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Raymond Carver – Würdest du bitte endlich still sein, bitte

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Raymond Carver (1938-1988) war ein amerikanischer Schriftsteller. Er studierte am Chicago State College Creative Writing und veröffentlichte zu Lebzeiten in vielen Zeitschriften seine Kurzgeschichten. Carver wird dem literarischen Minimalismus zugerechnet. Zu großer Berühmtheit gelangte Carver durch den Erzählband Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden, der auch im Rahmen des Fischer Klassiker Programms neu gestaltet veröffentlicht wurde. Carver thematisierte das Leben des armen, weißen Amerikaners, der verzweifelt und von persönlichen Tragödien gezeichnet an eben diesem Leben zerbricht.

Raymond Carver ist ein schwieriges Kapitel. Spricht man von ihm, muss man unweigerlich auch seinen Lektor Gordon Lish erwähnen, der, nach heutigem literaturwissenschaftlichen Stand, mehr als nur kleine Schönheitskorrekturen an Carvers Texten vorgenommen hat. Das behalten wir im Hinterkopf, wenn wir von Carvers lakonischem Stil sprechen. Seine Themen – Alkoholsucht, Verrat, Betrug, Gewalt, Verzweiflung und Einsamkeit – sind Themen, die ihn wohl auch in der ein oder anderen Weise selbst betroffen haben. Carver kam aus dem Milieu, für das er schrieb. Seinen Geschichten haftet eine Schwere an, die schwierig in Worte zu fassen ist.

Charakteristisch für diesen oben abgebildeten Erzählband scheint zu sein, dass es in Carvers Geschichten viel mehr um das geht, was er nicht sagt als um das, was er uns zeigt. Es gelingt ihm, dass sich bei mir, während des Lesens und parallel zur geschilderten Handlung noch eine zweite Geschichte auftut, nämlich die Geschichte hinter der Geschichte. Was treibt die Protagonisten an? Was hat sie so voneinander separiert? Es sind traurige Momentaufnahmen, die das Wichtigste unerwähnt lassen. Die Sprache ist nicht eben poetisch, ihr haftet immer etwas Nonchalantes und Gleichgültiges an, als wollte sie sagen: Eigentlich ist das doch alles scheißegal, es bedeutet nichts, aber wo wir schonmal hier sind, kann ich es auch erzählen ..

Manchmal entwickelt sich allerdings auch eine Bildhaftigkeit, die beinahe nicht zum Rest der Texte passen mag.

An diesem Nachmittag kam Wind auf, der Regenböen brachte und die Enten in schwarzen Explosionen vom See aufscheuchte, sie nach den stillen Tümpeln drüben im Gehölz suchen ließ. Er war hinter dem Haus und spaltete Feuerholz und sah die Enten über den Highway ziehen und im Sumpf hinter den Bäumen niedergehen. Er beobachtete sie, es waren Gruppen von einem halben Dutzend darunter, aber meistens flogen sie zu zweit, ein Flug nach dem andern. Drüben über dem See war es schon dunkel und dunstig, und er konnte die andere Seite, wo die Sägemühle war, nicht erkennen. Er arbeitete schneller, trieb den eisernen Keil heftiger in die dicken, trockenen Klötze und spaltete sie so tief, dass sie, wenn sie morsch waren, auseinanderflogen. An der Wäscheleine seiner Frau, die zwischen zwei Zuckerkiefern gespannt war, knallten Laken und Decken wie Schüsse im Wind.

Es ist auffällig, dass Carver für die sprachliche Ausgestaltung eines Textes nicht viel übrig hat. Er schreibt pragmatisch, die ein oder andere Metapher verirrt sich in diesen grob behauenen Sprachblock. Aber alles andere ist so nüchtern wie schnörkellos. Ich musste mich an diese Schnörkellosigkeit erst gewöhnen, sodass es mir mitunter schwerfiel, in die Geschichten hineinzufinden. Selten hatte ich beim Lesen eines Textes so sehr das Gefühl, dass ich als Leser eigentlich zweitrangig bin. Und wie ich das finde, ist nicht eindeutig zu beantworten. Es spiegelt ein wenig das Gefühl der Protagonisten und das scheint mir ein interessanter (möglicherweise beabsichtigter) Nebeneffekt zu sein. Andererseits liegt einem das ganze Buch in seiner Gesamtheit nach Beendigung der Lektüre doch ein bisschen schwer im Magen, weil es soviel Hoffnungslosigkeit verbreitet. Carver ist vermutlich für Leser, die sich für Naked Lunch begeistern können. Zwar hat er nichts von diesem Lebenshunger eines Kerouac, aber dafür viel von der Destruktivität eines Burroughs. Dieser Erzählband enthält zweiundzwanzig Kurzgeschichten – und wen es nach Fatalismus dürstet, dem sei Carver herzlichst empfohlen.

Mit einer Flasche Whiskey.

3 Kommentare

  1. Schön, dass ich bei dir etwas über Carver finde. Ich kenne noch nichts von ihm, habe aber genau dieses Buch bereits im Regal stehen – bis jetzt noch nicht. Ich habe eine Schwäche für hoffnungslose, düstere Bücher, die einem nach der Lektüre noch einige Zeit wie ein Stein im Magen liegen. ‚Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden‘ möchte ich schon allein aufgrund des Titels lesen, die ich bei Carver einfach genial finde. Kennst du es schon?

  2. „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“ habe ich noch nicht gelesen. Und witzig, dass du die Titel erwähnst, letztlich bin ich einzig wegen des Titels auf Carver aufmerksam geworden. Gerade in der neuen Gestaltung, mit den Gemälden Edward Hoppers, fand ich das einzig und allein erstmal äußerlich ansprechend.

  3. carver… danke für die rezi, gibt mir vllt den schwung, meinen carver-erzählband auch mal vorzustellen…. hab mich bis jetzt nicht getraut, der er mich förmlich anfleht, endlich still zu sein…. 😉

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