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Patrick Ness & Siobhan Dowd – Sieben Minuten nach Mitternacht

Siobhan Dowd war eine irisch-britische Schriftstellerin. Sie studierte und lebte bis zu ihrem Tod 2007 in Oxford. 2006 veröffentlichte sie ihren viel gelobten Debütroman Ein reiner Schrei. Sie hatte bereits mit dem Manuskript zu Sieben Minuten nach Mitternacht begonnen, konnte es aber nicht mehr beenden. Das übernahm Patrick Ness, ein amerikanischer Autor, der von den Werken Dowds sehr beeindruckt war. Er studierte Englische Literatur, unterrichtet Kreatives Schreiben und ist für den britischen Guardian als Rezensent tätig.

Dieser Roman ist sowohl in einer Erwachsenen – wie auch in einer Kinderausgabe erhältlich, wenngleich beide sich auch lediglich gestalterisch, nicht etwa textlich oder inhaltlich unterscheiden. Aber nun zum Inhalt, der, wie ich finde, sehr beeindruckend und bewegend ist. Protagonist ist ein Junge namens Conor, dessen Mutter, das erfahren wir früh, schwer krank ist. Die Beschreibungen legen nahe, dass sie an Krebs erkrankt ist, ähnlich wie Siobhan Dowd selbst.  Conors Vater lebt mit einer neuen Frau in Amerika, seine Großmutter ist eine strenge und – oberflächlich betrachtet – emotionslose Frau. Jede Nacht wird Conor von einem Alptraum heimgesucht, in dem er an einer Klippe steht und jemanden loslassen muss, der dann in die rabenschwarze Tiefe fällt.

Er wacht schweißgebadet und schreiend auf, bis eines Tages, sieben Minuten nach Mitternacht, ein großes Monster erscheint. Es sieht aus wie die Eibe, die vor Conors Haus steht und es flößt ihm, erstaunlicherweise, kaum Angst ein, als es zum ersten Mal auftaucht. Er kenne Schlimmeres, sagt Conor und spielt damit auf seinen furchtbaren, sich stetig wiederholenden Alptraum an, der ihn verfolgt. Das Monster erzählt dem Jungen drei Geschichten, bis der bereit ist, ihm mit der vierten seine eigene zu offenbaren. Die Geschichten warnen implizit davor, vorschnelle Urteile zu fällen, sie bereiten Conor gewissermaßen auf den eigenen emotionalen Widerspruch vor, der auslösend für seine Träume ist.

Mit langsamem Fortschreiten der Geschichte geht es Conors Mutter immer schlechter, bis sie schließlich ins Krankenhaus eingeliefert wird. Bis zuletzt glaubt Conor an ihre Heilung, versucht er zu glauben, dass das Monster gekommen sei, um sie zu retten, während er sich zu anderem Zeitpunkt sogar unsicher ist, ob dieses Monster überhaupt existiert – und nicht nur ein Traum oder eine Ausgeburt ausufernder Fantasie ist. Das Monster bereitet ihn darauf vor, loszulassen. Seine Mutter loszulassen, die schließlich sterben wird. Die Wahrheit zu erkennen und auszusprechen, dass er es beinahe von Anfang an wusste – und dass er sich wünschte, dieses Warten auf den Tod wäre endlich vorbei. Conor hat Schuldgefühle, er glaubt, für diese Gedanken bestraft werden zu müssen. Und so zerlegt er (angeblich mithilfe des Monsters) die Wohnzimmereinrichtung seiner Großmutter und zettelt eine Schlägerei in der Schule an. Er droht an der Situation zu zerbrechen.

Nicht nur inhaltlich ist dieses Buch eine Entdeckung, auch sprachlich ist es eine bewundernswerte Leistung. Und obwohl zwei Autoren daran gearbeitet haben, bemerkt man stilistisch keinen Bruch, die Geschichte ist stringent und in sich flüssig, wenngleich auch bis zum Ende nicht ganz klar ist, ob dieses Monster wirklich existierte oder nur eine erdachte Gestalt Conors war, die ihn in der Zeit, in der er am dringensten einer Stütze bedurfte, den Rücken stärkt. Ich halte das aber auch für eine vernachlässigenswerte Fragestellung. Und nachdem ich das Buch beendet habe, fühle ich mich beinahe ein wenig beschwert. Die Geschichte ist wahnsinnig traurig und doch so wahr, im Angesicht des Sterbens und der Vergänglichkeit. Ein Kinderbuch ist es keinesfalls, es sei denn, man spricht mit den Kindern darüber und macht ihnen deutlich, worum es geht. Fast finde ich es ein wenig zu bedrückend für ein Kinderbuch. Wer sich aber von schweren und melancholischen Geschichten nicht abschrecken lässt, dem sei es wärmstens empfohlen. Ness hat gut daran getan, diese Geschichte zu beenden. Lobend hervorzuheben sind auch die Illustrationen Jim Kays, die der Geschichte zusätzliche Tiefe und Stimmung verleihen.

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