Romane
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Sarah Kuttner – Wachstumsschmerz

Sarah Kuttner ist eine deutsche Autorin, Kolumnistin und Fernsehmoderatorin. Ihr literarisches Debüt gab sie 2009 mit Mängelexemplar. Darin verarbeitete sie das Thema Depression, das nach eigenen Angaben in ihrem Bekanntenkreis vermehrt aufgekommen war. Kuttner war lange Zeit als Kolumnistin für die Süddeutsche Zeitung und den Musikexpress tätig. Daraus entstanden Kolumnensammlungen wie Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens und deren Fortsetzung Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart.

Wachstumsschmerz ist entgegen aller Erwartungen nicht nur ein Buch für im Wachstum befindliche Halbadoleszente. Es ist ein trauriges, leises, manchmal albernes und hin und wieder derbes Buch über eine Welt voller Möglichkeiten, die mit all ihren gangbaren Wegen die Sicht auf das nimmt, was wirklich wichtig ist. Luise und Flo sind schon sseit Jahren ein Paar, sie kennen sich in und auswendig, haben ihre gemütlich choreographierten Rituale und ergänzen einander. Nur eines haben sie noch nicht getan: Eine gemeinsame Wohnung bezogen. Mit dieser Herkulesaufgabe beginnt der Roman. Denn wer schonmal auf Wohnungssuche war, weiß, dass es in jeder Generation zu erheblichen Schwierigkeiten und Unstimmigkeiten kommen kann.

Luise wird nebenbei in einer Kartei für Schauspieler und Werbegesichter geführt, ohne sich wirklich weiter für eine Karriere in diesem Bereich zu interessieren. Sie ist gelernte Schneiderin und fertigt alten Herren Maßanzüge und war eigentlich immer ganz zufrieden, bis ihre Umgebung plötzlich beginnt, danach zu fragen, was sie noch erreichen wolle. Wohin sie mit ihrem Leben wolle. Langsam und schleichend wird sie immer unzufriedener, fühlt sich immer ferngesteuerter von einer Gesellschaft, die statt zu fördern nur noch fordert – undzwar eine lupenreine Darstellung der Normalität. Des Zusammenseins. Auf der Hochzeit eines Bekannten erleidet sie einen Zusammenbruch.

Wachstumsschmerz ist eine Trennungsgeschichte. Wir vollziehen hier mit der Protagonistin nicht nur die Trennung von ihrem Partner, sondern auch die Loslösung von Erwartungen, die Abgrenzung von anderen und deren Erfolgen. Vermutlich hätte ich das Buch nicht gekauft und gelesen, wenn ich nicht von Berufs wegen dazu animiert worden wäre. Und ich muss sagen: Ich habe es nicht bereut. Kuttner hat einen, für mich, sehr beeindruckenden Umgang mit Sprache, ihre enorm plastischen Beschreibungen der Gefühle, die Luise  durchlebt, erreichen ihr Ziel. Jedenfalls bei mir, – vielleicht gibt es Bücher, die einfach unweigerlich zu einem bestimmten Moment im Leben eines einzelnen passen. Und dieses passte zu mir. Sicherlich aber auch zu jemandem, dem der Schmerz der Protagonistin fremd ist. Irgendwann einmal hat ihn jeder gespürt.

 


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