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Martin Walser – Das dreizehnte Kapitel

Martin Walser ist ein deutscher Schriftsteller. Er studierte Literaturwissenschaft, Geschichte & Philosophie. Walser setzte sich in den 60er Jahren wie viele Linksintellektuelle für die Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler ein, sprach sich deutlich gegen den Vietnamkrieg aus und galt damals als Sympathisant der DKP, obwohl er ihr niemals angehörte. In den letzten Jahren machte er allerdings eher im Zusammenhang mit dem Holocaust und dessen angeblicher Instrumentalisierung von sich reden.

Es war mein erster Roman von Martin Walser. Ich wusste mitnichten, was mich erwartet und hätte ich es vorher gewusst, wäre meine Entscheidung hinsichtlich seiner Lektüre möglicherweise eine andere gewesen. Erzählt wird die hier zu rezensierende Geschichte überwiegend in Briefen. Es ist quasi ein moderner Briefroman, bloß nicht ganz so tragisch wie der Werther – aber mindestens genauso gefühlsduselig!

Der Autor Basil Schlupp – ich fühlte mich angesichts dieses Namens immer wieder unwiderruflich in einen Roman Dürrenmatts geworfen – und seine Frau Iris besuchen den Bundespräsidenten. Nicht etwa soll der Autor für sein Werk geehrt werden, sondern ein Wissenschaftler namens Korbinian Schneilin, der in Begleitung seiner Frau erscheint. Einer Theologin, die dem Herrn Schlupp gehörig den Kopf verdreht, obwohl er während des ganzen Empfangs kein Wort mit Maja Schneilin wechselt. Von einer Situation abgesehen, in der er sich abfällig über deutsche Weine äußert und das zu einer allgemeinen Tischdebatte ausartet. Aber auch die klingt letztlich so schnell aus wie sie angebrandet ist.

Weil er Frau Schneilin nach dem Empfang beim Bundespräsidenten nicht vergessen kann, beginnt er, ihr Briefe zu schreiben. Briefe, die von denkwürdigen Komplimenten nur so wimmeln. Mein absolutes Highlight war zweifellos: Und ihre Haare. In Form und Farbe dieses Nein zu jeder Frisur. Welche Frau fühlte sich davon nicht sanft geschmeichelt? Und Sie, als wüssten Sie alles. Und ganz genau so: als wüssten Sie nichts. Sie sind die raffinierteste Einfalt, die sich denken lässt.  Und auch hier wieder – dieses fröhliche Tänzeln immer knapp vorbei an einer Beleidigung! Freilich will der Herr Schlupp damit nur sagen, dass die Frau Schneilin einfach alles für ihn ist, raffiniert und einfältig zugleich und dass gerade das ihn so ergreift. Dennoch. Ein gut platziertes und formuliertes Kompliment sieht anders aus.

Was nun folgt, sind Wortspielereien. Endlose. Frau Schneilin antwortet ihm und Stück für Stück werden die Briefe immer intimer und leidenschaftlicher. Beide sind in glücklichen Ehen, sodass sie sich von Ferne auf dem Papier anschmachten, unterschreiben mit der Verratssüchtige, Ihr Anempfinder, Ihre Teilhaftige, Ihr heute Ausgelieferter, Die Gelieferte, Dein Dir ganz und gar Gehörender. Die Liste ließe sich noch um einiges ergänzen. Sie vertrauen sich Dinge aus ihrem Leben an. Erfahrungen. Ansichten. Jedoch niemals die nahezu dichterische Fassung verlierend. Immer wieder hat man mehr das Gefühl, hier male ein Künstler akribisch ein Bild.

Passagen wie:  Was ich nicht denken will, denke ich nicht. Offenbar soll ich auch an das denken, an das ich nicht denken will. Dafür gibt es ahndende Wörter. Da soll herausgebracht werden, warum ich an das und das nicht denken will. Als wäre da eine erkundende Bemühung nötig. Ich kann mühelos aufzählen, an was ich nicht denken will. Das muss ich mir nicht kritisch erklären lassen, warum ich an das und das nicht denken will. Ich sage keinem Menschen, an was ich nicht denken will. Es sind lauter Gedanken, die ins Unangenehme führen? Muss ich an etwas denken, was mich, wenn ich daran denke, leiden macht?

… sind keine Seltenheit! Passagen, in denen Worte sich ineinander verschlingen wie zwei raufende Tiere und man eigentlich nichts mehr außer hektischen Bewegungen sieht. Der Inhalt geht flöten. Sehr laut. Und hinterlässt eine verdorrte Ebene der Sprachonanie, in der es kein Wasser zu trinken, sondern nur ein umwerfend schönes Bild von Wasser zu sehen gibt! Will sagen: Wir lesen hier immer wieder von den großen Gefühlen, ohne, dass sie beim Leser wirklich ankommen. Vielleicht bin ich aber auch einfach nicht alt genug für derlei Liebesbekundungen.

Irgendwo geht es dann auch noch um Korbinian Schneilins Krebserkrankung. Die Briefe brechen plötzlich ab, um, als sie wieder einsetzen, plötzlich vollkommen irritierend datiert zu sein. Es geht um eine alte Freundschaft, die unwiderruflich zerbrochen ist. Also grundsätzlich um menschliche und weitgehend alltägliche Themen. Mich erreichte nichts davon. Ich mag schöne Sprache, aber spätestens dann nicht mehr, wenn sie zum Selbstzweck verkommt und auf Kosten der Authentizität geht. Ich möchte nichts über Martin Walser im Speziellen sagen, denn dafür bin ich zu wenig bewandert in seinem Schaffen, aber dieses Buch war – für mich – nahezu von vorn bis hinten eine Quälerei!

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