Romane
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Christian Kracht – Imperium

Christian Kracht ist ein schweizerischer Schriftsteller und Journalist. Er wuchs in der Schweiz, den USA, Kanada und Südfrankreich auf. 1995 veröffentlichte Kracht seinen Debütroman Faserland, der sich mit zeitgenössischer Konsumkultur, Identität und gesellschaftlichen Veränderungen nach der Zeit des Nationalsozialismus befasst. Imperium ist Krachts vierter Roman und löste schon vor Erscheinen eine heftige Debatte über die angeblich offensichtliche antisemitische Färbung der Geschichte aus.

Kracht schreibt hier nicht nur Fiktives, er bedient sich belegter Geschichte und fügt einige neue Elemente hinzu. Sein Protagonist ist August Engelhardt, ein nachgewiesenermaßen realer Aussteiger, der zu Zeiten deutscher Kolonien in der Südsee eine kleine Kokosnussplantage erwirbt und dort den sogenannten Sonnenorden gründet. Engelhardt hält die Kokosnuss für eine göttliche Frucht, da sie der Sonne am nächsten wachse und dem Menschen soviele verschiedene Materialien liefere, dass man durch die alleinige Ernährung durch die Kokosnuss unweigerlich das Menschsein transzendiere, gleichsam abstreife wie ein zu enges Kostüm und dem Göttlichen näherkomme. Man mag das für eine ziemlich komische, verschrobene Idee halten, aber Engelhardt war völlig überzeugt davon.

Kracht nimmt nun diese Geschichte und erzählt die Reisen und Bemühungen Engelhardts. Wie er auf die Insel gelangte, wie er zunächst versuchte, Mitutopisten aufzutun, indem er Werbebriefe verschickte, sich dann aber vollends überfordert zeigt, als rund dreißig junge Aussteiger die Hafenstadt Herbertshöhe belagern, um ihn – August Engelhardt, den Kokosnusspriester – zu sehen. Besucher, die er hatte, finden entweder einen relativ schnellen Tod, wie der bekennende Homosexuelle Aueckens oder flüchten, nachdem sie zwar das Fernbleiben von jedweder Zivilisation genossen, aber den zusehends offenbarer werdenden geistigen Verfall Engelhardts mit Angst und Skepsis betrachtet haben – wie der berühmte Musiker Max Lützow.

Mit fortlaufender Geschichte verliert Engelhardt immer mehr den Bezug zur Realität, Besucher kommen, um ihn wie ein Tier im Zoo zu betrachten, er wird zu einer Art Südseeattraktion. War er am Anfang vom Vegetarismus voll und ganz überzeugt, wird er am Ende zum Kannibalen, war er zu Beginn absolut unpolitisch, wandelt er sich zum Antisemiten, der in den Juden das gleiche Übel sieht wie viele seiner Zeitgenossen. Ich weiß nicht, ob es das war, was Georg Diez im Spiegel für wegbereitend für Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit hielt. Ich halte es lediglich für zeitimmanent, schlussendlich war der Antisemitismus eine allgemein anerkannte und verbreitete gesellschaftliche Stimmung. Wäre Kracht hier moralisierend mit heutiger Erkenntnis zu Werke gegangen, hätte es, so meine ich, die Geschichte entscheidend verfälscht.

Die Sprache der Geschichte ist nicht leicht verdaulich. Zwar ist sie ein Genuss für Freunde des Schachtelsatzes und der Kunst, einen Satz zusammenzustellen, schlägt dabei aber auch ebenso häufig über die Stränge, wenn plötzlich von Anthropophagie und anderen, eher ungebräuchlichen Bezeichnungen, die Rede ist. Sowas macht automatisch den Eindruck erzwungener Intellektualität, die ein Herr Kracht gar nicht unbedingt nötig hat. Insgesamt ist es eine Geschichte, die schwer einzuschätzen ist. Unterhaltsam zwar,  aber recht pragmatisch und ironisch formuliert. Ein interessantes Werk, aber eines, das wohl nur aufgrund der Spiegeldebatte eine solche Aufmerksamkeit erfahren konnte.

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