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Jasper Fforde – Der Fall Jane Eyre

Jasper Fforde ist ein britischer Autor und Kameramann. Hauptberuflich arbeitet Fforde als Kameraassistent. Der Fall Jane Eyre war 2001 sein Debütroman, mittlerweile gibt es rundum die LitAg Thursday Next bereits sieben Bände. Fforde entwirft in seinen Romanen immer alternative Welten, in denen sich Elemente der tatsächlichen Realität mit fiktionalen Begebenheiten mischen. Es finden sich immer Anklänge mehrerer Genres und so ist Jasper Fforde schwerlich in seinem Schaffen einzuordnen.

Dieses Leseerlebnis verdanke ich einem Kunden, den ich nicht einmal namentlich kenne. Er kam eigentlich zu uns, weil er etwas irgendwie Abgedrehtes suchte. Sowas wie Douglas Adams oder Walter Moers. Oder eben wie Jasper Fforde. Denn der Auftakt rund um die SpecOps-Agentin Thursday Next ist mit irgendwie durchgeknallt noch wohlwollend umschrieben. Aber schon der Einleitungssatz brachte mich zum Schmunzeln.

Mein Vater hat ein Gesicht, das eine Uhr stoppen kann.

Wir befinden uns in einer Gesellschaft, die von einer Gruppe Spezialagenten kontrolliert wird. Es gibt nicht nur Agenten, die sich um Literatur und deren Raub und strafrechtlich relevante Vervielfältigung kümmern, sondern auch solche, die fachübergreifende Kompetenzen besitzen, solche, die mit den Gestalten der Nacht betraut sind, solche, die sich um die ganz speziellen Fälle kümmern und zuletzt noch solche, von denen man gar nicht weiß, welche Aufgaben sie eigentlich haben. Thurdays Vater gehört zur ChronoGarde, einer SpecOps-Einheit, die sich durch die Zeit bewegen kann. Thursday selbst ist LitAg, eine Art Literaturagentin.

Seit 131 Jahren tobt der Krimkrieg. Nahezu jeder war irgendwann einmal Kriegsveteran. So auch Thursday, die auf dem Schlachtfeld ihren Bruder verlor. Und noch zu Zeiten unserer Geschichte grassiert die wahnhafte Überzeugung, dass dieser Krieg gerechtfertigt sei und man ihn mit neuer Rüstungstechnik sicherlich gewinnen könnte. Die Geschichte beginnt mit dem Diebstahl eines Originalmanuskripts. Charles Dickens‘ Martin Chuzzlewit. Niemand hat irgendetwas gesehen oder gehört, die Überwachungskameras haben nichts aufgezeichnet und an dem Tresor ist nichts zu sehen.

Bald schon machen wir Bekanntschaft mit dem Bösewicht in diesem Spiel. Acheron Hades. Früher an derselben Universität wie Thursday hat er sich nun dem Bösen verschrieben, und zwar dem Bösen um seiner selbst willen. Er wird wegen Mordes und Diebstahls in mehreren Ländern gesucht, scheint aber besondere Fähigkeiten zu besitzen, die es ihm immer wieder ermöglichen, dem sehr langen Arm des Gesetzes zu entkommen. So auch im Fall Martin Chuzzlewits. Nach einem grausam gescheiterten Einsatz, bei dem zwei Kollegen Thursdays ums Leben kommen und Acheron fliehen kann, entscheidet sich Thursday für eine Versetzung in die Kleinstadt Swindon, in der – im Gegensatz zu London – herzlich wenig los ist. Doch sie hatte im Krankenhaus eine Art Vision, in der sie sich selbst dazu riet, sich nach Swinon versetzen zu lassen.

Mithilfe einer genialen Erfindung, die ausgerechnet Thursdays Onkel Mycroft entwickelt hat, gelingt es Acheron, in Romane einzudringen und Charaktere sterben zu lassen. So auch Mr. Quaverley aus Dickens‘ Martin Chuzzlewit. Hochbrisant wird es schließlich, als Acheron das Originalmanuskript von Brontës Jane Eyre in die Finger bekommt. Es beginnt ein gnadenloser Wettlauf gegen die Zeit. Denn in einer Welt, in der die Literatur so wichtig genommen wird, dass sie speziell ausgebildete Agenten braucht, ist es unvorstellbar, eine Romanfigur wie Jane Eyre zu verlieren. Auch im Roman selbst verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

Was jetzt im ersten Augenblick vermutlich himmelschreiend albern oder vollkommen verworren klingt, lässt sich überraschend leicht antizipieren. Es macht Spaß, in diese alternative Welt einzutauchen und sich nur einen Moment lang vorzustellen, es gäbe eine Maschine, durch die man in Romane eindringen und mit den Protagonisten kommunizieren kann. Schon das allein ist einen Gedanken wert. Dazu noch dieser Gesellschaftsentwurf, der in Teilen unsere jetzige Gesellschaft spiegelt, sie manchmal auch etwas überzeichnet, aber niemals völlig die Bodenhaftung verliert. Es ist eine wilde Mischung aus Douglas Adams, Lewis Carroll, 1984 und Terry Pratchett. Oder so. Nur mit Literatur. Wer sich in ihr auskennt, kann doppelt soviel Spaß mit Thursday haben. Ein gelungener Auftakt! (und ich bin gespannt auf die anderen Teile!)

4 Kommentare

  1. Auch auf die Gefahr hin, Dich zu desillusionieren – leider kann Fforde nicht halten, was er mit seinem Erstling versprach. Ich war ebenso begeistert wie Du von der „Jane Eyre Affair“, aber alles, was mir sonst noch so von ihm in die Finger fiel, war dagegen herb enttäuschend.. Schade! Aber ich gespannt, ob Du das ebenso siehst. (-;
    T.

  2. Liebe T.,

    danke für deinen Kommentar! Ich hab den zweiten Teil noch hier liegen, aber erst ein paar Seiten angelesen. Dann bin ich ja mal gespannt, ob ich deinen Eindruck teilen kann. Und keine Sorge, du desillusionierst mich doch nicht. ^^

  3. Also mir haben die Folgebände aller sehr gut gefallen, obwohl man sagen muss, dass die Fantasie und der Witz aus Teil 1 nicht mehr ganz erreicht werden…Toll und fesselnd bleiben die weiteren Bände aber trotzdem 🙂

    Liebe Grüße

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