Allgemein
Schreibe einen Kommentar

Francesc Miralles – Retrum

Francesc Miralles ist ein spanischer Autor. Er hat lange als Verleger gearbeitet, bis er sich entschloss, selbst Bücher zu schreiben. 2009 bekam er den  Premio de la Ciudad de Torrevieja. Er lebt heute in Barcelona und ist, außerhalb seiner schriftstellerischen Arbeit, auch Musiker in der Gruppe Nikosia.

Wer Retrum sieht, wird zuerst vermutlich an Saeculum von Ursula Poznanski denken. Die Gestaltung ist nahezu identisch. Auch bei Retrum geht es um eine Gruppe Jugendlicher, die ein eher ungewöhnliches Hobby hat. Zwar nicht das Rollenspiel, aber die Verbrüderung mit den Toten. Christian ist sechzehn, als er mit seinem Bruder einen Motorradausflug unternimmt und dabei verunglückt. Julíen kommt dabei ums Leben, Christian zieht sich in sich zurück. Die Beziehung seiner Eltern zerbricht, sein Vater verbringt die meiste Zeit vor dem laufenden Fernseher, während seine Mutter nach Amerika auswandert.

Christian beginnt, Horrorliteratur zu lesen und regelmäßig auf dem nahegelegenen Friedhof Musik zu hören. Eines Tages wird er dort von einer Gruppe sehr schräger Vögel angesprochen. Alexia, Lorena und Robert bilden Retrum. Sie kleiden sich schwarz, schminken sich weiß mit lilafarbenen Lippen und heften sich eine purpurne Rose ans Revers. Zunächst bedrohen sie Christian, laden ihn aber dann ein, zu ihnen zu gehören, wenn er eine Nacht auf dem Friedhof verbringt. Das scheint ihm nicht weiter schwierig und nachdem er sich dem Ritual der Blässe unterzogen hat, gehört er offiziell zu Retrum. Doch die Gruppe wird noch Bekanntschaft mit dem ganz irdischen und diesseitigen Bösen machen.

Wo Saeculum wirklich intelligent konzipiert ist, wird Retrum konstruiert. Es beginnt schon mit der ersten Begegnung der Jugendlichen, die abwegig und unrealistisch erscheint. Wer tritt denn ernstlich einer Gruppe bei, von der er zunächst tätlich angegriffen wird? Wer fährt ständig durch die Weltgeschichte, um sich Friedhöfe anzusehen und auf Gräbern zu schlafen? Stellt sich Miralles vielleicht so die Gothickultur vor? Die Gewalt der Geschichte steigert sich vollkommen unverhältnismäßig. Am Ende wirkt es wie ein seltsam zusammengewürfeltes Komplott gegen Christian, Identitäten werden getauscht, es wird gemordet, angetrieben durch Eifersucht und Leidenschaft. Die Figuren schienen mir sehr schablonenhaft, beinahe wie Karikaturen, die man nur ernstnehmen kann, wenn man nach einfach gestrickten Charakteren sucht.

Das Einzige, was mir an diesem Buch wirklich gefallen hat, sind die Zitate berühmter Literaten oder Musiker, die sich immer unmittelbar auf das nachfolgende Kapitel beziehen. Schade, dass es dem Autor hier nicht gelungen ist, soviel Intelligenz in ein ganzes Buch zu schreiben wie in manch einem zitierten Satz allein steckt. Das Ende ist vollkommen absurd dramatisch, spricht aber höchstwahrscheinlich genau die Endzeitromantiker à la Twilight an, bei denen die Liebe über den Tod und alle Wesenheiten hinaus erhalten bleibt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.