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Mark Twain – Knallkopf Wilson

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Mark Twain (1835-1910, eigentlich Samuel Langhorne Clemens) gehört wohl zu den bekanntesten amerikanischen Realisten. Berühmtheit erlangte er vorallendingen durch seine Geschichten um Tom Sawyer und Huckleberry Finn und seine Reisebeschreibungen. Seine humoristischen Erzählungen erfreuten sich großer Beliebtheit, jedoch gab es auch den gesellschaftskritischen und zynischen Twain, den man neben den gefälligen Abenteuergeschichten leicht vergisst. Knallkopf Wilson ist hierfür ein gutes Beispiel.

Mark Twain ist der bei weitem bedeutendste amerikanische Schriftsteller … Ich spreche mehr von dem Soziologen als von dem Humoristen Twain. Sicherlich ist er in fast derselben Lage wie ich. Er muss die Dinge so darstellen, dass die Leute, die ihn andernfalls hängen würden, glauben, er mache Spaß.

… sagte George Bernard Shaw über Mark Twain und hatte damit vermutlich nicht Unrecht. Knallkopf Wilson ist, trotz seines relativ geringen Umfangs, eine sehr vielschichtige und gewissermaßen auch genreübergreifende Erzählung. Man kann es als Kriminalgeschichte lesen, als bissige Satire auf den Südstaatendünkel zu Zeiten der Sklaverei, man kann es lesen als Streitschrift gegen eben jene Sklaverei oder als Geschichte eines Lebens, das bleibt jedem selbst überlassen. Ein bisschen was von allem findet sich in diesem Text.

Unsere Geschichte beginnt in dem beschaulichen Örtchen Dawson’s Landing am Mississippi. David Wilson, ein Mann schottischer Abstammung und Jurist, kommt aus New York nach Dawson’s Landing, um dort sein Glück als Anwalt zu versuchen. Doch bevor er überhaupt damit beginnen kann, eilt ihm aufgrund einer eher humoristischen Bemerkung seinerseits der Ruf voraus, ein Knallkopf zu sein, ein Spinner, den man auch seiner eigenartigen Hobbies wegen nicht ernstnehmen müsste. David Wilson ist Chiromantiker, er sammelt Fingerabdrücke, außerdem schreibt er an einer Art Almanach und sammelt dafür kluge Aphorismen, die er sich selbst ausdenkt. Und seine Äußerung war höchst banal …

Nicht gerade hübsch, sommersprossig und rotblond, hatte der junge Mann doch gescheite blaue Augen, die Offenheit und Kameradschaft verhießen und verschmitzt zwinkern konnten. Wenn nicht eine unglückliche Bemerkung seinerseits gefallen wäre, hätte er zweifellos sofort eine erfolgreiche Karriere in Dawson’s Landing begonnen. Doch er machte seine fatale Bemerkung gleich am ersten Tag, den er in der Stadt verbrachte, und sie „knebelte“ ihn. Er hatte sich gerade mit mehreren Bürgern bekannt gemacht, als ein unsichtbarer Hund zu jaulen, knurren und heulen begann und sich äußerst unliebsam aufführte, worauf der junge Wilson, ganz wie einer, der laut denkt, äußerte: „Ich wollt, mir gehörte der halbe Hund.“ – „Warum?“, fragte jemand. „Dann würd ich meine Hälfte umbringen!“

Seine Anwaltskanzlei bleibt erfolglos, weil ihm offensichtlich niemand die nötige Seriösität zutraut und er fristet viele Jahre als eine Art „Original“, jeder kennt und schätzt ihn, aber eben in seinem Ruf als Spinner und Sonderling. Die Geschichte legt dann ihren Fokus auf die Geschichte der Sklavin Roxana. Sie kümmert sich im Hause der Driscolls, einer angesehenen Familie aus Virginia, um die Kinder und muss nach einem Vorfall im Hause feststellen, wie schnell es passieren kann, dass man als Sklave in den Süden verkauft wird. Sie fürchtet um ihr Kind, fürchtet, dass ihm dasselbe Schicksal droht und so trifft sie eine folgenschwere Entscheidung. Sie tauscht das Kind der Driscolls gegen ihr eigenes und zieht den neugeborenen Herrn des Hauses in dem Glauben auf, ein Sklave und „Nigger“ zu sein. Das ist nur möglich, weil man ihr und ihrem Kind ihre schwarze Herkunft nicht ansieht, dennoch gilt sie qua ihrer Abstammung als Schwarze.

Ihr Kind, das sie nun Tom nennen muss, entwickelt sich zu einem fürchterlich charakterschwachen und herrischen Kind, das ihr schon bald über den Kopf wächst. Er weiß nicht, dass die Amme, die ihn bedient und die er abfällig als „Niggerin“ beschimpft, seine Mutter ist. In etwas fortgeschrittenem Alter, sein Vater ist gestorben und er lebt nun unter der Obhut seines Onkels, wird er spielsüchtig und mehrfach aufgrund seiner Schulden von besagtem Onkel enterbt. Er ist ein Unsympath durch und durch, ganz anders als die italienischen Zwillinge Angelo und Luigi Capello, die innerhalb kürzester Zeit zur größten Attraktion der kleinen Stadt avancieren.

Es ist schwierig, all die Wendungen zusammenzufassen, die sich im Zuge dieser Geschichte ergeben. Es kommt zum Mord an Toms Onkel, dem Richter Driscoll und zur grandiosen Aufklärung durch Knallkopf Wilson, der, anders, als es der Titel vermuten lässt, mehr Randbesiedlung dieser Geschichte als tatsächlich ihr Protagonist ist. Man kann sich bereits vorstellen, dass Fingerabdrücke eine große Rolle bei dieser Aufklärung spielen und interessanterweise ist Mark Twain damit seiner Zeit deutlich voraus. 1892 veröffentlichte Francis Galton , ein Cousin Charles Darwins, eine Abhandlung über Fingerabdrücke als individuelle körperliche Merkmale, allerdings war diese Methode zur Aufklärung von Verbrechen zum damaligen Zeitpunkt mitnichten gängige Praxis. Man ging sogar zu diesem Zeitpunkt noch davon aus, dass Fingerabdrücke sich je nach Rasse, Herkunft und Stand unterschieden. Diese Annahme führt Twain in seinem Roman ad absurdum.

Seine Charakterzeichnung und sprachliche Finesse machen es zur Freude, diesen Roman zu lesen. Toms Abstieg und die Enthüllung der Wahrheit über seine Herkunft mitzuerleben, ist nahezu eine Genugtuung. In diesem Roman finden sich Anleihen anderer literarischer Wegbegleiter. Wie auch bei Harriet Beecher-Stowe trägt der Protagonist den Namen Tom, nur, dass Beecher-Stowe in Onkel Toms Hütte einen ganz anderen Typus Sklaven zeigt als es Twain mit „Tom Driscoll“ tut. Wir finden Querverbindungen zu Sherlock Holmes, in der Präzision und Akribie, in der Wilson seine Forschungen betreibt und damit den Mordfall auflöst. Ja, er kehrt sogar das klassische Whodunit um und lässt den Leser genau wissen, von wem der Mord verübt wurde. So ja auch ganz klassisch zu sehen bei Columbo. Es geht nicht mehr um die Suche nach dem Mörder, sondern um den Fehler, der ihn überführt. Alles in allem eine unterhaltsame, sprachlich sehr ansprechende Lektüre, die ich nur empfehlen kann, wenn man Klassiker mag.

Bemühen wir uns, so zu leben, dass selbst der Bestattungsunternehmer trauert, wenn es mit uns zum Sterben kommt.

(Knallkopf Wilsons Almanach)

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