Graphic Novel
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Tirabosco & Wazem – Das Ende der Welt

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Pierre Wazem (1970) ist ein schweizerischer Comiczeichner. Er debütierte 1997 mit dem Comic ‚Livre vert Vietnam. Tom Tirabosco (1970) ist ein italienischer Zeichner und Karikaturist. Außerdem zeichnet er sowohl politische als auch kulturell orientierte Plakate.  Das Ende der Welt erhielt 2009 den Prix œcuménique sowie den Preis der Stadt Genf, in der beide, Illustrator und Autor, leben und arbeiten.

Das Ende der Welt ist nicht nur ein Comic, ein Graphic Novel, es ist ein eigenartiges Märchen, das uns durch das Unterbewusstsein in etwas morbide Traumwelten entführt, obwohl man beim Anblick des Covers zunächst wohl eher einen üblichen Comic über Lebens- , Sinn – und Schaffenskrisen erwartet.  Die Geschichte beginnt in einem Auto, das in hohem Tempo durch den Wald rast. Auf dem Rücksitz sitzt ein kleiner Junge, vorn eine schwangere Frau, die offensichtlich gerade ihr Kind bekommt. Es ist nass, regnet in Strömen und so geschieht es, dass der Vater das Auto gegen einen Baum fährt – und den Sohn das Leben kostet.

Philosophischerweise beginnt unsere Protagonistin in dem Augenblick zu leben, in dem ihr Bruder seinen letzten Atemzug tut. Aber ich greife vor, denn seit dem Unfall sind zwanzig Jahre vergangen und wir sehen uns zunächst einmal einer Protagonistin gegenüber, die nichts mit sich anzufangen weiß. Auch hier regnet es, was der ganzen Geschichte, auch durch die durchgängig schwarz-blau-grau gehaltenen Zeichnungen, einen sehr melancholischen Anstrich gibt. Ihr Übriges leisten ihre Selbstgespräche. Sie liegt mit ausgestreckten Armen auf dem harten Fußboden und philosophiert. Trotz dieses doch recht abgedroschenen Motivs gelingt es den Autoren dennoch, Verständnis für dieses Mädchen zu wecken, von der wir dank der Anfangsszene mehr zu wissen glauben als sie selbst.

Eines Abends fällt ihr plötzlich, ihr Vater ist ins Koma gefallen, ihre Mutter längst verstorben, die Katze ihres Vaters ein, die unbedingt versorgt werden muss. Schließlich haben sie aufgrund des anhaltenden Regens im Radio das Ende der Welt vorausgesagt. Schon hier macht sich diese leicht düstere und märchenhafte Komponente bemerkbar. Stellen wir uns doch nur mal eine Sekunde lang vor, was mit unserer Zivilisation geschehen würde, wenn der Kommentator im Radio ansagte, die Welt werde untergehen. (…)

Unsere Protagonistin schwingt sich jedenfalls auf ihr Fahrrad und lässt ihren Freund/Mann allein in der Wohnung zurück, was der Beziehung, sei sie welcher Art auch immer, vermutlich ganz gut tut. Denn er kann das ständige Philosophieren und Nichtstun seiner Freundin nicht mehr ertragen. Im Haus ihres Vaters angekommen, findet sie alles so vor, wie sie es damals verlassen haben. Warum, wird niemals ganz klar. Vielleicht, weil die Mutter starb, vielleicht, weil der Vater erkrankte. Nach kurzer Zeit betritt eine alte, sonderbare Frau das Haus, die wir schon zuvor bei etwas unerklärlichen Tätigkeiten beobachten durften.

Die beiden setzen sich zusammen und trinken selbstgebrannten Schnaps, bis das Thema am nächsten Tag auf den Raum im Obergeschoss kommt, von dem man erfuhr, dass er seit dem Tod der Mutter verschlossen und unbewohnt war. Es hatte immer ein von allen akzeptiertes Verbot gegeben, jemals einen Fuß über die Schwelle zu setzen, sodass dieses Zimmer nun den Zugang zu dem darstellt, was unsere Protagonistin fürchtet, wovor sie flieht. Sie steigt also hinab in ihr Unterbewusstsein und sieht ihren Fragen in die Augen, statt sie hin und her zu bewegen sie Figuren auf einem Spielbrett. Sie trifft auf einen gärtnernden Jungen, auf ein riesiges Monster und ihren Vater, der in einem Haus voller Ranken aufklärt, was ihr schon immer auf der Seele brannte.

Das Ende kommt für meine Begriffe etwas plötzlich und bricht die Atmosphäre des ganzen Graphic Novels auf. Gut möglich allerdings, dass das beabsichtigt war, um einen Kontrast zu dieser regnerischen Weltuntergangsstimmung zu erzeugen, die das Buch zuvor beherrscht hat. Insgesamt ein sehr leises und vorsichtiges, an manchen Stellen verwirrendes und bizarres Stück „Grafikliteratur“, was es aber dennoch anzusehen lohnt.

Tirabosco & Wazem: Das Ende der Welt, aus dem Französischen von Kai Wilksen, avant-verlag, 120 Seiten, 17,95

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