Klassiker, Rezensionen
Kommentare 1

Michail Bulgakow – Hundeherz

Michail Bulgakow (1891-1940) war ein russischer Schriftsteller und gilt als einer der größten Satiriker der russischen Literatur. Eines seiner berühmtesten Werke ist sicherlich Der Meister und Margarita, hier vorliegende Parabel war in der Sowjetunion bis 1987, über fünfzig Jahre nach ihrem Erscheinen, verboten.

Es ist Mottowoche! „Hunde, die eigentlich keine sind.“ Nein, selbstverständlich nicht, – es passte bloß so hervorragend zu Mr.Chartwell, das ich diese Verbindung kurz hervorheben musste, auch wenn sie tatsächlich bloßer Zufall ist, der mir erst später auffiel. Mit Hundeherz ist es eine ganz interessante Geschichte, denn man hielt es damals für derart brisant, scharfzüngig und gefährlich, dass es unmöglich an die Öffentlichkeit gelangen durfte. Bulgakows Verleger ließ über ein Parteimitglied ausrichten: Sie ist eine ätzende Attacke auf unsere gegenwärtigen Verhältnisse und kommt auf keinen Fall für eine Veröffentlichung in Betracht …

Was ist nun also so schlimm daran, dass man diese Parabel jahrzehntelang in der Versenkung verschwinden ließ? Eigentlich finden wir hier den sowjetischen Frankenstein. Der Professor Filipp Filippowitsch Preobrashenski sammelt auf der Straße einen halb verhungerten und verletzten Hund auf und lockt ihn mit Futter in seine Wohnung. Nicht, weil er dringend ein Haustier braucht, sondern weil er ein Verjüngungsexperiment beabsichtigt. Er wartet, bis in der Nähe ein Mann stirbt und führt seine, durchaus detailliert beschriebene, Schreckensoperation mithilfe seines befreundeten Doktors durch.

Dem Straßenhund Bello wird die Hirnanhangdrüse des kürzlich Verstorbenen Klim Grigorjewitsch Tschugunkin sowie dessen Hoden eingepflanzt. Und aus dem dankbaren und devoten Hund wird der proletarische Trinker Bellow, innerhalb weniger Tage vermenschlicht der Hund nicht nur äußerlich, sondern auch geistig. Bedauerlicherweise hat er die schlechten Eigenschaften des Mannes geerbt, dessen Hypophyse er besitzt und so ist er ein sehr aufsässiger und unflätiger Zeitgenosse, der im Hause des Herrn Professors ein heilloses Durcheinander anrichtet.

Er klaut Geld, vernichtet Wodka in rauhen Mengen und wird vom Hauswirtschafter Schwonder mit kommunistischen Parolen gegen den Professor aufgehetzt. Ähnlich wie in Shelleys Frankenstein wendet sich also Preobrashenskis Schöpfung, die so niemals beabsichtigt war, gegen ihn – was dazu führt, dass aus dem Genossen Bellow auch wieder der unterwürfige Bello wird. Auch hier könnte man sich noch fragen, was an diesem Text derart bissig – im wahrsten Sinne des Wortes! – gewesen ist, dass er eine Gefahr für die öffentliche Ordnung darstellte. Grund dafür ist die Zeit, in der Bulgakow es verfasste.

1925 war in der Sowjetunion die Zeit der Neuen Ökonomischen Politik (NEP). Nach den Aufständen von 1918 und dem sogenannten Kriegskommunismus, der die Wirtschaftspolitik zwischen 1918 und 1921 beschreibt, galt es, die Wirtschaft zu stabilisieren, um einen kompletten Zusammenbruch zu vermeiden. Man führte marktwirtschaftliche Elemente in die Planwirtschaft ein und sorgte damit für die Legalisierung gewinnbringender Produktion. Man stelle sich vor, der Kapitalismus im Kommunismus gebar eine bourgoise Schicht aus Händlern und Kaufleuten, die ihren neu erworbenen Reichtum deutlich zur Schau stellten und damit den Unmut vieler auf sich zogen.

Es kam zu Kämpfen und Protesten, zu einer Umorientierung der Partei. Es galt, die menschliche Natur durch den neuen Sowjetmenschen zu verbessern, was natürlich in seiner naiven Utopie kläglich scheiterte. Bulgakow richtet sich deutlich gegen diese Utopie und gegen Wissenschaftsgläubigkeit allgemein, wodurch er etwas mit Mary Shelley gemeinsam hat – auch sie gestaltete ihren modernen Prometheus in der Absicht, die Wissenschaft in ihre Schranken zu weisen. Gängige Annahme in der Literaturwissenschaft ist es, dass Bulgakow hier alle Unzulänglichkeiten des Systems widerzuspiegeln versuchte. Er lässt Professor  Preobrashenski am Ende folgende Zeilen sagen: Wenn einer spricht, heißt das noch lange nicht, dass er ein Mensch ist.

Für Bulgakow braucht man, so stelle ich immer wieder fest, einen relativ profunden Kenntnisstand über die Politik und die gesellschaftlichen Zustände Sowjetrusslands. Sonst verpufft die Satire und das wäre ja bedauerlich. Wer diese Kenntnis hat, dem sei Bulgakow natürlich immer empfohlen. Hier auch einen Text der Uni Heidelberg über das Hundeherz, für alle ganz fürchterlich Neugierigen. Und das nächste Buch ist ohne Hunde, versprochen!

1 Kommentare

  1. Pingback: Schullektüre in Russland | Bücherstadt Kurier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.