Romane
Kommentare 2

Ian McEwan – Der Zementgarten

Ian McEwan ist ein britischer Schriftsteller. Als Sohn eines Berufssoldaten verlebte er seine Kindheit an wechselnden Stützpunkten in Libyen, Singapur und England. Er studierte Literatur und besuchte bei den Autoren Malcom Bradbury und Angus Wilson einen Kurs für Kreatives Schreiben. Seit er mit dem Kurzgeschichtenband Erste Liebe, letzte Riten (1975) Erfolg hatte, wurde er mit nahezu jedem englischen Literaturpreis ausgezeichnet. Der Zementgarten schrieb er 1978.

Der Zementgarten ist beklemmend, verstörend und absolut hässlich. Es ist ein Buch, was ausschließlich aufgrund seiner Abgründigkeit solange im Gedächtnis mäandert. Eigentlich ist es ein Buch, was weh tut. Eine sechsköpfige Familie lebt etwas abgeschieden am Stadtrand. Es gibt keine Freunde, keine Bekannten. Die vier Geschwister Jack, Tom, Sue und Julie leben mit ihren Eltern dermaßen abgeschirmt und ohne jeden Kontakt zur Außenwelt, dass man beinahe meinen könnte, es existiere auch gar keine Außenwelt, mit der sie in Kontakt treten könnten.

Mit dem Eintritt in diese Geschichte steigen wir gewissermaßen hinab in ein Paralleluniversum. Der Vater ist schon lange nicht mehr bei guter Gesundheit und stirbt eines Tages bei dem Versuch, um sein Haus herum einen Zementgarten anzulegen, der, wie er meint, so pflegeleicht ist, wie es seinem gesundheitlichen Zustand und dem seiner Frau entspräche. Er ordert Tonnen Zement und beginnt auch mit den entsprechenden Arbeiten, kippt aber letztlich unspektakulär in den feuchten Zement und ist tot.

Doch damit nicht genug, kurz danach stirbt die Mutter der vier Kinder an Krebs. Die älteste Tochter Julie weiß schon lange um den Zustand der Mutter und ist schrittweise darauf vorbereitet worden, sich um den Haushalt zu kümmern und ihre Geschwister zu versorgen. So fällt es ihr zwar nicht schwer, die Rolle ihrer Mutter einzunehmen, doch statt die Polizei zu rufen, nachdem sie den Tod ihrer Mutter festgestellt haben, zementieren sie den Körper in einer Kiste im Keller ein. Aus lauter Angst, andernfalls auseinandergerissen und in Pflegefamilien gesteckt zu werden, versuchen die Kinder nun, selbst für ihr Überleben zu sorgen.

Aufgrund der schon zuvor angedeuteten Isolation der Familie fällt auch niemandem auf, dass die Mutter nicht mehr unter den Lebenden weilt. Rund um das Haus werden zunehmend Häuser für den Straßenbau abgerissen, der aber im Laufe des Buches nie erfolgt. Und so ist da niemand, der die Kinder beaufsichtigen könnte, niemand, der sich um sie kümmern könnte, der mit ihnen trauert. Was nun folgt, ist der sprachgewordene Verfall. Zunächst der biologische, denn nicht nur die Leiche der Mutter fault in ihrem Zementsarkopharg, sondern auch das Essen in der Küche, sodass im Haus bisweilen ein seltsamer Geruch umherweht.

Aber auch der seelische. Die Kinder verwahrlosen. Hat Jack, unser 15-jähriger Erzähler, sich schon zuvor nicht exzessiv um Körperhygiene bemüht, ist es ihm nun gänzlich gleichgültig. Der 6-jährige Tom wird von seinen Schwestern in Mädchenkleider gesteckt und man weiß nicht recht, wie man dazu empfinden soll, ob man abgestoßen sein oder es schweigend hinnehmen soll. Die Kinder verlassen das Haus höchst selten, sie besuchen keine Schule, verlieren jedwedes Zeitgefühl. Bis Julie Derek kennenlernt und der Verdacht schöpft. Im furiosen Finale kommt es zum Zusammenbruch sämtlicher moralischer Vorstellungen, aber gleichermaßen auch zum absoluten Befreiungsschlag. Während Jack sich mit seiner Schwester Julie sexuell vereinigt, zertrümmert Derek im Keller den Zementsarkopharg und ruft die Polizei.

Der Zementgarten lebt von seiner Stimmung, nicht von anschaulich schöner Sprache. Zu keinem Zeitpunkt fühlt man sich wohl mit diesen Kindern. Eigentlich schlägt man auch nicht gern die nächste Seite auf, weil man selbst das Gefühl bekommt, man hielte Leichen im Keller versteckt. Und durch das Fortschreiten der Geschichte wird es immer realer, wie ein penetranter Pfeifton, den man irgendwann nicht mehr ignorieren kann. Man ist durchgehend beklemmt. Angeekelt. Aber genau darin sehe ich die Qualitäten dieser Geschichte. Ein Roman, der mir soviel Abscheu entlockt, so gekonnt mit Stimmungen spielt, hat es verdient, gelesen zu werden. Nicht zuletzt vereinigt er zwei Dauerbrenner der Literatur und der Menschlichkeit im Allgemeinen auf ganz perfide Weise – Sex und Tod.

Ausschnitt aus der Verfilmung von 1993

2 Kommentare

  1. Ich habe das Buch gelesen und gar nicht so abstoßend empfunden. Aber ich kann Deine Gefühle nachvollziehen. Auf jeden Fall lohnt es sich, Ian McEwan zu lesen, „Saturday“ fand ich zum Beispiel weitaus beeindruckender. Vielen Dank auf jeden Fall für die schöne Rezension!

  2. Ich danke Dir.

    Abbitte steht auf jeden Fall noch in meinem Regal. Und Saturday werde ich mir auch noch ansehen. Wenn ich die Zeit finde.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.