Romane
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Anthony Horowitz – Das Geheimnis des weißen Bandes

Anthony Horowitz ist ein britischer Autor und Drehbuchschreiber. Seine Eltern schickten den achtjährigen Anthony auf ein Internat, in dem höchst verurteilenswerte Erziehungsmethoden den Jungen dazu brachten, sich in Geschichten zu flüchten – und den Boden für den späteren Wunsch schufen, Schriftsteller zu werden. Neben Romanen für Jugendliche und Erwachsene schreibt er Drehbücher für Film und Fernsehen.

Als großer Liebhaber des doylschen Meisterdetektivs habe ich mir auch den Roman angesehen, der von Vornherein keinen Hehl daraus macht, ein „Sherlock Holmes Roman“ sein und in die Fußstapfen Conan Doyles treten zu wollen. Anfangs war ich sehr skeptisch und konnte mir unter keinen Umständen vorstellen, dass jemand aus heutiger Zeit problemlos an Conan Doyle anknüpfen könnte. Wenigstens stilistisch müsste ein Unterschied zu bemerken sein, die Einflüsse der heutigen Zeit würden sich bemerkbar machen, davon war ich überzeugt. Aber ich sage es, wie es ist: Ich habe mich geirrt! Anthony Horowitz hat hier etwas geschaffen, das meinen größten Respekt verdient. Es ist ihm gelungen, mich für kurze Zeit vergessen zu lassen, dass ich hier nicht etwa Conan Doyle lese, sondern einen zeitgenössischen Autor, der mit dieser literarischen Verbeugung vor Conan Doyle etwas geschafft hat, was man wohl schon vielfach erfolglos versuchte – nämlich Sherlock Holmes wieder zum Leben zu erwecken.

Zum Inhalt sei Folgendes gesagt: Es ist ein Novembertag im Jahre 1890 als ein Mann namens Edmund Carstairs die Baker Street 221b betritt. Er würde von einem seltsamen Mann beobachtet, den er, wie er glaubt, noch aus Amerika kennt. Es könne sich um niemand anderen als Keenan O’Donaghue handeln, der mit seinem Bruder und seiner Verbrecherbande vor etwas über einem Jahr dafür gesorgt habe, das eines der größten Geschäfte, das ihm als Kunsthändler jemals gelungen war, letztlich misslungen war. Holmes bittet höflich darum, ihn wieder zu konsultieren, falls der Mann, den man zu diesem Zeitpunkt noch für Keelan O’Donaghue hält, wieder auftaucht. Schon am nächsten Tag wird Holmes erneut von Familie Carstairs gerufen – bei ihnen sei eingebrochen worden. Blitzschnell und scharf kombiniert Holmes, dass der Einbrecher vermutlich geneigt ist, die Beute in einer Pfandleihe zu versetzen und schickt seine „Irregulären“, die Straßenkinder Londons, auf eine Spur, die Holmes und Watson zu einem ganz anderen, grausamen und nahezu unaussprechlichen Verbrechen führt. Zum House of Silk.

Mehr möchte ich zum Inhalt gar nicht sagen, denn die Spannung, die dieser Roman erzeugt, sollte durch nichts getrübt werden.

Es gelingt Horowitz, vereinzelt Episoden in den Text einfließen zu lassen, den geneigte Holmes-Liebhaber natürlich bereits kennen dürften. Jabez Wilson und die Liga der Rothaarigen finden Erwähnung, sowie der Fluch der Familie Baskerville und die Umstände, unter denen Holmes und Watson sich kennenlernten. Man bemerkt, hier schreibt nicht irgendjemand an einer Fortsetzung, hier ist jemand mit dem Herzen dabei. Auch Dr. Trevelyan, der aus der Brook-Street-Affäre bekannt ist, spielt hier eine nicht unwesentliche Rolle. Es lässt sich insgesamt einfach nichts Negatives über diesen Roman sagen. Er ist rund, er ist spannend, er hat mich gefesselt und nicht nur an Conan Doyle, sondern auch an einen anderen Autor des viktorianischen Londons erinnert: An Charles Dickens. Die Brillianz, mit der Horowitz am Ende die verschiedenen losen Enden der Erzählung zusammenführt und das Rätsel vollkommen plausibel zusammenführt, erinnert stark an die Psychologie und Charakterzeichnung eines Charles Dickens‘, dem es am Ende eines jeden Romans  immer gelang, seine Charaktere zusammenzuführen und aus den einzelnen Mosaiksteinchen seiner Erzählung ein vollständiges Bild zu machen. Wer Dickens und Doyle mag, wird an diesem Buch nicht vorbeikommen, aber auch der geneigte Krimileser möge einen zweiten Blick darauf werfen. Es ist vortrefflich gelungen!

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