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Timur Vermes – Er ist wieder da

Timur Vermes ist ein deutscher Autor und Journalist. Er studierte Geschichte und Politik und schrieb für die „Abendzeitung“ und den „Kölner Express“ sowie einige andere Magazine. Seit 2007 veröffentlichte er als Ghostwriter vier Bücher.

Es ist wahrlich keine neue Idee, die Herr Vermes mit diesem Buch vorlegt. Witze über Hitler und den Nationalsozialismus erfreuen sich nicht erst seit Chaplins „Der große Diktator“ großer Beliebtheit. Auch Walter Moers muss in diesem Zusammenhang genannt werden, der mit seinen Adolf Comics den meisten vermutlich noch im Gedächtnis ist. Nicht wenige Filme verulken den Führer, zuletzt denke ich da an Helge Schneider. Es nimmt dem Unbegreiflichen, aber dennoch Omnipräsenten in unserer Gesellschaft den Schrecken und die Ernsthaftigkeit. Freilich kann man sich darüber streiten, ob man darüber Witze machen sollte – gemeinhin gilt ja bekanntlich seit Tucholsky: Satire darf alles.

Und so darf auch Timur Vermes Adolf Hitler im Sommer 2011 mitten in Berlin erwachen lassen. Warum und wie es eigentlich dazu kam, bleibt bis zum Schluss unegklärt und ist vielleicht für das Lesevergnügen auch eher zweitrangig. Selbstverständlich weiß der Herr Hitler weder, in was für einer Zeit er sich befindet noch ist ihm bewusst, dass der Krieg längst vorbei und er selbst nur noch Gegenstand sich ständig wiederholender Geschichtsdokumentationen ist. Er landet in einem Zeitungskiosk, wo er zunächst angesichts des Datums in Ohnmacht fällt, dann aber vom völlig erstaunten Kioskbesitzer mit einem Glas Wasser und einem Müsliriegel wieder aufgepeppelt wird.

„Nein, wirklich“, meinte er, „ich habe den Untergang gesehen. Zweimal. Bruno Ganz, der Mann war exzellent, aber an Sie kommt er nicht ran. Die ganze Haltung … man könnte meinen, Sie wären es.“ Ich blickte auf. „Ich wäre was?“ „Na, als wären Sie der Führer!“ Dabei hob er beide Hände, legte Mittel – und Zeigefinger jeweils zusammen, krümmte sie vornüber und zuckte mit ihnen zweimal auf und ab. Ich mochte es kaum glauben, aber es schien so, dass dies nach sechsundsechzig Jahren alles war, was vom einstmals strammen Deutschen Gruß noch existierte. Es war erschütternd, aber immerhin ein Zeichen, dass mein politisches Wirken zwischenzeitlich nicht vollkommen folgenlos geblieben war. Ich klappte den Arm zurück, den Gruß erwidernd: „Ich bin der Führer.“ Er lachte wieder: „Wahnsinn, das wirkt so natürlich!“ 

Es kommt, wie es kommen muss. Selbstverständlich glaubt dem Herrn Hitler niemand, dass es sich bei ihm tatsächlich um den Führer handelt und doch ist jeder beeindruckt ob seines originalgetreuen Habitus. Der Kioskbesitzer pflegt den einen oder anderen Kontakt zum Fernsehen und so geschieht es nahezu selbstverständlich, dass Hitler zunächst Teil einer Fernsehshow wird und dann eine ganz eigene erhält. Die Resonanz ist überwältigend. Stück für Stück lernt Hitler die gesellschaftlichen Gepflogenheiten und technischen Errungenschaften unserer Zeit kennen, den Fernseher, den Computer, das Oktoberfest und auch die kläglichen Überreste fanatischen Deutschtums – die NPD. Er bekommt auch eine Sekretärin an die Seite gestellt, die, in dem Glauben, dass es sich bei seinen „Programmen“ um Satire wider des Vergessens handelt, eifrig am Aufbau der neuen Bewegung mitarbeitet.

Dann wandte sie sich wieder mir zu. „Wat hamse sich denn so vorjestellt, Meesta?“ Ich seufzte. Sie also auch. Ich musste wohl ganz von vorn anfangen. „Zunächst“, sagte ich, „heißt das nicht Meister, sondern Führer. Also ‚Mein Führer‘, wenn Sie möchten. Und ich möchte, dass Sie anständig grüßen, wenn sie hier hereinkommen.“ „Jrüßen?“ „Mit dem Deutschen Gruß natürlich! Mit dem erhobenen rechten Arm.“ Begreifend leuchtete ihr Gesicht auf, dann war sie mit einem Satz auf den Beinen: „Ick hab det ja jewusst! Jenau det isset doch! Messed Ekting! Soll ick et jleich ma‘ machen?“

Ich nickte zustimmend. Sie eilte aus der Tür, schloss sie, klopfte an und als ich ‚Herein‘ sagte, trat sie ein, riss ihren Arm senkrecht in die Höhe und schrie: „JUTEN MORJEN, MEEN FÜHRA!“ Und dann fügte sie hinzu: „Det jehört so jeschrien, wa? Ick hab det ma‘ innem Film jesehen.“ Dann hielt sie erschrocken inne und brüllte: „ODA JEHÖRT DET ALLET JESCHRIEN? HAM DIE BEI DEM HITLA IMMA ALLE DAUERND JESCHRIEN?“ Sie musterte mein Gesicht und sagte wieder in einer besorgten, aber normalen Stimmlage: „Det war jetz ooch wieder falsch, oda? Det tut ma leid! Nehmn Sie jetze wen anderet?“

Viel der Komik entsteht aus konsequenten Missverständnissen zwischen Hitler und seiner Umgebung. Während man ihn für ein ziemlich konsequentes Double und einen herausragenden Gesellschaftskritiker hält, plant Hitler bereits mit allen ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten die Übernahme der politischen Geschicke. Und trotzdem es hier einige Längen und Plattitüden gibt, die nicht hätten sein müssen, habe ich mehrfach schallend gelacht. Vermes schafft es nicht nur, Hitler hier als überzeugenden Kritiker der Gesellschaft darzustellen, sondern durch die breite Anerkennung seiner Person auch noch auf einer ganz anderen Ebene Kritik zu üben. Zwar regen sich hier und da kritische Stimmen über den Mann, der in seiner Show so deutlich nationalistisch und antisemitisch gefärbte Aussagen ins Publikum schleudert, doch meint die gesamte Presselandschaft darin sehr schnell eine Genialität zu erkennen, die ihresgleichen sucht! Von nirgendwo erfährt Hitler die nötige Gegenwehr. Einzig die Bildzeitung – schon das ist ironisch genug – beklagt sich zunächst noch über diese Geschmacklosigkeit, bis es zum gesellschaftlichen Konsens gehört, dass dieser Mann, der sich Adolf Hitler nennt, ein künstlerisches Genie ist.

Insgesamt ein sehr unterhaltsames und auch sprachlich überraschend hochwertiges Buch! Aus der Sicht Hitlers geschrieben finden sich natürlich auch einige Sätze darin, über die man zunächst stolpern muss, aber wer aus der Wahrnehmung eines Antisemiten heraus unsere Gesellschaft beschreibt, kann nur auf diese Weise authentisch gezeichnet werden. Und nicht zuletzt muss auch der Verlag lobend erwähnt werden, der mit der Gestaltung des Buches eindeutig für einen Lacher sorgt, bevor man es überhaupt aufgeschlagen hat. Es kostet nämlich 19, 33 Euro.

7 Kommentare

  1. Hallo Sophie,
    herzlichen Dank für diese tolle Besprechung. Erst gestern habe ich eine ähnlich überzeugende Rezension auf einem anderen Blog zu diesem Buch gelesen. Bisher hatte ich den Titel noch nicht im Fokus, da ich humoristische Bücher eigentlich eher nicht mag. Die Rezensionen, die ich zuletzt gelesen habe, haben mich aber umgestimmt.
    Schwierig finde ich die Tatsache, dass Adolf Hitler (wenn ich alles richtig verstanden habe) schon ein Stück weit als Sympathiefigur dargestellt wird und da frage ich mich einfach, ob so etwas in der Kunst erlaubt sein sollte und wo da auch die Grenzen liegen. Hmmm.
    Viele Grüße
    Mara

    • Ich muss sagen, mir war Hitler als Figur nicht sympathisch. Ich musste eher über diesen völlig anachronistischen Mann lachen, der zum Teil, ungewollt natürlich, sehr treffende Beobachtungen macht. Allerdings macht ihn das, für mich jedenfalls, nicht automatisch sympathisch. Freut mich zu hören, dass die Rezension (gemeinsam mit der anderen) ein bisschen näher an das Buch herangerückt haben. Darf ich fragen, wo du die andere Rezension gelesen hast? Würde mich auch mal interessieren.

      Lieben Gruß,
      Sophie

    • Danke Dir für die Adresse. (;

      Ja, Hitler als Sympathieträger ist in der Tat schwierig, andererseits denke ich auch, dass die konsequente Darstellung als völlig emotionsloses Monster auch nicht der Realität entspricht. Die zahlreichen Hitlerdokus auf n.tv und N24 leisten schon ihren Beitrag dazu, dass wir nicht vergessen, wie unglaublich böse Hitler war. Dennoch ist es vielleicht nicht verkehrt, einen anderen Ansatzpunkt zu wählen und aus dem Monster, trotz allen unbestrittenen Grauens, wieder einen Menschen zu machen.

  2. Eine wirklich sehr schöne und ausführliche Rezension. Ich finde auch, dass Timur Vermes es geschafft hat, sehr konsequent und authentisch aus der Sicht Hitlers zu schreiben. Ich musste mir das als Leserin immer wieder mal vor Augen halten. Ich hatte auch den Eindruck, dass er sich sehr mit Hitlers Reden beschäftigt hat.
    @Mara von buzzaldrinsblog: Ich fänd es spannend, auch bald Deine Meinung lesen zu können. 😉

    Liebe Grüße von der Tintenelfe

    • Liebe Tintenelfe,

      vielen Dank für deinen Kommentar! Ich habe auch deine Rezension zu dem Buch gelesen, die ich vollkommen unterschreiben kann. Ich fand es in der Tat auch sehr gelungen, dass sich Hitler gen Ende nicht etwa erweichen ließ, diese konsequente Charaktergestaltung betrachte ich als große Stärke des Romans. Ein anderer hätte ihn vermutlich angesichts der Familiengeschichte des Fräulein Krömeiers weich werden lassen.

      Würde mich jedenfalls freuen, dich in Zukunft öfter bei mir zu lesen. (:

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