ist wahrscheinlich das irrsinnigste, was ich jemals gesehen oder gelesen habe und obwohl das durchaus positiv und anerkennend gemeint ist, muss ich sagen, dass ich selten bei einer Lektüre dieser grafischen Art so gefordert war. Mitunter rauchte mir nahezu der Kopf und das, obwohl …

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Eigentlich soll es doch um das Leben und die Ansichten Tristram Shandys gehen, doch eigentlich geht es darum überhaupt nicht. Das allerdings ist auch bei Laurence Sterne selbst nicht anders. Es dauert lange, bis Shandy überhaupt geboren wird. Zuvor wird sich erstmal mit der richtigen Geburtshilfe auseinandergesetzt – Hebamme oder Mann der Wissenschaft -, mit dem richtigen Namen, auf keinen Fall dürfe der Sohn einen so belanglosen Namen tragen, der bisher keinem großen Manne der Weltgeschichte jemals zu Ruhm und Ehre gereicht hätte. Und mit dem Geburtsvorgang an sich. Käme das Kind mit dem Kopf zuerst, bestünde das Risiko gefährlicher Kopfverletzungen durch Quetschungen der mütterlichen … Unterleibsmuskulatur.

Apropos Unterleib, Onkel Toby, Bruder von Walter Shandy, Tristrams Vater, hat auf dem Schlachtfeld eine fürchterliche Blessur in der Leistengegend davongetragen. Er ist nach diesem bedauerlichen Unfall zunächst bettlägerig und lässt sich die Pläne des Kriegsschauplatzes zukommen, um jedem, der danach fragt oder nicht, en detail auseinanderzusetzen, wo genau er diese Verletzung davongetragen hat. Und wie. Sehr viel mehr Aufmerksamkeit liegt also auf den Akteuren drumherum statt auf unserem titelgebenden Protagonisten. Und es kommt ja sowieso alles ganz anders, ganz falsch. Der Neugeborene hat eine eingedrückte Nase. Außerdem sollte er Trismegistus heißen, ncht Tristram, das war ein Versehen. Und das mit der Beschneidung war auch nicht so gedacht.

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Martin Rowson gelingt hier etwas wirklich Außergewöhnliches. Nämlich den Irr – und Unsinn des ursprünglich neunbändigen Originals in ein Comic zusammenfassen, ohne dabei völlig den Faden zu verlieren – wie es dem Leser dabei ergeht, ist nochmal eine ganz andere Frage. Ich gebe zu, das Original selbst noch nicht gelesen zu haben, dennoch war es mir möglich, das Grundgerüst der Handlung zu verstehen. Zwischendurch taucht immer wieder der Autor zwischen den Bildern auf, sodass in all dieser zeichnerischen Vielfältigkeit – zum Teil bräuchte man wahrscheinlich Stunden, um alle kleinen Details zu erfassen, die Rowson in seinen enorm kleinteiligen Bildern arrangiert – noch eine ganz andere Ebene entsteht. Dies ist wohl auch bei Sterne der Fall, was ihm durchaus die Ehre einbringt, Vorreiter der sogenannten romantischen Ironie in der Literatur zu sein. Schön, daran erinnert zu werden, dass das alles verdammte Fiktion ist! Soviel Humor, soviel zeichnerisches Geschick und soviel Absurdität, das muss man eigentlich gesehen haben. Dennoch empfehle ich es nur denen, deren Durchhaltevermögen ein größeres ist, auf diese Zeichnungen und auch den Inhalt muss man sich einlassen können und die vielleicht auch bereits die literarische Vorlage kennen … nicht umsonst habe ich es erst jetzt gelesen, obwohl das Buch mit Sicherheit schon seit eineinhalb Jahren in meinem Regal steht. Und ich ende mit der vollkommen zutreffenden Feststellung …

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